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Theaternachschlag – „Rain“ und auch sonst mehr Regen
Nach dem riesigen Theaterspektakel war ich so richtig angestachelt. Es fehlt. Einfach mal wieder selbst auf der Bühne zu stehen. Mit verrückten Leuten. Aus sich rausgehen. Bekloppte Dinge machen. Habe also ein kleines süßes Theater gefunden, in dem man „Talleres“ belegen kann. Jeden Morgen um acht eine Stunde Körperarbeit. Unsportlich bin ich zwar nicht, aber nach zwei Tagen kann ich keinen einzigen Muskel bewegen ohne, dass sich mein Gesicht vor Schmerzen zu einer angsteinflößenden Fratze verzieht, gut, dass es einen Aufzug für die eine Etage gibt zu meiner Wohnung. Ungelogen. Treppen sind tagelang Folter. Kann ein Muskelkater, der sich im ganzen Körper eingenistet hat, eigentlich das Immunsystem schwächen? Wenn dem so ist, weiß ich, weshalb ich Tage später so richtig flach gelegen habe. Gut, liegt wohl auch stark am momentanen Wetter hier. Drei Wochen lang schon grau, Regen, Fluten, die die Gehwege und Straßen überspülen. Irgendwann dürften sich die Wolken doch mal ausgeregnet haben. Und die lustigen Wetterfrösche prognostizieren weiterhin nur Schlechtes. Bis Mitte oder sogar Ende Mai. NICHTS DA! Ich will meine brennende Sonne wiederhaben. Regen ist zwar toll, aber nicht ständig. Dan bin ich schon dem Winter entflüchtet. Aber genug des Gemeckers. A propos Gemecker, meine wirren Gedankengänge verknüpfen dieses Wort sofort mit Ziegen und dieses wiederum mit Ziegenkäse. Dinge, die ich vermisse. Zehn Wochen noch, haargenau. Dann werde ich bereits mein Gepäck aufgegeben haben, mich von den letzten Freunden hier verabschieden und weinen, ganz viel weinen. Aber auch ein bisschen aus Freude, zurück nach Deutschland, ein paar winzige Gründe gibt es schon.
Zurück zur Realität. Regen also. Rain. Ein Samstagnachmittag im Theater. Schon wieder, ja. Es gibt einige internationale Gruppen, die länger geblieben sind wegen der großen Nachfrage. Rain. Aus Kanada. Sprachenmix aus Spanisch, Englisch, Französisch. Im renovierten Teatro Jorge E. Gaitan, in dem ich bereits Caligula gesehen habe. Nur diesmal sitzen wir ziemlich nah dran an der Bühne. Perfekte Sicht. Das Klingeln ist hier eine Durchsage („Su atención por favor, primera llamada, primera llamada.“) Sehr seltsam.
Eine Zirkustruppe übt für ihren Auftritt. Grandiose Artisten. Da werden aus Menschen und Räder menschliche Räder, die über die Bühne rollen. Da passieren Unfälle, Schlägereien entwickeln sich, es regnet Schuhe von oben (einer der bekloppten Techniker), es wird mit Perücken jongliert, die zuvor einer Artistin vom Kopf gerissen wird. Da werden aus Menschen Trampoline und andere wiederum fliegen graziös durch die Luft. Saltos, Pirouetten, einfach Unglaublich. Die Fetzen fliegen aber auch, sind ja schließlich nur die Proben, außerdem ist es moderner Zirkus. Darüber wird ebenfalls philosophiert, was das Ganze denn überhaupt zu bedeuten hat. Es gibt eine Pause von zwanzig Minuten, die sogar strikt eingehalten wird, nur wenige kommen zu spät wieder rein. Und weiter geht die bunte Mischung. Wie sehr sich Menschen verbiegen können, was man alles mit seinem Körper anstellen kann, ist immer wieder faszinierend. Zwei Männer, nur in roten Boxershorts, natürlich eng anliegend, bewegen sich so grazil, verschmelzen miteinander, stehen aufeinander, indem sich nur ihre Schulterblätter berühren. Fünf Frauen an schwarzen Tüchern, hängend, fallend, kletternd. Alles sieht so einfach aus, ist es aber überhaupt nicht. Den Frauen, vor allem sieht man ihre Kraft an, jeder einzelne Muskel springt einem ins Auge, kein Wunder, bei den Fähigkeiten. Und weshalb „Rain“? Nicht wegen der Schuhe, die von oben herab gepoltert sind. Nein, der Regen wäscht alles weg, reinigt, und so regnet es auch minutenlang zum Schluss des Stücks. Auf die Bühne. Fußball im Regen, Rutschpartien… Und das gesamte Stück über wird gesungen, gelacht, geschrieen, gespielt. Klavier, Akkordeon.
Als wir aus dem Theater treten, ist es bereits später Nachmittag, noch immer ist alles grau, selbst wenn es bereits dämmern würde, könnte man es nicht von dem vorherigen Zustand unterscheiden. Wir laufen ein Stückchen die Septima entlang und lassen uns in dem ältesten Cafe der Stadt nieder. Café Florida (die Betonung liegt hierbei auf dem I) und trinken heiße Schokolade, typisch für Bogotá. Dazu gibt es natürlich Käse, den man nach Herzenslust hineinbröselt in die heiße Schokolade. Und Gebäck: almojabana, pan de bono sowie andere Kleinigkeiten. Angenehm. Warm. Fehlt nur eine Badewanne. Die wäre perfekt oder eben eine Sauna. Herrlich. Der Gedanke… Wie man sieht, diese Tage verlocken einfach zu sehr sich in Traumwelten oder Erinnerungen zu flüchten.
Verabredungen platzen, andere ergeben sich kurzfristig und so verbringe ich den Sonntag draußen im Regen. Im strömenden Regen. Freiwillig. Mit Ronald.
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Wir machen einen kleinen, sehr nassen Spaziergang. Und machen Fotos. Die erste halbe Stunde ist alles perfekt, es nieselt nur leicht, wir versuchen die Kamera so gut es geht zu schützen. Entdecken winzige Details. Die SONNENblume im REGEN zum Beispiel, adrett positioniert in einem Mülleimer.
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Spiegelungen. Angenervte Sicherheitskräfte.
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Aber keinen, der sonst so zahlreichen Verkäufer von Regenschirmen, wie ausgestorben. Sogar einen der kleinen Stände, an denen man einzelne Zigaretten kaufen könnte, wenn man wollte, kann man nur schwerlich finden. Es scheint, als habe der Regen bereits alles davon gespült. Und dann fängt es an. Es schüttet nicht nur wie aus Eimern, nein, das müssen ganze Schwimmbecken sein. Und es kracht und blitzt und scheppert. Vereinzelt laufen Menschen um ihre trockene Kleidung, allerdings vergebens. So auch wir. Am schrecklichsten ist das Wasser, das sich von unten an hochzieht, die Hosenbeine werden schwerer und schwerer, alles quitscht und quatscht. Die Chucks sind schon lange durchgeweicht, aber gut, dass ich Omas selbst gestrickte Socken trage, da ist es wenigstens kuschelig warmes Wasser im Schuh. Quitsch, quatsch, plitsch, platsch. Wir laufen und springen.
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Über die Straßen, die sich in Flüsse verwandelt haben, schlängeln uns an den Hauswänden entlang bis wir endlich einen Verkäufer rufen hören „paraguas, paraguas, paraguas“. Eng aneinander geklammert setzen wir nun um einiges entspannter unseren verregneten Spaziergang fort. Bis hin zu einem kleinen Restaurant. Bei vegetarischer Lasagne wärmen wir uns auf. Und das tut gut. Richtig gut. Gestärkt und gewärmt ziehen wir weiter, durch die einsamen Straßen.
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Selbst als wir an dem riesigen Plaza Simón Bolívar ankommen herrscht gähnende Leere, nicht mal die sonst so zahlreichen Tauben tummeln sich. Nur die Riesen-Ameisen hängen noch immer am Gebäude des Kongresses.
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Eine Kunstinstallation, die bereits auf viel Protest gestoßen ist. Für den Rückweg nehmen wir uns ein Taxi, wir zittern, sind bis auf die Knochen durchweicht und dieser Ausflug war zwar nicht unbedingt förderlich für unsre Erkältung, aber es war ein durchaus spaßiger Nachmittag. Gut getrocknet und mit Tee bewaffnet starren wir aus dem Fenster, sehen dem Regen zu… Und entschwinden, jeder für sich, in ferne Welten.
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