Montag, 30. November 2009

Pequeñezas que te dejan pensar




Am Rande – zwischen (T)raum und Wirklichkeit

Immer wieder gibt es kleine kurze Augenblicke, die dem Alltag die Rahmen springen. Manchmal sind es nur ein paar Sekunden, ein Augenzwinkern, manchmal sind es Bemerkungen, die in Gesprächen fallen, manchmal sind es einzelne Wörter, die einem im Gedächtnis bleiben, manchmal sind es Blicke von Fremden, manchmal ist es eine zufällige Berührung und ganz selten ist es auch einfach nur ein Gefühl, das sich plötzlich in der Magengrube breit macht.



Da gehe ich zum Beispiel schnellen Schrittes – und ja die, die mich kennen, wissen, dass ich ziemlich flott unterwegs bin, erst recht für meine kurzen Beinchen – abends gegen neun Uhr das kurze Stück von der Haltestelle des Transmilenios zu meiner Wohnung nach Hause. Es ist dunkel, wenig Menschen sind unterwegs, der ein oder andere führt seinen Hund spazieren und auf der Mitte der Straße steht ein Obdachloser in Lumpen, man riecht ihn zehn Meilen gegen den Wind, er sieht jedoch harmlos aus. Auf dem Fußweg, eine ältere Dame, bestimmt an die achtzig, klein, faltig, sie sieht sehr verängstigt aus, irgendwie wirkt sie winzig, ihr Körper passt einfach nicht in diese Stadt, an diesen Ort, so einsam und allein. Sie fasst sich ein Herz und spricht mich an, ob ich nicht einfach neben ihr herlaufen könne, sie würde sich so unsicher fühlen und ganz in der Nähe wohnen. Das kurze Stück begleite ich sie gerne, nichts sagend, langsam durch die nächtlichen Straßen, nebeneinander her, ein leises „Danke“ und schon trennen uns unsere Wege wieder.

Ich sitze im Taxi, auf dem Weg zu einer Messe, überfliege einige Seiten eines Buches, das ich erst vor einigen Stunden erstanden habe, lese ein paar Sätze genauer, denke über das Gelesene nach, hebe meinen Kopf, schaue gedankenverloren aus dem Fenster und plötzlich kreuzt sich mein Blick mit dem einer Prostituierten, einer männlichen. Es ist ein stechender Blick, ein verurteilender Blick, so als hätte ich nicht das recht in diesem Moment, in dieser Straße, in diesem Taxi zu sitzen, geschweige denn, den Blick zu heben, um mich umzusehen. Und ehe ich mich versehe, starre ich erst recht die Straße entlang, entdecke rasierte Männerkörper in knappen Glitzer-Röckchen auf Highheels, auf denen ich niemals laufen könnte, eine Straßenecke weiter sitzt ein fleischgewordener Berg von Mensch auf einer Bank, vor einem Haus, die Lippen offensichtlich weit mit dem rosafarbenen Lippenstift verfehlt, Erinnerungen an einen traurigen Clown werden wach. Um die nächste Straßenecke gebogen und schon ist alles vorbei.



Eine Frage, die mich nach mehrmaligem Nachfragen so sehr in Lachen ausbrechen lässt. Im Spanischen gibt es kein sprachliches Adäquat für warm und heiß, es gibt hier einfach keinen Unterschied, alles ist caliente. Während eines Filmes drückt er plötzlich auf die Stopp-Taste und fragt mich, ob es warme Hosen in Deutschland wirklich gäbe. Warme Hosen? Schneehosen? Lange Unterhosen? Bis ich mir das Standbild genauer ansehe und mir bewusst wird, was er meint. Ich kann mich kaum halten vor Lachen. Hotpants. „Heiße Hosen“. Hier steht man eben nicht auf wirkliche Anglizismen, sondern übersetzt sie lieber.

Der Rückweg eines Abends, mit dem Transmilenio; es ist voll, die Menschen sind ungeduldig, unruhig, unfreundlich, drängeln sich in der traubestehenden Masse weiter nach vorne, lassen dann nach ewigem Warten weder ein- noch aussteigen und ignorieren die (halbwegs) freundlichen Aufforderungen („Disculpa“, „Perdon“) bis man sich mit dem Ellenbogen nach vorne arbeitet. Aus Dankbarkeit wird man dann fast verprügelt, die Hand zischt nur knapp an meinem Ohr vorbei. Einmal drin im Bus, zustimmendes Gemurmel, die Menschen sind auf meiner Seite, drücken ihre Zustimmung durch Nicken und Blicke aus. Ein leichtes Seufzen, ein Mundwinkel zieht sich nach oben, ein seichtes Schütteln mit dem Kopf.



Ein Traum, an den ich mich zumindest bruchstückhaft erinnere, was sehr selten ist, denn meine Träume und ich. Ich spreche hier nicht vom Kopfkino, von den Dingen, die ich vor meinem inneren Auge sehe, an diese Geschichten kann ich mich sehrwohl erinnern, an meine Träume jedoch nicht. Und wenn dies dann der Fall ist, geschieht etwas, kaum zu beschreiben. Mein Körper kann den Traum reproduzieren, er fühlt das Geträumte nochmals. Die Gefühle sind klar und deutlich, die Beteiligten nicht, alles andere ist schwammig, mehr als schwammig. Eine seltsame Erfahrung, wenn man im Traum erschossen wird.

Der plötzliche Schreck, wenn man das kalte Wasser der Dusche aufdreht, alles zieht sich zusammen, die Lungen arbeiten nicht, wie sie sollen, blitzschnell formt sich eine Gänsehaut am ganzen Körper. Dann der Weg zum Schwimmbecken, es zieht, der Badeanzug klebt eisig am zitternden Körper. Und dann der Sprung vom Startblock, die Fingerspitzen tauchen ein, der Kopf, der Körper, eine andere Welt tut sich auf. Es ist so still, so unglaublich still. Der Körper schwebt, schwebt in seinem Element und nichts, aber auch rein gar nichts kommt in meinem Kopf an, kein Denken, kein Fragen, keine Bilder, keine Geräusche. Nur Sein, bloßes Sein.

Das Bild eines Menschen, das plötzlich in einem auftaucht, ein Wort, das im Zustand der Ekstase gefallen ist, wie bewahrt man es auf. Es verbindet sich mit einem Gefühl, das in einer winzigen Ecke des Körpers entsteht.

Ein Lied, das ganz plötzlich genau das trifft, was man fühlt, aber nicht in Worte fassen kann.

Eine Berührung, die sich tausendmal wiederholen soll, es aber nie wieder tut, nie wieder auf genau diese eine Art und Weise.

Die Betonung eines Wortes, die die ganze Situation verändert.

Ein Augenzwinkern und die Illusion hat sich aufgelöst, die Seifenblase ist zerplatzt.

Und das Warten, das Suchen und Finden beginnt erneut.

Manchmal muss man die Augen schließen, um Dinge zu sehen, um sich bewusst zu werden, um die Welt um sich anders wahrnehmen zu können.

Schließ für einen Moment die Augen, stell dir deine Umgebung vor, öffne deine Augen wieder und beginne die Welt von Neuem zu entdecken.

Jeden einzelnen Tag. Atme ihn ein, sauge ihn auf.

Es gibt Schönes und weniger Schönes.

Montag, 23. November 2009

Último día de clase




Halbzeit

Das war es nun also, mein Semester in Kolumbien, ein Fingerschnipsen und schon sind sechzehn Wochen Vorlesungen um, gut, es fehlen noch die Abschlussklausuren, in meinem Fall bedeutet das das Schreiben einiger Hausarbeiten und das war’s dann auch schon. Ein wenig Arbeit steht somit noch an, aber dann. Dann muss ich erst einmal weitersehen…

Und doch war der letzte Tag ein wunderschöner Tag. Keine einzige Wolke am Himmel, die Sonne brennt erbarmungslos nieder. Ein beständiger seichter Wind fährt einem durch die Haare. Das Strahlen der Sonne lässt sich auch in den Gesichtern der Menschen wieder finden.
Ein letztes parcial, ein herzlicher Abschied von Sôniá, meiner Portugiesisch-Lehrerin, eine Einladung zum Kaffeetrinken bei einer anderen Dozentin und dann das lang ersehnte Schwimmbecken. Es ist doch noch was geworden, und das vor dem nächsten Semester. Unglaublich, aber wahr. Aber nicht genug der Unglaublichkeiten. Wie in jedem anderen Schwimmbad muss man auch hier eine Badekappe tragen, nur, dass man diese hier bei seinem ersten Besuch gratis bekommt. Und außer Badebekleidung muss man auch nichts mitbringen. Ein Handtuch bekommt man geliehen, die Seifenspender sind immer gut gefüllt. Da spürt man den Luxus. Außerdem ist es besser im Vornherein zu reservieren, denn es werden pro Bahn höchstens zwei Personen zugelassen. Eine Stunde schwimmen und man fühlt sich wie neugeboren. Und es hat schon was, sich dabei im fünften Stock eines größtenteils gläsernen Gebäudes zu befinden. Die freie Zeit, die ich jetzt habe, werde ich ausgiebig nutzen das etwas zu warme Wasser zu genießen.

Der Mittag oder besser die Mittagssonne lockt mich dann ins Grüne. Unsere Grünfläche, die man nicht überqueren und dennoch betreten darf. In der Nähe vom Bobo ein nettes Plätzchen gefunden, Schuhe aus, Socken aus, Hosenbeine hochgekrempelt, Sonnenbrille aufgesetzt und nen neuen Auster rausgekramt. Das leichte Kitzeln des Rasens, die brennende Hitze auf der Nasenspitze, das laue Lüftchen, das das Ohr streift. Und eine Ruhe, himmlisch. Da kann man fast einschlafen. Aber es gilt ein paar Verabredungen einzuhalten und ja, auch nach vier Monaten hier, bin ich noch immer pünktlich, die anderen allerdings meistens nicht. Also warte ich eine Weile, aber bei dem Wetter, da ist das nicht weiter schlimm… Ein leicht rötliches Ohr hingehalten, zugehört, beratschlagt, dann wieder ein wenig warten auf die nächste Verabredung. Reden, zuhören, sich dem Sonnenbrand auf dem Schienbein bewusst werden, in seiner vegetarischen fajita zwei Stück Fleisch finden und dann ist er auch schon vorbei, der manchmal so lang ersehnte letzte Vorlesungstag.

Und was nehme ich mit? Hhm, da fallen mir so einige Dinge ein. Zu Anfang war ich doch recht geplättet, von der Größe, von dem Angebot und auch von dem, was einem abverlangt wurde. Natürlich macht man sich zunächst zu viel Stress, man muss sich daran gewöhnen, dass alles eben nicht in seiner Muttersprache ist, man muss schnell herausfiltern können, was wichtig ist und was eher zweitrangig. Man muss sich daran gewöhnen seine Dozenten zu duzen oder eben auch „mi amor“ oder „bonita“ beim Kauf eines Kaffees auf dem Campus genannt zu werden (was immer noch besser ist als „reina“ ("Königin") in einem Piercingladen). Man gewöhnt sich an das politische Desinteresse der Studenten der teuersten Privatuni ganz Kolumbiens (während die Studenten der sehr guten Uni Nacional lautstark gegen die Privatisierung kämpfen). Man gewöhnt sich auch schnell an den Luxus, der einem hier geboten wird. Sei es eben der Campus an sich, das neue Sportzentrum, die Betreuung durch die Dozenten auch außerhalb ihrer Sprechzeiten, die Bürokratie, die kein Stück besser ist als die deutsche. Man gewöhnt sich an das außergewöhnliche Wetter, an die morgendlichen Busfahrten (und selbst an den rasanten und auch recht fragwürdigen Fahrstil der Busfahrer, sowie an die winzigen Drehkreuze, durch die man sich durchzwängen muss und an die Klingel zum Anhalten des Busses, die auch gerne mal überhört wird). Man gewöhnt sich selbst an die ganzen Markenklamotten, iPhones, Laptops, Sicherheitskräfte, Polizeipatrouillen, studentische Arbeitskräfte in leuchtend gelben Uniformen, aber man findet auch seine Leute mit denen man über viele Dinge diskutieren kann, viele gute Professoren, die ihre Sache verstehen, viele kritische Geister, Unterstützung und Hilfe.

Und ja, ich muss es alles gar nicht missen, denn jetzt ist es offiziell, ich kann noch ein weiteres Semester dranhängen. Wenn ich also kein Praktikum finde, werde ich ein paar Kurse besuchen bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache. Nach Deutschland. Um dann wieder herzukommen. Es ist zwar momentan noch alles sehr vage, aber das wird schon. Ein wenig von der kolumbianischen Mentalität ist doch schon auf mich übergegangen… Reisepläne stehen auch noch nicht fest, nur eine Woche ist bis jetzt verplant. Mitte Dezember geht’s an den Amazonas, mit rosa Delfinen und Piranhas tauchen, sich mit Macheten durch den Urwald schlagen und hoffentlich wieder zurückfinden. Weiße Weihnachten werde ich hoffentlich auch erleben, allerdings weiße heiße Weihnachten. Am Strand, unter Palmen. Und ins neue Jahr rutschen, das weiß ich noch nicht, wo genau. Aber da hier Feuerwerk verboten ist, wird es so oder so ein ziemlich anderer Jahresabschluss werden.

Diese Zeit hier, der Advent, den man hier nicht kennt, ist auch recht anders. Während in Deutschland die ersten Weihnachtsmärkte öffnen, klettern hier Lichter in Form von Eichhörnchen an Palmen empor oder riesige Albino-Stofftier-Mammuts stehen in riesigen Haufen von Styroporkügelchen in Einkaufszentren. So wird die Weihnachtszeit hier eingeläutet. In einer Woche ist dann auch schon der erste Advent, mal sehen, ob ich eine Kerze anzünde…

Sonntag, 15. November 2009

No dejé eSKAParme esta oportunidad

Eine spektakuläre Woche und schon wieder ein Feiertag in Aussicht



20 Jahre Mauerfall – Ich war noch recht klein als die ersten die Mauer durchbrachen, mit meinen anderthalb Jahren konnte ich da noch nicht an einem solchen Spektakel teilnehmen… Aber 20 Jahre später durfte ich mit Hammer und Meißel bewaffnet die Mauer einreißen. Ja, ich war dabei, beim Fall der Mauer. Und ich bin nun auch im Besitz eines Stücks der Mauer. Und das obwohl ich mich in Kolumbien befinde. Auch hier wurde die Wiedervereinigung gefeiert.

Seit Semesterbeginn gab es auf dem Campus eine Mauer, aus Beton, als Erinnerung an die in Berlin, an der man seine Meinung kundtun konnte, egal ob politisch oder eben nur blöde Sprüche… Und am Montag wurde sie dann eingerissen, vorher gab es eine kurze Rede vom schon uralten Dirktor der Uni, dann eine ewiglange Rede des deutschen Botschafters (in einem sehr deutschen Spanisch, soll heißen, lange verschachtelte Sätze, schreckliche Betonung und mit der Betonung auf Frau Doktor Angelika Merkel) und ein paar interessanten DDR-Kindheits- und Jugenderinnerungen eines jetzigen Politik-Dozenten der Los Andes, danach noch ein paar kurze Worte der Initiatorin und dann wurden fleißig Schutzbrillen und –helme verteilt, bevor es mit großen sowie kleinen Hämmern ans Werk ging. Die ersten Versuche scheiterten, aber dann begann sie zu bröckeln. Viele waren dafür, sie stehen zu lassen, die Mauer, der einzige Ort der freien Meinungsäußerung und künstlerischen Betätigung aller Studenten. Aber wie schon ein Artikel in der El Tiempo schrieb: „Die Mauer muss weck!“ Es dauerte seine Zeit, aber schlussendlich blieben nur Schutt und Staub übrig. Und ein strahlender Nachmittag.



Denn ja, es scheint nun endlich so weit zu sein. Die Sonne kehrt zurück und das nicht nur für ein paar kurze Stündchen, sondern fast den ganzen Tag über. Sonnenbrand gibt’s also wieder im Angebot. Der Regenausverkauf ist vorbei.

Der andere Höhepunkt dieser Woche waren nicht die restlichen Aufsätze, die darauf warten geschrieben zu werden, sondern mein erstes großes Konzert in Kolumbien. Eine Premiere und das nicht nur für mich. Denn sowohl für Toten Hosen, als auch für Ska-P war es das allererste Konzert in Kolumbien. Da mich niemand begleiten wollte, es sei denn ich hätte für die Eintrittskarte bezahlt, hab ich mich allein auf den Weg gemacht. Ein Freitagnachmittag, strahlender Sonnenschein und das erste Mal, dass ich hier Menschen gesehen habe, die wirklich Schlange stehen und was für eine Länge. Da ich mittlerweile schon ein wenig „kolumbianisiert“ bin, habe ich mich einfach mal nicht am hinteren Ende, sondern eben am vorderen eingereiht. Und Ausschau gehalten nach Deutschen. Aber niemand zu sehen, der auch nur ansatzweise deutsch sein könnte. Und das, obwohl die Hosen auf dem Programm standen. Dafür umso mehr kolumbianische Punks (von denen man nur allzu wenige an der Los Andes sieht) und alternativ gekleidete junge Leute. Und dazwischen viele unterschiedliche Menschen; von umherspringenden Kindern über lautstarke Jugendliche bis hin zu alten klapprigen Gestalten, die alle versuchen ihre Waren an die wartende Meute zu verkaufen: Zigaretten, Bonbons, Bier, aguardiente, Telefonate, Hotdogs (die hier perro caliente heißen, also heißer Hund, nur bei uns in Deutschland sind die Anglizismen so stark verbreitet) und vieles mehr. Die Schlange wird nicht kürzer, die Zeit vertreib ich mir indem ich mich musikalisch einstimme und die Leute um mich herum beobachte. Drei Uhr. Halb vier. Die Sonne strahlt und taucht alles in ein unglaublich schönes Licht. Vier. Viertel nach vier. Halb fünf. Erste Unruhen. Viertel vor fünf. Die Sonne steht jetzt so tief, dass man kaum etwas erkennen kann, da alles im Gegenlicht steht. Zehn vor fünf. Fünf. Und nichts. Dabei sollte um fünf Einlass sein. Zehn nach fünf. Die ersten Buh-Rufe werden laut. Viertel nach fünf. Und noch immer rührt sich nichts. Zwanzig nach fünf. Plötzlich scheint es, als ob die Türen geöffnet würden. Doch nicht dort, wo der Eingang angeschrieben steht. Nein, weiter vorne. Eine Welle von hinten. Es wird gerannt, gestolpert, gequetscht. Menschenmassen, die hineinwollen. Pause, weitere fünf Minuten des Wartens. Und ein weiterer Ansturm. Überall Menschen, die ungeduldig werden. Pfiffe und noch mehr Buh-Rufe. Eine weitere Welle des Andrangs und es scheint sich immer mehr anzustauen. Und dann sind wir an den Absperrungen, durchbrechen sie (es bleibt einem gar keine andere Möglichkeit, hinaus aus der vorantreibenden Traube kommt man nicht mehr), und eine weitere Schlange steht vor uns. Die Sicherheitskräfte lassen immer nur fünf Personen durch die meterhohen Gittertüren. Jacke aus, Halstuch ab, Gürtel weg, Schuhe aus, sich abtasten lassen, alles wird durchsucht. Und dann darf man sich erneut anstellen. Zumindest steh ich jetzt vor dem Palacio de Deportes, dem Sportpalast, der so palastähnlich gar nicht ist, eher das Gegenteil von einem Palast, recht klein. Aber nun gut, ich drängel’ mich noch ein Stück weiter vor, geselle mich zu drei Kolumbianern, die ganz nett aussehen und in der Tat, wir kommen ins Gespräch, ich versuche ihnen die Aussprache der deutschen Band beizubringen und wir warten und warten… Bevor wir erneut abgetastet werden und gefragt werden, ob wir auch wirklich keine Zigaretten dabei hätten. Nein, und wenn doch, dann würd ich es bestimmt nicht zugeben. Pfft. Einmal drin im Palast, da frag ich mich, was man hier für Paläste baut. Von innen ist es noch kleiner als es von außen scheint. Die Bühne ist nicht sonderlich groß, aber wir stehen im vorderen Drittel. Die Halle füllt sich und ja, ein anderes Klientel als ich mittlerweile von der Uni her gewohnt bin.

Die Vorband beginnt, Area 12, die Akustik ist nicht gerade die beste, den Sänger hört man kaum, aber die Musik ist nicht schlecht, nur denkt das leider nur die Minderheit des Publikums. Rufe wie „FUERA! FUERA!“ werden laut oder „QUEREMOS VER SANGRE!“ („Raus mit euch!“ oder „Wir wollen Blut sehen“). Ein wenig Angst krieg ich schon, mal ganz davon abgesehen, dass hier kaum jemand Die Toten Hosen kennt. Nach einer halben Stunde gibt die Vorband auf, es wird wieder hell. Umbau. Anti-Uribe-Chöre, die immer wieder angestimmt werden während des Abends. Die ersten Marihuana-Wolken steigen auf, ich habe allen Ernstes noch kein Konzert erlebt, auf dem so viel gekifft wurde (und ich frage mich, wie das Zeug reingeschmuggelt wurde). Nach der kurzen Umbau-Pause stimmen die Hosen Hey Ho, Let’s Go von den Ramones an und wider Erwarten reißt es die Menge mit. Die ersten fangen an zu pogen. Danach Begrüßung halb auf Spanisch, halb auf Englisch (ein schlechter Flachwitz: „We thought we would know what snow is, but the best snow that exist is from Columbia!“) und dann das neuste Lied: Strom. Kaum jemand versteht was gesungen wird, aber solange man dazu pogen kann…
Bekannte Lieder wie Es kommt die Zeit oder Hier kommt Alex werden gesungen und ich gröle fleißig mit (und übersetze Teile) und die Leute um mich herum schauen mich nur seltsam an, so nach dem Motto, in welch fremden Zungen spricht die denn. Steh auf, wenn du am Boden bist und zwischendurch immer wieder Cover-Versionen: I fought the law von The Clash und La Bamba. Und da soll noch mal einer sagen, dass die Deutschen verschlossen und kalt sind. Und man mag es kaum glauben, Campino, der Sänger, entledigt sich seines Hemdes und seines T-Shirts und wirft sich oberkörperfrei und schwitzend in die Menge – Stage-Diving während er singt, Respekt. Die Meute kocht. Es ist großartig. Schon lange habe eine Menschenmasse nicht mehr so genossen. Die schweißgetränkte Luft, das Mitgrölen alter Lieder, das gemeinsame Springen im Takt, den Körperkontakt mit so vielen fremden Menschen, die sich für das Gleiche begeistern, chévere…
Und dann die Zehn kleinen Jägermeister (bis auf die Stelle, an der einer der Jägermeister nach Köln fährt, ein gelungenes Trinklied):

Zehn kleine Jägermeister rauchten einen Joint,
den einen hat es umgehaun, da waren's nur noch neun.
Neun kleine Jägermeister wollten gerne erben,
damit es was zu erben gab, musste einer sterben.
Acht kleine Jägermeister fuhren gerne schnell,
sieben fuhrn nach Düsseldorf, einer fuhr nach Köln.

Einer für alle, alle für einen,
wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?
Einmal trifft's jeden, ärger dich nicht,
so geht's im Leben, du oder ich.

Sieben kleine Jägermeister warn beim Rendezvous,
bei einem kam ganz unverhofft der Ehemann hinzu.
Sechs kleine Jägermeister wollten Steuern sparen,
einer wurde eingelocht, fünf durften nachbezahlen.
Fünf kleine Jägermeister wurden kontrolliert,
ein Polizist nahm's zu genau, da warn sie noch zu viert.

Einer für alle, alle für einen,
wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?
Einmal trifft's jeden, ärger dich nicht,
so geht's im Leben, du oder ich.
Einmal muss jeder gehen
und wenn dein Herz zerbricht,
davon wird die Welt nicht untergehn -
Mensch ärger dich nicht!

Vier kleine Jägermeister bei der Bundeswehr,
sie tranken um die Wette, den Besten gibt's nicht mehr.
Drei kleine Jägermeister gingen ins Lokal,
dort gab's zwei Steaks mit Bohnen und eins mit Rinderwahn.
Zwei kleine Jägermeister baten um Asyl,
einer wurde angenommen, der andere war zu viel.

Einer für alle, alle für einen,
wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?
Einmal trifft's jeden, ärger dich nicht,
so geht's im Leben, du oder ich.
Einmal muss jeder gehen
und wenn dein Herz zerbricht,
davon wird die Welt nicht untergehn -
Mensch ärger dich nicht!
Ja, davon wird die Welt nicht untergehn -
Mensch ärger dich nicht!


Und dann… Lichter wieder an. Anti-Uribe-Chöre, Plakate wurden gehisst („Colombia si es el Israel de América Latina!”) und Ska-P-Rufe wurden geschrien...
Bis dann endlich die Lichter wieder ausgingen, um Sekunden später die Bühne wieder zu erleuchten. Und da waren sie. Ska-P. Für alle, die sich fragen, was denn genau Ska ist, nun, es ist unbeschreiblich, man muss dabei sein, um es zu erleben. Es macht auf jeden Fall eine Menge Spaß. Und Ska-P ist eine der verrücktesten und auch politischsten Ska-Bands. Plötzlich bricht eine Tanzwut aus. Mehr als zwei Stunden wird „geskankt“, „gepogt“ undd vor allem genossen, mitgesungen, mitgefiebert… Lieder wie Vergüenza, Ni f uni fa, A la mierda, Cannabis, Welcome to Hell heizen der Menge ein und wirklich, wir tropfen nur so vor uns hin. Die Luft tanzt mit, obwohl sie eigentlich stehen müsste. Jeder Körperteil ist in Bewegung, das Hirn schüttet so viele Endorphine wie nur möglich aus. Derjenige, der am Ende dieses Abends nicht durchgeschwitzt, glücklich und völlig fertig ist, hat definitiv etwas falsch gemacht. Die Bühnenshow ist großartig, man sollte vielleicht erwähnen, dass keiner der sechs Kerle wirklich hübsch ist, aber das ist ihnen völlig egal und auch gut so. Der Trompeter, mit einem ordentlichen Bierbauch spielt das gesamte Konzert über in nichts weiter als in einem Schottenrock, einer der Sänger verkleidet sich als Uncle Sam auf Stelzen während des Liedes Tio Sam

Und sie hören nicht auf zu spielen, fast zweieinhalb Stunden und am Ende, nachdem auch Intifada ein zweites Mal gespielt wurde, legen sie alle ein paar ordentliche Soli aufs Parkett und entledigen sich fast ihrer gesamten Kleidung bis sie nur noch in Unterhosen auf der Bühne stehen…
Ein nicht wirklich schöner Anblick, aber ein umso besserer Abschluss für einen so genialen Abend. Dieses Wochenende heißt es wohl eher: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit.

Mittwoch, 11. November 2009

La U

Nach einem bildlosen Eintrag, gibt es jetzt einen fast wortlosen Eintrag




Für alle, die nach Bildern lechzen, hier sind sie: Bilder, der Universität, an der ich seit mehreren Monaten studiere...


Es wird überall außerhalb des Campus davor gewarnt seine Wertgegenstände zu präsentieren.




Edificio Mario Laserna, in dem es Rolltreppen und Fahrstühle zu Fortbewegung gibt und die Hauptbibliothek.


Ja, richtig, eine Anleitung zum Händewaschen, gibt es in allen WCs.


Und überall sonst gibt es Antiseptika für die Hände.


Moderne Gebäude


neben alten Gebäuden


Konsumtempel


direkt neben einer ehemaligen Irrenanstalt, die nun als Bibliothek dient.


Die musikalische Abteilung


sowie die Kunst


viel Grün


Treppenstufen hinauf zum...


neuen Sportzentrum


viel Glas



Aussicht von einem der höchsten Gebäude über die Stadt


Entweder steil bergauf...


oder eben einige der ach so wenigen Treppenstufen...


Kein Gebäude gleicht einem anderen.


wirklich keines


Unser "Bobo" alias Albertus Magnus, ich habe lange gebraucht, um zu realisieren, dass die gleiche Statue vor der Universität zu Köln steht...


Vielen Gärtnern werde hier Arbeitsplätze gesichert...


Das Betreten des Rasens ist nicht verboten, nur das Überqueren, denn hier soll man sich ausruhen können ohne gestört zu werden...


Dies ist also ein Teil der Uni, ja, ganz Recht, vielleicht die Hälfte des gesamten Campus oder ein wenig mehr, demnächst gibt es auch ein paar Innenansichten.

Montag, 9. November 2009

Una semana en retrospección

Der Regen ist zurück… Oder war er jemals wirklich fort…

Ja, so ist es, ein Tag ohne Regen, der ist selten in diesen Tagen, aber, wenn man ihm entgegenlacht, dem Regen, dann ist alles halb so schlimm. Wenn man über die Pfützen springt und sich durch die reißenden Stromschnellen wagt, in die sich die Straßen verwandeln. Morgens scheint dann alles wieder ganz normal, so, als sei überhaupt nichts, ja, rein gar nichts, gewesen… Es ist nicht kalt, nicht warm, zu den üblichen Telefonat-Verkäufern gesellen sich Männer und Frauen, die Schirme (für Regen UND Sonne) verkaufen, die Stimmung ist nicht unbedingt auf dem Hochpunkt, aber auch nicht auf dem Tiefpunkt. Es ist November, auch hier ist dieser ein Monat ein wenig grauer als die anderen und auch hier beginnt der Weihnachtswahn, man kann ihm einfach nicht entrinnen. Wie schon öfters mal erwähnt, hier gibt es Straßen, in denen sich Geschäfte an Geschäfte reihen, in denen man die gleichen Dinge erwerben kann. So gibt es auch Straßen aus deren Geschäften Weihnachtslieder tönen, in deren Schaufenstern Weihnachtskugeln angepriesen werden und in denen es vor allem vor künstlichen Weihnachtsbäumen nur so strotzt; aber auch wunderhübsche geschmückte rote Plastikpalmen läuten das nahende und sehr andere Weihnachtsfest ein… Die Spannung steigt, aber die Kälte fehlt, das graue triste Gefühl des nebligen Novembers, die ins Bett gekuschelten Abende, die Teekanne auf dem Stövchen, der Kerzenschimmer, einmal Jahreszeiten, immer Jahreszeiten, zumindest im Kopf. Und dann wiederum freue ich mich über Sonnenbrand im November, der mich an eine wunderbare Reise erinnert, die ich im letzten Jahr machen durfte, eine große Stadt, ein anderer Kontinent und eine einmalige Freundin…

Und ein wenig herbstlich habe ich es mir heute ebenfalls gemacht: ein ausladendes typisches deutsches Essen mit eingeladenen Freunden. Möhren-Kürbissuppe mit Champion-Einlage und selbst gebackenem Brot (das trotz des Anwärmens des Mehls nicht so geworden ist, wie es werden sollte, Trockenhefe ist nun mal nicht das Gelbe vom Ei), Kartoffelpuffer mit Apfelkompott (das Apfelmus nun ja, auch nicht so wie gewohnt) und Lachs (der eigentlich gebeizt werden sollte, aber wofür die Zeit nicht da war), Rotwein-Birnen mit Schoko-Zimt-Soße an Vanille-Eis (was eher ein Zimt-Rum-Vanille-Eis geworden ist, da man hier einfach keine Vanilleschoten findet). Und Wein, ein Montepulcciano, deutscher Wein ist hier schwer zu kriegen, also eben einer eines Nachbarlandes. Und trotz der ganzen Abwandlungen, Missgeschicke oder wie auch immer man es nennen mag: ein voller Erfolg und, schwups, fühlt man sich ein wenig herbstlicher als vorher. Und das schöne ist, den Abwasch erledigt der männliche Part, das nenne ich gute Arbeitsteilung. Da ist man auch gerne mal die Frau am Herd (vor allem, wenn einem auch lästige Dinge wie Kartoffeln schälen oder Zwiebeln schneiden abgenommen werden).

Das war also der Sonntag. Die Woche umgedreht.
Der Samstag war zunächst ein wenig stressig. Einkaufen für das sonntagliche Mahl. Schreiben eines Aufsatzes. Aufräumen der Wohnung. Und wirklich nachgelassen hat der Stress später auch nicht. Die Verabredung mit Luz, nunja, wenn Kolumbianer sagen, dass sie bis um eins arbeiten müssen, dann meinen sie eigentlich zwei, wenn sie sagen, dass die Haltestelle fünf Minuten entfernt ist, meinen sie eigentlich zehn, so ist das hier. Aber immerhin, die Pakete, die mir meine Eltern vor etwa drei Monaten geschickt haben, sind angekommen, jetzt, wo ich das vergessene Wörterbuch nicht mehr benötige. Und doch habe ich mich nie so gefreut über Dinge wie selbst gestrickte Wollsocken und man mag es kaum glauben, eine Brotbackmischung. Mit zwei schweren Paketen musste ich dann in Richtung Deutsch-Unterricht, das Geld regnet schließlich nicht vom Himmel und auch wenn es hier mehr Esel auf den Straßen gibt als in Deutschland, einen Gold scheißenden habe ich noch nicht gefunden. Zwei Stunden, allein. Nach Hause, die Müdigkeit kriecht mir schon in die Augen, aber ein paar Vorbereitungen stehen noch an: das Eis und die Birnen. Also erstmal die leicht zu erledigende Aufgabe: Birnen schälen, entkernen, Topf raus, Birnen rein, Wein drüber, Zucker drunter, Zimt hinzu, auf den Herd damit und köcheln lassen. Dann der schwierigere Teil: eine Viertel Stunde Eiweiß mit der Gabel steif schlagen (als Mann fällt einem das vielleicht leichter, ich weiß es nicht), danach Eigelb mit Zucker schaumig schlagen (mein Arm ist mindestens genauso steif wie das Eiweiß), die Sahne wird geschüttelt (nicht gerührt), alles zusammen gemischt, Vanille-Essenz drunterheben und ab in den Gefrierschrank mit der Eismasse und ab mit mir ins Bett.

Der Freitag war ausgesprochen angenehm und erholsam, denn er begann mit einem Schwimmbecken, nicht in meinen Träumen, sondern wirklich, eine ganze Bahn für mich ganz alleine, eine gute Freundin hat mich überredet morgens um sechs aufzustehen, um sie zum Schwimmen zu begleiten. Wie gut das tut, Wasser zu spüren, nur diese nervigen Badekappen, die noch nicht einmal wirkliche Badekappen sind, sondern eher Badehauben, die man schleunigst verliert, wenn man vernünftig schwimmt. Aber egal. Wasser. Ich. Glücklich. No necesito nada más. (Ja, es tut mir Leid, mein Deutsch schwindet dahin und in meinen Hirnwindungen setzen sich kolumbianische Modismen fest.) Ausgeruht und wohlig geht es zur Uni. DA wir im Stau stehen, komme ich zu spät, lasse mich dazu hinreißen die morgendliche Sonne im Grünen der Uni zu genießen, gehe zu meiner Vorlesung, und danach ein vegetarisches Restaurant, mitten im Herzen Bogotás, ich will es kaum glauben, da steht es vor mir, drei Gänge zur Auswahl und wieder etwas Neues gelernt: Man isst hier Suppe mit Banane, als Einlage halt, und nach den ersten Zweifeln bin ich vollends überzeugt. Vieles ist bekannt, aber man lernt doch immer wieder dazu. Und ich finde Tofu, guten Tofu, wirklich guten Tofu. Den Nachmittag verbringe ich mit einer guten Freundin, Nina, wir reden und reden und reden und es tut uns beiden gut. Dieser Tag auf einer Skala der Zufriedenheit, unbeschreiblich schön. Und nach dem untätigen Donnerstag und dem Desaster des Mittwochs.

Der Donnerstag bringt eine Absage eines gemeinsamen Mittagessens mit einer Freundin mit sich ein allwöchentliches Telefonat nach Hause, nicht mehr und nicht weniger.

Der desaströse Mittwoch. Eine kurze Nacht, manchmal schläft man eben nicht gut, duschen, frühstücken und noch mal kurz nach Mails schauen und da ist sie, die Nachricht, dass die erste Vorlesung ausfällt, gesendet nachts um zwölf, die Stunde Schlaf hat mir gefehlt, vielen Dank an meinen Dozenten… Die Zeit zum Lernen nutzen, eine mündliche Prüfung in Portugiesisch steht an. Ein Uni-Mittwoch, viel zu tun, wie immer. Und dann die benötigten Bücher in der Bibliothek nicht finden. Nachfragen, wo man den neuen Studentenausweis erhält. Ich werde zu einem Gebäude geschickt. Dort warte ich, erhalte die Auskunft, dass gerade Mittag gemacht wird und ich um zwei wiederkommen solle, also ins Zentrum, um eine Konzertkarte zu kaufen (jawohl, das erste große Konzert, das ich hier besuchen werde: Ska-P und Die Toten Hosen, bitte alle mal hübsch neidisch werden, es war auch das einzig Positive dieses Tages), zurück zur Uni, zum Gebäude, warten, eine Viertel Stunde später, ein Kolumbianer drängelt sich vor, dann bin ich an der Reihe, erkläre meine Situation und dann sagt mir der werte Herr, dass jenes Büro nur für Mitarbeiter der Universität zuständig sei, ich müsse in ein anderes Gebäude. Das hebt meine Laune natürlich um einiges, also auf dem Plan suchen, wo sich eben dieses Gebäude befindet, es finden und sich dorthin bewegen, Schlange stehen, erklären und dann erfahren, dass man, um eine neuen Ausweis zu bekommen, 18500 Pesos auf das Konto einer Bank einzahlen muss, nein, in bar kann man den nicht bezahlen. Entnervt will ich mich auf den Nachhauseweg machen, sehe kurz vorm Einsteigen in den Bus, dass man nur in einer bestimmten Filiale bezahlen kann, mache kehrt, suche, finde, stelle mich an, warte, fülle ein Formular aus, zahle das Geld ein und trete hinaus an die frische Luft. Und ja, drei Schritte entfernt von der Bank, da beginnt es zu schütten und nicht nur das, es hagelt, es fühlt sich an wie im Film, da unterstützt das Wetter ja auch immer die Gefühlslage. Ich bin scheinbar die einzige unterwegs auf den Straßen, betrete wie ein begossener Pudel erneut die Uni, um meinen Beleg einzureichen, werde gefragt, ob ich denn eine Kopie meines Visums dabei hätte, natürlich, immer, genauso wie eine Kopie meines Abschlusszeugnisses, diese Dinge hat man ja immer bei sich. Nicht. Montag könne ich den Ausweis abholen, aber nur, wenn ich auch Ausweis und Kopie des Visums vorlegen würde. Danach ein kleiner Streit mit einer Freundin. Es kann nur noch besser werden. Und das wird es glücklicherweise auch. Eine Oper an der Uni Nacional, sehr gut umgesetzt und schöne Elemente. Es ist eben doch nicht alles schlecht, man darf die Hoffnung nie aufgeben.

Der Dienstag, ein normaler freier Tag, an dem ich nicht viel mache, außer lesen, lernen, schreiben.

Und auch der Montag (obwohl mal wieder Feiertag) kann getrost unbeschrieben bleiben.
Das war sie nun, eine Woche im Rückblick. Und die beiden im Vorblick sind meine beiden letzten Wochen, in denen es Vorlesungen gibt. Und dann ist auch schon Halbzeit. Vier Monate. In einem mir mittlerweile nicht mehr ganz so fremden Land. Und die Pläne in meinem Kopf wachsen weiter, ich werde zurückkehren. Nach Deutschland, aber ebenso nach Kolumbien. Mit Sicherheit.

Montag, 2. November 2009

Soooool, por fin...



Die Regenzeit ist vorüber... Oder etwa doch nicht?

Ein Sonntagmorgen, der auf einer Matratzenhälfte und unter einer Hängematte beginnt… Wie es dazu kam? Gute Frage, in den letzten Tagen ist hier alles ein wenig durchgedreht, vor allem die Menschen…
Der letzte Sonntag war noch recht normal, obwohl, nein, der erste Tag ohne Sturzbäche, Sonne, Sonne und noch mehr Sonne, was für eine Abwechslung nach zwei Wochen Durchnässtsein und Pfützenspringen. Und ein Tag wie jeder andere war es auch nicht unbedingt, ein gemeinsames Mittagessen mit meinen ehemaligen Mitbewohnerinnen Caro und Caro, die eine Caro hatte nämlich Geburtstag, und da wollte sie Sushi essen gehen, also sie von der Kirche abholen, einen Bus auf der Straße anhalten (obwohl seit kurzem versucht wird durchzusetzen, dass diese nur noch an den neuen Haltestellen halten, ist das weiterhin problemlos möglich), aufspringen und ab zum WOK, das Essen ist lecker, aber doch um einiges teurer als das, was man so als Studentin gewöhnt ist. Ein Spaziergang, lange Gespräche über all die neuen Lebensumständen und in Erinnerungen an „alte Zeiten“ schwelgen.

Auf Sonnenschein folgt bekanntlich dann auch wieder Sonnenschein, seit langem hatte ich keinen Sonnenbrand nach einer Viertel Stunde in der Sonne, unglaublich, das Wetter macht hier einfach was es will und all die lustigen Menschen, die meinen, es sei kalt, gut, man sollte vielleicht nicht unbedingt kurze Hosen oder einen Rock (ohne Strumpfhose) tragen (daran erkennt man nämlich auch wunderbar die Touristen), aber eine reale Kälte, die existiert hier einfach nicht, ab und an kann es mal etwas frisch sein und die klaren Vollmondnächte sind auch nicht gerade frühlingshaft, aber auf Handschuhe und Winterjacke sollte man durchaus verzichten können… Aber so ist das eben, wenn man keine Jahreszeiten kennt, da fühlt man die winzigste Temperaturschwankung schon beim Anflug. Nun denn, meine Jacke hatte ich verliehen und als ich sie wiederbekam, da war mein Studentenausweis verschwunden… Was also tun? Auf der Internetseite gibt es keine Hinweise, Nachfragen bei Freunden hat mir auch nicht weitergeholfen und dann doch, es ist recht einfach, zur Information, Bescheid geben und warten, eine Woche ohne Ausweis, das kann ganz schön anstrengend sein, jeden Tag muss man sich an einem Automaten ein Tagesticket ausdrucken lassen, um durch die Sicherheitsschranken zu gelangen, aber immerhin komme ich hinein (und auch wieder hinaus), und gut, dass ich mir Zahlen ohne Probleme merken kann, denn meine Matrikelnummer hier benötige ich jetzt ständig. Aber auch damit kann man leben, erst recht, wenn einem die Sonne lacht. Ein weiteres parcial, fünf Aufsätze bis zum Ende der Vorlesungszeit, das gar nicht mehr so weit weg ist und viel zu lesen, also alles recht alltäglich in dieser Uni-Woche, nur ein kleiner nicht unbeachtlicher Unterschied: die Aufregung, das Getuschel, die Spinnennetze überall… Nein, an Reinigungskräften mangelt es an dieser Uni nicht (es werden sogar im Fitnessstudio die Geräte von ihnen gereinigt, man muss seinen eigenen Dreck bzw. Schweiß nicht selbst wegmachen). Nein. Es geht stark auf Halloween zu, überall Kürbisse, Spinnen, Hexen,… Und überall kann man Perücken, Masken, falsche Wimpern erwerben, orangefarbene Muffins, aber das ist erst der Anfang. Bereits am Mittwoch tauchen die ersten verkleideten Studenten in der Uni auf. Häschenohren sind sehr beliebt, es fühlt sich mehr wie Karneval an, es gibt so gut wie keine Hexen oder Monster, dafür wimmelt es von Engelchen und Kätzchen und jeden Tag werden es mehr.

Ein Mittwochnachmittag im Fitnessstudio mit einer Kommilitonin, durch Zufall bekommen wir eines der Squash-Felder, das erste Mal, für uns beide. Die Anfänge sind eher kläglich, aber wir verbessern uns stetig, der Schläger trifft nicht immer den Ball und der Ball nicht immer den richtigen Bereich der Wand (sondern lieber mal die Lampen an der Decke), aber es ist das einzige Feld, auf dem ausgiebig gelacht wird. Und eine Stunde halten wir auch aus, danach wieder zur Vorlesung und abends müde ins Bett fallen.
Der nächste Morgen ist sonnig, aber schmerzhaft. Ich will nicht glauben, dass das mein Körper ist, jede kleinste Bewegung schmerzt, der Weg ins Bad und erst in die Küche. Ich bin über Nacht um Jahrhunderte gealtert, zumindest kommt es mir so vor, so einen Muskelkater hat man nicht alle Tage. Die Treppenstufen in der Uni sind eine Qual und nur, um mich ein wenig mehr leiden zu sehen, lässt ein guter Freund nicht zu, dass wir den Aufzug nutzen… Wunderbar. Wie sehr mich die Menschen hier mögen.
Und dann ist es auch schon Freitag, es ist warm und sonnig und mittlerweile vertraut man dem Wetter schon wieder und bewegt sich frohen Mutes in dem sommerlichen Klima. Prinzessinnen, Engel, Katzen, sogar Kinder in kolumbianischer Militär-Uniform laufen mit über den Weg, hier ein Schneewittchen, dort ein Kleinkind in einem quietschgelben Kükenkostüm, und hinein ins Getümmel (auch wenn noch immer Treppenstufen einige Bedenken und vor allem Schmerzen hervorrufen). Es ist ein unglaublich buntes Treiben, überall auf der Straße kann man Perücken kaufen (nur eine langhaarige schwarze suche ich vergebens – warum nur), falsche Glitzer-Wimpern, Dracula-Umhänge, bunte Haarsträhnen, Kostüme in den schrillsten Farben du überall sind Menschen, so wie wir scheinen die meisten ihr Kostüm gern auf den letzten Drücker zu kaufen. Nach etwa einer Stunde haben wir alles, was wir benötigen, durchgeschwitzt geht es in Richtung Wohnung, Klamotten wechseln und dann eine halbe Stunde im Bad, ein Spiegel, viel Weiß, viel Rot und das erste Mal in meinem Leben falsche Wimpern, was für ein Spaß,… Ja, es ist erst Freitag, aber hier wird Halloween halt genauso ausgiebig gefeiert wie Karneval in Köln, es zieht sich über mehrere Tage. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.



Es haben mich ernsthaft mehr als zehn Leute nicht wieder erkannt (und darunter auch sehr gute Freunde). Und im Transmilenio, die Blicke auf der Straße, ich wusste gar nicht, dass es so witzig sein kann andere Menschen zu erschrecken…
Ein geselliger Totenabend bei Kaminruß weit im Norden, neue und alte Gesichter; ein Vampir und sein Opfer, Rastafari, Clowns, ein Wikinger, ein Löwe und undefinierbare Verkleidungen, aber niemand kommt an meine tote Puppe heran.



Später dann geht es per Taxi in die Stadt, eine Geburtstagsparty in einer Wohnung mit einem Ausblick, unglaublich, und es gibt einen Balkon. Die Nacht endet spät oder auch früh, um diese Uhrzeit bin ich hier noch nie zuvor nach Hause gekommen. Aber es hat sich gelohnt.
Und dann am nächsten Tag will man raus, um eine Freundin zu besuchen, denkt sich nichts dabei, Sonne und so, aber neee, denkste, die Wolken brechen unter den Wassermassen zusammen, Wasserschwälle stürzen hernieder, das Abwassersystem versagt, die Straßen verwandeln sich blitzschnell in reißende Flüsse und die Menschen flüchten sich in Eingangstüren… Bis zu den Waden stehe ich plötzlich im Wasser, aber egal, ich lache den Wolken entgegen und so plötzlich wie es angefangen hat, hört es auch wieder auf und die Sonne strahlt mir mit ihrem schönsten Lächeln entgegen.
Ein kurzer Besuch in der am Samstag doch recht einsamen Bibliothek (einer der vielen Aufsätze will in nicht mal mehr einer Woche eingereicht werden) und dann ein später Nachmittag in meiner zweiten Wohnung, ein kurzer Anruf und schon bin ich wieder auf dem Weg, diesmal ohne Verkleidung, einmal reicht dann doch. In der Nähe der Uni Nacional gibt es ein kleines aber verrücktes Konzert, ganz nach meinem Geschmack. Freunde von Freunden. Es ist eine unglaubliche Mischung; Rock, Ska, Indie, Folk, Electro und sicherlich noch einige Musikrichtungen mehr, alles so genannte cuenteros, also Geschichtenerzähler, Freigeiste, Künstler, ein ganz anderer Schlag Menschen als in der Los Andes. Definitiv mein Fall, es erinnert mich ein wenig an durchgedrehte Theaterabende. Himmlisch seltsam. Wir teilen Bier und unterhalten uns ernsthaft über interessante Themen, viele studieren Anthropologie und hinterfragen alles, neue Freunde.
Nach dem Konzert und dem Einladen der drei Verstärker, des Schlagzeugs, der Geige, dem Bass, dem Keyboard, dem Cello und der E-Gitarre in einen alten MINI (plus drei Personen), bleibt dann eine Gruppe von dreizehn jugendlichen Erwachsenen übrig, die sich auf den Weg ins Ungewisse macht. Nun ja, das Ziel ist gewiss, nur der Weg nicht sonderlich. Der Transmilenio bietet seine Dienste nicht mehr an und die Busse scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Wir müssen also laufen. Den Mädels in der Gruppe scheint das gar nicht sehr zu behagen. Einsame verlassene Straßen, Baustellen, Obdachlose, Hunde, ängstliche Blicke. Und als wir am Friedhof vorbei sind und uns der Zivilisation wieder nähern, erzählt mir Emerson (Anthropologe und eine Seele von Mensch), dass man in dem Viertel, durch das wir gerade gewandert sind, einfach so aufgrund seines Aussehens, seines Erscheinungsbildes erschossen werden kann. Deswegen auch die ängstlichen Gesichter. Aber es ist ja nichts passiert. Der Busfahrer freut sich über die Einnahmen und wir freuen uns darauf endlich im Bus zu sitzen. Ab in den Süden. Zumindest ein Stück weit, zur Wohnung der Schlagzeugerin. Ein Abend, der erneut bis in die Nacht hineinreicht. Und damit endet, dass die meisten dort bleiben, so auch ich. Und das ist auch schon die Erklärung für mein Erwachen auf einer durchgelegenen Matratze inmitten von Menschen und unter einer Hängematte (in der auch genächtigt wurde).