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So jeck sind die Kolumbianer
Eine Nachricht in meinem Postfach, kurzes Nachdenken und dann die fieberhafte Suche nach günstigen Flügen… So fing alles an. Prisca, mit der ich bereits in Leticia war, suchte nach einer Begleitung zum Karneval in Barranquilla, eine der größten Städte Kolumbiens an der Atlantikküste. Und eben auch eine der jecksten.
Nach langem Hin und Her haben wir uns für Flüge zwischen Bogotá und Cartagena entschieden, die halb so teuer waren, wie die nach Barranquilla und damit es sich auch lohnt, sind wir bereits am Donnerstagmorgen los. Wieder im Flieger sitzen, dieses seltsame Gefühl beim Abheben, die Großstadt wird ganz schnell ganz winzig. Fensterplatz. Neben mir sitzen zwei Mädels, eine Kolumbianerin und eine Amerikanerin, die ganz stolz jedes einzelne Visum in ihrem Reisepass erklärt. In einer Lautstärke als sei sie alleine im Flugzeug. Und sie könne ja gar nicht verstehen, dass es so schwierig sei für Russland ein Visum zu bekommen, da waren Thailand und China ja viel zuvorkommender. Gut, dass es nur anderthalb Stunden sind.
Das Flugzeug senkt sich. Häuserdächer, die näher kommen und plötzlich Wasser. Mein Herz stockt. Ich sehe nichts außer Meer. Und dann doch, ganz kurz vor der Landung die Rollbahn. Kann einem ja auch mal gesagt werden, so nah am Herzinfarkt.
Die Tür geht auf und erst einmal laufe ich gegen eine Wand; Hitze. Aber angenehm, und endlich wieder das Meer zu Gesicht bekommen. Die warme Brise weht einem durchs Haar, die Sonne scheint, die Wellen funkeln… Aufs Gepäck warten und dann Taxi suchen, obwohl, das muss man gar nicht suchen, man wird eher gleich abgefangen von den vielen fahrwütigen Taxifahrern. Gut, dass Prisca schon mal hier war, denn ich hätte nicht gewusst, dass es hier keine Taximeter gibt, man muss vorher nachfragen. Also ab in Richtung historisches Stadtzentrum, Cartagena ist nämlich die einzige Stadt des Landes, die noch von einer richtigen alten Stadtmauer umringt wird und auch ein bisschen was vom Karibik-Piraten-Flair hat. Alte Kolonialbauten in fröhlichen Farben, abgeblätterte Wandfarben, Kanonenrelikte und um einiges fröhlicher als die große Hauptstadt.
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In dem Stadtviertel Getsemaní finden wir ein günstiges Hostel, das Zimmer ist karg eingerichtet, die Betten in Ordnung, Dusche und Klo abgetrennt mithilfe einer halben Wand, ein drittes Bett. Unsere Mitbewohnerin richtet kein Wort an uns, der Lonely-Planet-Reiseführer Südamerikas markiert ihr Revier, der Deckenventilator ist riesig, aber auch alt und gibt ab und an seltsame Geräusche von sich. Die Hitze erschlägt uns dennoch. Ein kleines Nickerchen.
Mit neuer Kraft geht’s dann am Nachmittag ins Stadtzentrum, der Wind macht es angenehm. Der kleine Marktplatz ist umringt von alten Häusern, die pompös noch immer etwas von ihrem Glanz der vergangenen Jahrhunderte ausstrahlen. Eine Gruppe junger Menschen in typischer grellbunter Kleidung tanzt Mapalé, wir stehen da und staunen, können es nicht glauben, dass man seinen Körper so bewegen kann; selbst wenn wir es irgendwie lernen könnten, so würde es niemals bei uns aussehen…
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Und diese Stimmung, die Musik, die Lebensfreude erfüllt die Straßen, überall kann man Süßigkeiten kaufen, viel Kokos und Papaya, alles erstrahlt in einem anderen Licht. Rauf auf die Festungsmauer, der Wind bläst einem um die Ohren, sodass man sich fast reinlegen kann, in den Wind, ohne umzukippen und trotzdem ist es wunderbar warm.
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Ein kleiner Fußmarsch zum Strand, auf dem wir uns wundern, dass wir so angestarrt werden, jedoch wird uns dann klar, dass man als Frau hier generell eher Objekt als Person ist. Es wird schon viel geschaut, das kann man nicht verleugnen… Natürlich laufen wir zunächst in die falsche Richtung, sehen dafür Pelikanen beim Fischen zu, genießen die Meeresbrise und außerhalb des Stadtkerns ist auch nicht ganz so viel los. Als wir dann bemerken, dass wir die falsche Richtung gewählt haben, drehen wir uns mit einer Leichtigkeit um, die nur an der Karibikküste möglich scheint. Dann eben zurück… Wir schaffen es noch vor Sonnenuntergang am Strand zu sein. Endlich wieder Schuhe aus, den Sand unter den Füßen spüren, und dann Schwimmsachen an und sich ins Meer stürzen. Die seichten Wellen gegen den Körper klatschen lassen.
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Der Sonne beim Verschwinden zusehen und sich in Sicherheit bringen vor Frauen, die einem einen Stuhl anbieten, einen ins Gespräch verwickeln und dann plötzlich anfangen einem die Arme zu massieren, um danach dann Geld zu kassieren. Das passiert hier leider sehr häufig und ganz so einfach lassen die sich auch nicht abwimmeln.
Die Nacht bricht herein, es sind immer noch angenehme 27 Grad, das Meer rauscht, wir sitzen einfach nur da und genießen. Was braucht man Meer;)
Das Meersalz trocknet auf der Haut, die Füße wollen nicht wieder zurück in die Turnschuhe, also geht’s barfuss zurück zum Hostel. Kurze Verschnaufpause und dann machen wir uns auch wieder los, den ganzen Tag über haben wir kaum etwas gegessen. Auf unserer ersten Erkundungstour waren wir schon einmal im Hardrockcafé, um die T-Shirts zu erkunden (denn meinem werten Herrn Bruder MUSS ich aus jeder Stadt eines der Shirts mitbringen, praktisch, wenn man ne Schwester hat, die gerne reist, nicht wahr Mäxchen?), diesmal wird auch eins gekauft, davor hat das Geld nicht ausgereicht. Dann schlendern wir durch die Straßen, die ganz anders als tagsüber aussehen, das Licht der Straßenlaternen ganz warm, die Pferdekutschen, irgendwie fühlt man sich in der Zeit zurück versetzt, ein zwei Jahrhunderte. Auf einem Platz werden wir stark umkämpft, wir kriegen Menukarten vor die Nasen gehalten, entscheiden uns für ein Restaurant, nehmen Platz, draußen natürlich, und wieder eine Gruppe, die lautstark Musik macht und Mapalé tanzt.
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Es gibt Fisch und Kokosreis, typisch für die Küste eben. Glücklich und zufrieden schlendern wir weiter durch die Nacht, es ist angenehm warm, und wir schauen noch einmal im Hardrockcafé vorbei, das dritte Mal an diesem Tag, Mädels können sich eben nie wirklich entscheiden. Und prompt werden wir von Douglas (was hier zu seinem Leid „Daglas“ ausgesprochen wird), einem netten kolumbianischen Verkäufer auf ein Bierchen eingeladen. Die einzige Bar, die alternativ ein bisschen Rockmusik anbietet, nettes Ambiente, nette Unterhaltungen. Nach zwei Bierchen strolchen wir noch ein wenig durch die Stadt, Douglas zeigt uns ein paar Fleckchen, die wir so wahrscheinlich sonst nicht gesehen hätten, das Café al lado (zu deutsch: „Café nebenan“), oben auf der Festung, die Musik des Café del Mar ist so laut, dass ein wenig weiter sich die Jugendlichen draußen an der frischen Luft treffen, um dort zu feiern. Gegen eins geht’s dann zurück zum Hostel und wir stehen erstmal vor verschlossenen Türen, aber nach einigem Klopfen wird uns doch noch geöffnet.
Die Nacht ist nicht ganz so lang wie wir gehofft hatten, wir werden durch wildes Klopfen aus dem Schlaf gerissen, wir wollen nämlich früh weiter nach Barranquilla, unserem eigentlichen Ziel, aber so früh eigentlich auch nicht. Wir haben um zehn in einem Kleinbus zwei Plätze reserviert, der fährt jetzt aber doch schon um neun. Also schnell duschen, packen und bezahlen… Eine Stunde lang werden weitere Reisende von ihren Hostels und Hotels abgeholt, vor Prisca und mir sitzen zwei Schweizerinnen, die sich lautstark unterhalten während der gesamten Fahrt, Ruhe ist uns einfach nicht vergönnt. Nach zwei Stunden Fahrt (und ich komme ums Bezahlen herum, hat sich also gelohnt) kommen wir dann an. Gut, dass es Freunde gibt, denn um die Zeit sind natürlich sämtliche Hostels ausgebucht und viel leisten können wir uns auch nicht, dazu haben wir schon zu viel Geld für die Flüge ausgegeben. Also habe ich die Tage vor der Reise wie wild ein paar Kolumbianer gefragt nach Übernachtungsmöglichkeiten, aber wie das hier so ist, da wird sich viel, viel Zeit gelassen. Aber am Abend vorher haben wir erfahren, dass wir nicht auf der Straße nächtigen müssen, da ist uns ein Stein vom Herzen gefallen, eine Sorge weniger. Wir werden sogar abgeholt, von Toni, dem Ehemann der besten Freundin eines Freundes. Das Zimmer kostet kaum etwas, wir werden herzlich empfangen, obwohl sie uns beide nicht kennen, wir werden die ganzen Tage durch bekocht, sie begleiten uns überall hin, das ist wahre Gastfreundschaft und man fühlt sich schon leicht unwohl, wenn man noch nichtmal beim Abwasch helfen darf.
Wir sind so erschöpft, dass wir einschlafen. Erst als Andrea aus der Uni kommt, wachen wir wieder auf, wir essen zu Mittag, erzählen und dann geht’s abends auf den Plaza de la Paz („Platz des Friedens“), wo typische Musik gespielt wird und riesige Menschenmassen den Karneval feiern. Wir wurden schon vorgewarnt; hier werden keine Strüssjer geworfen und auch nicht jebützt, dafür ist es nicht selten, dass man mit Schaum vollgesprüht wird oder mit Mehl beworfen wird. So feiert man eben hier.
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Danach finden wir uns in einer Straßendisko wieder, erst bewegen wir uns nur mäßig, dann werden wir von ein paar nicht sonderlich graziösen Kolumbianerinnen zum Tanzen „gezwungen“, irgendwann verlieren wir unsere Hemmungen und tanzen und tanzen und tanzen bis wir merken, dass wir voll im Fokus stehen, plötzlich werden wir von fremden Männern angetanzt, eher seltsame Gestalten. Ein älterer Mann, der ungefähr einen Kopf kleiner als ich ist scheint unglaublich fasziniert von meinen Brüsten zu sein, ich verdrücke mich schnellstmöglich. Ein anderer Kolumbianer erzählt uns zum dritten Mal, dass er Chemie-Professor an der Uni ist, aber alles in allem eine gelungene Party, lang, lang ist’s her, dass ich so ausgelassen gefeiert habe. Irgendwann nachts sind wir dann wieder zu Hause.
Diese Nacht endet, wann wir wollen, wir schlafen recht lange…
Dann machen wir uns auf zur Batalla de Flores, einer der zwei großen Umzüge. Die Straßen sind überfüllt von Menschen, wir kämpfen uns durch, entscheiden uns dann doch für einen anderen Ort.
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Uns laufen die sucios (die „Schmutzigen“) über den Weg, wenn man ihnen kein Wegzoll zahlt, dann geht es ganz schnell und man ist selber ziemlich schmutzig.
Und dann. Alles abgesperrt. Wenn wir allein unterwegs gewesen wären, dann hätten wir wohl recht schnell aufgegeben. Aber so. Andrea und Toni haben ein wenig argumentiert, zwei Deutsche, die nur zum Karneval, der übrigens auch zum mündlichen Weltkulturerbe gehört, nach Barranquilla gekommen seien. Das hat gezogen. Wir kommen durch zwei Straßensperren, aber wahrscheinlich auch nur, weil wir uns ein bisschen blöd stellen, kaum ein Wort Spanisch sprechen. Wenn’s hilft.
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Wir werden besprüht mit Schaum und sehen lustig aus, auch wenn wir so ganz unverkleidet sind. Am Anfang des Umzuges gibt es viel Wagen mit bekannten Gesichtern, mir nicht sonderlich bekannt, da es sich meistens um Schauspieler aus den beliebten und doch ziemlich schlechten Telenovelas sind, aber auch viele kolumbianische Musiker tanzen, singen und bringen die Massen zum Feiern, und auch wenn man niemanden wirklich kennt, es ist unglaublich den Menschen beim Feiern zuzusehen, ansteckend irgendwie. Wir werden weiter nach vorne geschoben, irgendwann stehen wir dann sogar in der ersten Reihe, so als Ausländer hat man doch gewisse Vorteile, klar, man muss immer wieder erklären, woher man kommt, was man hier macht und warum gerade Kolumbien, aber das nimmt gerne in Kauf und es ist eine angenehme Neugier, meistens zumindest.
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So sehen wir dann auch die eher traditionellen Tänze, die nicht auf geschmückten Wagen stattfinden, sondern eben auf der Straße.
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Die kolumbianische Variante der Funkenmariechen ähneln ein wenig Minnie Maus, können aber ihre Beine genauso in die Luft schmeißen,
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außerdem gibt es natürlich viel nackte Haut zu sehen, ganz viele reinas („Königinnen), denn jedes Stadtviertel kürt seine eigene Königin, dann gibt es noch die reina de las reinas (also die „Königin der Königinnen“), die offizielle Karnevalskönigin, die Kinderkönigin, die Schwulenkönigin, da wird man ganz blau vor lauter Adel…
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Man wird nicht müde, immer wieder Musik und Tanz, wunderschöne Körper, manchmal hat man ein wenig das Gefühl auf dem ColognePride zu sein, aber das hat auch seinen Reiz, schön zu sehen, dass auch Homosexuelle an der Parade teilnehmen, damit hätte ich eigentlich gar nicht gerechnet; vielleicht passiert ja doch ein wenig was in diesem so katholischen Land.
Irgendwann haben wir dann genug gesehen, gefeiert und mitgetanzt… Es geht zurück, kurze Pause und abends dann auf eine Party. Zu sechst ins Taxi, das genauso eine Knutschkugel wie auch in der Hauptstadt ist, aber es passt, hier den Kopf einziehen, da den Arm zurecht rücken. Mit der Flasche Whiskey in der Hello-Kitty-Tasche schmuggeln wir uns durch den Hintereingang eines Hauses auf eine große Straßenparty. Der Musikturm ist enorm, es wummert und wummert, der Bass lässt den Körper vibrieren und der Whiskey die Muskeln entspannen. Auch wenn wir wieder ein wenig seltsam angesehen werden, wir tanzen, eben ein wenig europäisch, anfangs noch ei wenig steif, aber wenn’s nicht gerade Salsa oder Mapalé ist, können wir auch ein bisschen was aufs Parkett legen. Wir werden ordentlich eingemehlt und lachen und haben viel Spaß…
Der verschlafene Sonntag ist das Ergebnis zweier ausgiebiger Feiertage, und das Wort Feiertag steht hier wirklich für feiern. Und wie gut das tut, einfach mal raus aus dem Uni-Alltag, mal was anderes sehen, sich ein wenig gehen lassen, unbekümmert sein.
Am späten Nachmittag schlendern wir durch Barranquilla, das wie ausgestorben wirkt, denn sämtliche Einwohner befinden sich bei der Gran Parada, ein weiterer Umzug, den wir an uns vorbeiziehen lassen. Stattdessen spazieren wir durch die Straßen, schön ist die Stadt nicht wirklich, sie versprüht einen gewissen Charme, aber alles wirkt ein wenig herunter gekommen, eingestürzte Gebäude, dazwischen ein paar verwaiste Prachtbauten, die Universität ist ein wunderschönes strahlend weißes Gebäude, auch die beiden Theater, die wir sehen, sind modern und architektonisch auffällig, aber es fehlt ein wenig das Grün in dieser Stadt, selbst die kleinen Parks, die es hin und wieder mal gibt, sind von einem sandigen Beige geprägt.
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Es ist Sonntag, die Geschäfte haben geschlossen… Man hört ab und an ein paar Co’teño’ sprechen (hier wird das „s“ verschluckt und auch sonst ist die Lust das Spanisch korrekt auszusprechen eher gering), da muss man schon das ein oder andere Mal nachfragen. Selten rauscht ein Bus an uns vorbei und auch der wurde nicht verschont, sondern ungehemmt eingemehlt.
Auf einem Platz verkaufen viele Straßenverkäufer ihre Waren, vorzüglich natürlich Andenken an den Karneval; T-Shirts, Masken, Taschen, man kann sich schminken lassen (was bei der Hitze eher nicht so vorteilhaft ist) oder einfach nur zuschauen. Das bunte Treiben genießen. Eine andere Mentalität, man versteht schon, dass man von den Bogotanern behaupten, sie seien ein wenig ernster und unnahbarer, nur ist das alles Ansichtssache.
Aber das, was als Erinnerung an Barranquilla bleiben wird, sind Ohrwürmer wie „El Celular“ (champeta nennt sich die „Musikrichtung, tiefgründige Texte sind’s auf jeden Fall nicht, hat eher was von Sommerschlager auf Malle). Außerdem antwortet einem jeder, der aus Barranquilla stammt, mit Sicherheit auf die Frage ¿A cómo? (zu deutsch „Wie teuer?“) ¡A do’mil! („2000 pesos“). In einer Tonlage, da macht man sich als männlicher Vertreter die Stimmbänder kaputt. Es gibt nämlich einen Verkäufer von Hamburgern, der so schlau war und seine ganz eigene Werbestrategie entwickelt hat. Was sonst die eigene Stimme lautstark oder auch selten verstärkt mit Megafon anpreist, das hat dieser Straßenverkäufer einfach auf Band aufgenommen, sodass man an jeder Straßenecke verzerrte Stimmen hört, die in einem fort ¿A cómo? – ¡A do’mil! kreischen…
Der Sonntagabend ist ruhig, wir sind ja nicht nur zum Feiern hier, sondern müssen auch einiges für die Uni tun, und nach drei Tagen unterwegs, bleibt man auch gerne mal auf dem Bett liegen, lässt sich die Luft vom Stand-Ventilator ins Gesicht pusten und quält sich durch seine Lektüre. Wir lassen es uns allerdings nicht entgehen noch arepas con huevos (Maisfladen gefüllt mit Ei) zu erstehen, dazu suero, eine Soße, typisches Straßenessen an der Atlantikküste.
Eine ruhige Nacht, ein ruhiger Morgen, spätes Frühstück und dann fahren wir mit dem alten klapprigen Bus durch halb Barranquilla, das sich so gar nicht wirklich verändert, ganz im Gegensatz zu Bogotá, das einfach an jeder Straßenecke ein anderes Gesicht von sich und seinen Einwohnern bereithält. Am Busterminal angekommen, verabschieden wir uns von unseren herzlichen Gastgebern und verfluchen die Filmauswahl der Busgesellschaften, warum muss es immer irgendwelche seltsamen Action-Filme geben oder schlechte Komödien? Nun denn, die zwei Stunden überleben wir und teuer ist die Fahrt auch nicht, 11.000 pesos, die Klimaanlage funktioniert, also wollen wir mal nicht meckern. Die Odyssee beginnt nämlich erst. Am Terminal in Cartagena angekommen, entscheiden wir uns das Geld zu sparen und per Bus in Richtung Stadtzentrum zu fahren, um unser Gepäck im Hostel abzuladen, eine Festung zu erkunden und ein letztes Mal uns in die Fluten stürzen. Schöner Plan. Von dem wir rein gar nichts in die Tat umsetzen konnten.
Alles begann damit, dass der Busfahrer wunderbar gemütlich die Straßen entlang tuckerte. Jeder potenzielle Mitfahrer wird angehupt, hier wird angehalten, dann da… so sehen wir ein wenig was von Cartagena außerhalb der Stadtmauern. Die typischen kleinen Backsteinhäuser, Hauswand an Hauswand, kleine Gässchen, verwaiste Schaukelstühle vor verwildernden Schuttplätzen, streunende Hunde, deren Fell schon ganz verfilzt ist, Obdachlose, die schattenspendenden Schutz suchen, die nicht sonderlich reichen Viertel nun mal. Die Festung taucht zu unserer Linken auf, die Stadtmauer erstreckt sich vor uns. Wir wissen nicht genau, wo wir aussteigen sollen, die Fragezeichen stehen uns anscheinend ins Gesicht geschrieben, denn der Busfahrer fragt, wo wir denn hinwollen. Wir antworten ihm, so nah wie möglich ins Stadtzentrum. Darauf er, dass wir bereits dran vorbei seien, er aber nur eine kleine Runde drehen würde und uns dann wie gewünscht absetze. Kleine Runde, was kann man da schon falsch verstehen. Eine Menge, wie sich herausstellt. Die kleine Runde besteht nämlich in einer einstündigen Stadtrundfahrt. Und das nach bereits einer dreiviertel Stunde Fahrt. Die Straße führt direkt am Meer entlang, noch ahnen wir nichts Böses, erst als er nicht nach links, sondern eben nach rechts abbiegt, wundern wir uns ein wenig. Dann geht es weiter, Gässchen hinein, Straßen hinab, rücken hinauf, irgendwann sind wir am anderen Ende der Stadt, am Flughafen, unsere Blicke sagen mehr als tausend Worte. Als wäre das nicht genug, kippt das Mittagessen des Busfahrers um, und die Linsensuppe und ihr eher mäßig angenehmer Geruch verbreitet sich im gesamten Bus. Wir bekommen die Hotels zu Gesicht, die man sich nur als gut verdienender Ausländer leisten kann, abseits von jedem Elend, direkt am Strand. Irgendwann drehen wir dann, aber es geht natürlich nicht dieselbe Strecke zurück, sondern eine noch verwinkeltere Rute. Herrlich. Wir werden an einer Ecke abgesetzt und haben bei aller Rumgurkerei die Orientierung verloren, wir glauben in dir richtige Richtung zu laufen, tun wir aber nicht. Erst hat der Hintern vom vielen Sitzen geschmerzt, jetzt schleppen wir unser Gepäck zu Fuß durch die Straßen Cartagenas, die uns alle so fremd erscheinen. Irgendwie hatte ich die Stadt kleiner in Erinnerung. Es ist bereits vier Uhr nachmittags, wir suchen ein Restaurant, finden aber natürlich erst keines, das einigermaßen unseren Preisvorstellungen entspricht. Und da. Es tut sich eine Straße auf, die uns bekannt erscheint. Wir finden ein Restaurant, das Gericht, das ich bestelle gibt es natürlich nicht, der Saft, den Prisca bestellt, schmeckt leicht vergoren, es ist uns einfach nicht vergönnt. Wir sitzen, bekommen unser Essen, im Hintergrund laufen Nachrichten, noch. Plötzlich, in einer Lautstärke schreckliche (und das ist kein Ausdruck) für lustig empfundene Sketche, Erwachsene in pinkfarbene Baby-Kleidung gesteckt, aufgemalte Sommersprossen und schreckliche Stimmen. Der Appetit vergeht uns beinahe. Um fünf verlassen wir das Restaurant, mittlerweile haben wir sowohl Festungs- als auch Strandpläne gestrichen. Wir wollen einen Kaffee. Das Gepäck schleppen wir die letzten zwei Stunden auch noch mit uns rum. Aber natürlich ein Café, in dem man Kaffee trinken kann, gibt es nicht. Wir werden von einer Ecke zur anderen geschickt, haben irgendwann die Schnauze voll und lassen uns erschöpft auf einer Bank nieder. Die Mapalé-Gruppe muntert uns ein wenig auf. Irgendwann kommt auch ein Straßenverkäufer mit Kaffee vorbei. Zu meinem Glück stark gesüßt, na toll, da freut man sich seit Tagen auf einen Kaffee und dann ist es eher braunes Zuckerwasser, Kolumbien – Land des Kaffees, langsam glaube ich nicht mehr daran. Die letzte Stunde verbringe ich damit die vielen Touristen zu beobachten, ihre Nationalität zu erraten und mir Lebensgeschichten auszudenken. Die Nacht bricht herein, die Stadt verwandelt sich, das Licht, die Menschen, die Stimmen, alles verändert sich und plötzlich hat man seinen inneren Frieden wieder gefunden und kann über die schier endlose Reise lächeln, noch nicht lachen, aber das kommt später.
Taxi. Flughafen. Einchecken. Boarden. Abheben. Turbulenzen. Landen. Kälte. Taxi. Zu Hause. So schnell geht ein Kurzurlaub vorbei.
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