Am Rande – zwischen (T)raum und Wirklichkeit
Immer wieder gibt es kleine kurze Augenblicke, die dem Alltag die Rahmen springen. Manchmal sind es nur ein paar Sekunden, ein Augenzwinkern, manchmal sind es Bemerkungen, die in Gesprächen fallen, manchmal sind es einzelne Wörter, die einem im Gedächtnis bleiben, manchmal sind es Blicke von Fremden, manchmal ist es eine zufällige Berührung und ganz selten ist es auch einfach nur ein Gefühl, das sich plötzlich in der Magengrube breit macht.
Da gehe ich zum Beispiel schnellen Schrittes – und ja die, die mich kennen, wissen, dass ich ziemlich flott unterwegs bin, erst recht für meine kurzen Beinchen – abends gegen neun Uhr das kurze Stück von der Haltestelle des Transmilenios zu meiner Wohnung nach Hause. Es ist dunkel, wenig Menschen sind unterwegs, der ein oder andere führt seinen Hund spazieren und auf der Mitte der Straße steht ein Obdachloser in Lumpen, man riecht ihn zehn Meilen gegen den Wind, er sieht jedoch harmlos aus. Auf dem Fußweg, eine ältere Dame, bestimmt an die achtzig, klein, faltig, sie sieht sehr verängstigt aus, irgendwie wirkt sie winzig, ihr Körper passt einfach nicht in diese Stadt, an diesen Ort, so einsam und allein. Sie fasst sich ein Herz und spricht mich an, ob ich nicht einfach neben ihr herlaufen könne, sie würde sich so unsicher fühlen und ganz in der Nähe wohnen. Das kurze Stück begleite ich sie gerne, nichts sagend, langsam durch die nächtlichen Straßen, nebeneinander her, ein leises „Danke“ und schon trennen uns unsere Wege wieder.
Ich sitze im Taxi, auf dem Weg zu einer Messe, überfliege einige Seiten eines Buches, das ich erst vor einigen Stunden erstanden habe, lese ein paar Sätze genauer, denke über das Gelesene nach, hebe meinen Kopf, schaue gedankenverloren aus dem Fenster und plötzlich kreuzt sich mein Blick mit dem einer Prostituierten, einer männlichen. Es ist ein stechender Blick, ein verurteilender Blick, so als hätte ich nicht das recht in diesem Moment, in dieser Straße, in diesem Taxi zu sitzen, geschweige denn, den Blick zu heben, um mich umzusehen. Und ehe ich mich versehe, starre ich erst recht die Straße entlang, entdecke rasierte Männerkörper in knappen Glitzer-Röckchen auf Highheels, auf denen ich niemals laufen könnte, eine Straßenecke weiter sitzt ein fleischgewordener Berg von Mensch auf einer Bank, vor einem Haus, die Lippen offensichtlich weit mit dem rosafarbenen Lippenstift verfehlt, Erinnerungen an einen traurigen Clown werden wach. Um die nächste Straßenecke gebogen und schon ist alles vorbei.
Eine Frage, die mich nach mehrmaligem Nachfragen so sehr in Lachen ausbrechen lässt. Im Spanischen gibt es kein sprachliches Adäquat für warm und heiß, es gibt hier einfach keinen Unterschied, alles ist caliente. Während eines Filmes drückt er plötzlich auf die Stopp-Taste und fragt mich, ob es warme Hosen in Deutschland wirklich gäbe. Warme Hosen? Schneehosen? Lange Unterhosen? Bis ich mir das Standbild genauer ansehe und mir bewusst wird, was er meint. Ich kann mich kaum halten vor Lachen. Hotpants. „Heiße Hosen“. Hier steht man eben nicht auf wirkliche Anglizismen, sondern übersetzt sie lieber.
Der Rückweg eines Abends, mit dem Transmilenio; es ist voll, die Menschen sind ungeduldig, unruhig, unfreundlich, drängeln sich in der traubestehenden Masse weiter nach vorne, lassen dann nach ewigem Warten weder ein- noch aussteigen und ignorieren die (halbwegs) freundlichen Aufforderungen („Disculpa“, „Perdon“) bis man sich mit dem Ellenbogen nach vorne arbeitet. Aus Dankbarkeit wird man dann fast verprügelt, die Hand zischt nur knapp an meinem Ohr vorbei. Einmal drin im Bus, zustimmendes Gemurmel, die Menschen sind auf meiner Seite, drücken ihre Zustimmung durch Nicken und Blicke aus. Ein leichtes Seufzen, ein Mundwinkel zieht sich nach oben, ein seichtes Schütteln mit dem Kopf.
Ein Traum, an den ich mich zumindest bruchstückhaft erinnere, was sehr selten ist, denn meine Träume und ich. Ich spreche hier nicht vom Kopfkino, von den Dingen, die ich vor meinem inneren Auge sehe, an diese Geschichten kann ich mich sehrwohl erinnern, an meine Träume jedoch nicht. Und wenn dies dann der Fall ist, geschieht etwas, kaum zu beschreiben. Mein Körper kann den Traum reproduzieren, er fühlt das Geträumte nochmals. Die Gefühle sind klar und deutlich, die Beteiligten nicht, alles andere ist schwammig, mehr als schwammig. Eine seltsame Erfahrung, wenn man im Traum erschossen wird.
Der plötzliche Schreck, wenn man das kalte Wasser der Dusche aufdreht, alles zieht sich zusammen, die Lungen arbeiten nicht, wie sie sollen, blitzschnell formt sich eine Gänsehaut am ganzen Körper. Dann der Weg zum Schwimmbecken, es zieht, der Badeanzug klebt eisig am zitternden Körper. Und dann der Sprung vom Startblock, die Fingerspitzen tauchen ein, der Kopf, der Körper, eine andere Welt tut sich auf. Es ist so still, so unglaublich still. Der Körper schwebt, schwebt in seinem Element und nichts, aber auch rein gar nichts kommt in meinem Kopf an, kein Denken, kein Fragen, keine Bilder, keine Geräusche. Nur Sein, bloßes Sein.
Das Bild eines Menschen, das plötzlich in einem auftaucht, ein Wort, das im Zustand der Ekstase gefallen ist, wie bewahrt man es auf. Es verbindet sich mit einem Gefühl, das in einer winzigen Ecke des Körpers entsteht.
Ein Lied, das ganz plötzlich genau das trifft, was man fühlt, aber nicht in Worte fassen kann.
Eine Berührung, die sich tausendmal wiederholen soll, es aber nie wieder tut, nie wieder auf genau diese eine Art und Weise.
Die Betonung eines Wortes, die die ganze Situation verändert.
Ein Augenzwinkern und die Illusion hat sich aufgelöst, die Seifenblase ist zerplatzt.
Und das Warten, das Suchen und Finden beginnt erneut.
Manchmal muss man die Augen schließen, um Dinge zu sehen, um sich bewusst zu werden, um die Welt um sich anders wahrnehmen zu können.
Schließ für einen Moment die Augen, stell dir deine Umgebung vor, öffne deine Augen wieder und beginne die Welt von Neuem zu entdecken.
Jeden einzelnen Tag. Atme ihn ein, sauge ihn auf.
Es gibt Schönes und weniger Schönes.