Sonntag, 15. November 2009

No dejé eSKAParme esta oportunidad

Eine spektakuläre Woche und schon wieder ein Feiertag in Aussicht



20 Jahre Mauerfall – Ich war noch recht klein als die ersten die Mauer durchbrachen, mit meinen anderthalb Jahren konnte ich da noch nicht an einem solchen Spektakel teilnehmen… Aber 20 Jahre später durfte ich mit Hammer und Meißel bewaffnet die Mauer einreißen. Ja, ich war dabei, beim Fall der Mauer. Und ich bin nun auch im Besitz eines Stücks der Mauer. Und das obwohl ich mich in Kolumbien befinde. Auch hier wurde die Wiedervereinigung gefeiert.

Seit Semesterbeginn gab es auf dem Campus eine Mauer, aus Beton, als Erinnerung an die in Berlin, an der man seine Meinung kundtun konnte, egal ob politisch oder eben nur blöde Sprüche… Und am Montag wurde sie dann eingerissen, vorher gab es eine kurze Rede vom schon uralten Dirktor der Uni, dann eine ewiglange Rede des deutschen Botschafters (in einem sehr deutschen Spanisch, soll heißen, lange verschachtelte Sätze, schreckliche Betonung und mit der Betonung auf Frau Doktor Angelika Merkel) und ein paar interessanten DDR-Kindheits- und Jugenderinnerungen eines jetzigen Politik-Dozenten der Los Andes, danach noch ein paar kurze Worte der Initiatorin und dann wurden fleißig Schutzbrillen und –helme verteilt, bevor es mit großen sowie kleinen Hämmern ans Werk ging. Die ersten Versuche scheiterten, aber dann begann sie zu bröckeln. Viele waren dafür, sie stehen zu lassen, die Mauer, der einzige Ort der freien Meinungsäußerung und künstlerischen Betätigung aller Studenten. Aber wie schon ein Artikel in der El Tiempo schrieb: „Die Mauer muss weck!“ Es dauerte seine Zeit, aber schlussendlich blieben nur Schutt und Staub übrig. Und ein strahlender Nachmittag.



Denn ja, es scheint nun endlich so weit zu sein. Die Sonne kehrt zurück und das nicht nur für ein paar kurze Stündchen, sondern fast den ganzen Tag über. Sonnenbrand gibt’s also wieder im Angebot. Der Regenausverkauf ist vorbei.

Der andere Höhepunkt dieser Woche waren nicht die restlichen Aufsätze, die darauf warten geschrieben zu werden, sondern mein erstes großes Konzert in Kolumbien. Eine Premiere und das nicht nur für mich. Denn sowohl für Toten Hosen, als auch für Ska-P war es das allererste Konzert in Kolumbien. Da mich niemand begleiten wollte, es sei denn ich hätte für die Eintrittskarte bezahlt, hab ich mich allein auf den Weg gemacht. Ein Freitagnachmittag, strahlender Sonnenschein und das erste Mal, dass ich hier Menschen gesehen habe, die wirklich Schlange stehen und was für eine Länge. Da ich mittlerweile schon ein wenig „kolumbianisiert“ bin, habe ich mich einfach mal nicht am hinteren Ende, sondern eben am vorderen eingereiht. Und Ausschau gehalten nach Deutschen. Aber niemand zu sehen, der auch nur ansatzweise deutsch sein könnte. Und das, obwohl die Hosen auf dem Programm standen. Dafür umso mehr kolumbianische Punks (von denen man nur allzu wenige an der Los Andes sieht) und alternativ gekleidete junge Leute. Und dazwischen viele unterschiedliche Menschen; von umherspringenden Kindern über lautstarke Jugendliche bis hin zu alten klapprigen Gestalten, die alle versuchen ihre Waren an die wartende Meute zu verkaufen: Zigaretten, Bonbons, Bier, aguardiente, Telefonate, Hotdogs (die hier perro caliente heißen, also heißer Hund, nur bei uns in Deutschland sind die Anglizismen so stark verbreitet) und vieles mehr. Die Schlange wird nicht kürzer, die Zeit vertreib ich mir indem ich mich musikalisch einstimme und die Leute um mich herum beobachte. Drei Uhr. Halb vier. Die Sonne strahlt und taucht alles in ein unglaublich schönes Licht. Vier. Viertel nach vier. Halb fünf. Erste Unruhen. Viertel vor fünf. Die Sonne steht jetzt so tief, dass man kaum etwas erkennen kann, da alles im Gegenlicht steht. Zehn vor fünf. Fünf. Und nichts. Dabei sollte um fünf Einlass sein. Zehn nach fünf. Die ersten Buh-Rufe werden laut. Viertel nach fünf. Und noch immer rührt sich nichts. Zwanzig nach fünf. Plötzlich scheint es, als ob die Türen geöffnet würden. Doch nicht dort, wo der Eingang angeschrieben steht. Nein, weiter vorne. Eine Welle von hinten. Es wird gerannt, gestolpert, gequetscht. Menschenmassen, die hineinwollen. Pause, weitere fünf Minuten des Wartens. Und ein weiterer Ansturm. Überall Menschen, die ungeduldig werden. Pfiffe und noch mehr Buh-Rufe. Eine weitere Welle des Andrangs und es scheint sich immer mehr anzustauen. Und dann sind wir an den Absperrungen, durchbrechen sie (es bleibt einem gar keine andere Möglichkeit, hinaus aus der vorantreibenden Traube kommt man nicht mehr), und eine weitere Schlange steht vor uns. Die Sicherheitskräfte lassen immer nur fünf Personen durch die meterhohen Gittertüren. Jacke aus, Halstuch ab, Gürtel weg, Schuhe aus, sich abtasten lassen, alles wird durchsucht. Und dann darf man sich erneut anstellen. Zumindest steh ich jetzt vor dem Palacio de Deportes, dem Sportpalast, der so palastähnlich gar nicht ist, eher das Gegenteil von einem Palast, recht klein. Aber nun gut, ich drängel’ mich noch ein Stück weiter vor, geselle mich zu drei Kolumbianern, die ganz nett aussehen und in der Tat, wir kommen ins Gespräch, ich versuche ihnen die Aussprache der deutschen Band beizubringen und wir warten und warten… Bevor wir erneut abgetastet werden und gefragt werden, ob wir auch wirklich keine Zigaretten dabei hätten. Nein, und wenn doch, dann würd ich es bestimmt nicht zugeben. Pfft. Einmal drin im Palast, da frag ich mich, was man hier für Paläste baut. Von innen ist es noch kleiner als es von außen scheint. Die Bühne ist nicht sonderlich groß, aber wir stehen im vorderen Drittel. Die Halle füllt sich und ja, ein anderes Klientel als ich mittlerweile von der Uni her gewohnt bin.

Die Vorband beginnt, Area 12, die Akustik ist nicht gerade die beste, den Sänger hört man kaum, aber die Musik ist nicht schlecht, nur denkt das leider nur die Minderheit des Publikums. Rufe wie „FUERA! FUERA!“ werden laut oder „QUEREMOS VER SANGRE!“ („Raus mit euch!“ oder „Wir wollen Blut sehen“). Ein wenig Angst krieg ich schon, mal ganz davon abgesehen, dass hier kaum jemand Die Toten Hosen kennt. Nach einer halben Stunde gibt die Vorband auf, es wird wieder hell. Umbau. Anti-Uribe-Chöre, die immer wieder angestimmt werden während des Abends. Die ersten Marihuana-Wolken steigen auf, ich habe allen Ernstes noch kein Konzert erlebt, auf dem so viel gekifft wurde (und ich frage mich, wie das Zeug reingeschmuggelt wurde). Nach der kurzen Umbau-Pause stimmen die Hosen Hey Ho, Let’s Go von den Ramones an und wider Erwarten reißt es die Menge mit. Die ersten fangen an zu pogen. Danach Begrüßung halb auf Spanisch, halb auf Englisch (ein schlechter Flachwitz: „We thought we would know what snow is, but the best snow that exist is from Columbia!“) und dann das neuste Lied: Strom. Kaum jemand versteht was gesungen wird, aber solange man dazu pogen kann…
Bekannte Lieder wie Es kommt die Zeit oder Hier kommt Alex werden gesungen und ich gröle fleißig mit (und übersetze Teile) und die Leute um mich herum schauen mich nur seltsam an, so nach dem Motto, in welch fremden Zungen spricht die denn. Steh auf, wenn du am Boden bist und zwischendurch immer wieder Cover-Versionen: I fought the law von The Clash und La Bamba. Und da soll noch mal einer sagen, dass die Deutschen verschlossen und kalt sind. Und man mag es kaum glauben, Campino, der Sänger, entledigt sich seines Hemdes und seines T-Shirts und wirft sich oberkörperfrei und schwitzend in die Menge – Stage-Diving während er singt, Respekt. Die Meute kocht. Es ist großartig. Schon lange habe eine Menschenmasse nicht mehr so genossen. Die schweißgetränkte Luft, das Mitgrölen alter Lieder, das gemeinsame Springen im Takt, den Körperkontakt mit so vielen fremden Menschen, die sich für das Gleiche begeistern, chévere…
Und dann die Zehn kleinen Jägermeister (bis auf die Stelle, an der einer der Jägermeister nach Köln fährt, ein gelungenes Trinklied):

Zehn kleine Jägermeister rauchten einen Joint,
den einen hat es umgehaun, da waren's nur noch neun.
Neun kleine Jägermeister wollten gerne erben,
damit es was zu erben gab, musste einer sterben.
Acht kleine Jägermeister fuhren gerne schnell,
sieben fuhrn nach Düsseldorf, einer fuhr nach Köln.

Einer für alle, alle für einen,
wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?
Einmal trifft's jeden, ärger dich nicht,
so geht's im Leben, du oder ich.

Sieben kleine Jägermeister warn beim Rendezvous,
bei einem kam ganz unverhofft der Ehemann hinzu.
Sechs kleine Jägermeister wollten Steuern sparen,
einer wurde eingelocht, fünf durften nachbezahlen.
Fünf kleine Jägermeister wurden kontrolliert,
ein Polizist nahm's zu genau, da warn sie noch zu viert.

Einer für alle, alle für einen,
wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?
Einmal trifft's jeden, ärger dich nicht,
so geht's im Leben, du oder ich.
Einmal muss jeder gehen
und wenn dein Herz zerbricht,
davon wird die Welt nicht untergehn -
Mensch ärger dich nicht!

Vier kleine Jägermeister bei der Bundeswehr,
sie tranken um die Wette, den Besten gibt's nicht mehr.
Drei kleine Jägermeister gingen ins Lokal,
dort gab's zwei Steaks mit Bohnen und eins mit Rinderwahn.
Zwei kleine Jägermeister baten um Asyl,
einer wurde angenommen, der andere war zu viel.

Einer für alle, alle für einen,
wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?
Einmal trifft's jeden, ärger dich nicht,
so geht's im Leben, du oder ich.
Einmal muss jeder gehen
und wenn dein Herz zerbricht,
davon wird die Welt nicht untergehn -
Mensch ärger dich nicht!
Ja, davon wird die Welt nicht untergehn -
Mensch ärger dich nicht!


Und dann… Lichter wieder an. Anti-Uribe-Chöre, Plakate wurden gehisst („Colombia si es el Israel de América Latina!”) und Ska-P-Rufe wurden geschrien...
Bis dann endlich die Lichter wieder ausgingen, um Sekunden später die Bühne wieder zu erleuchten. Und da waren sie. Ska-P. Für alle, die sich fragen, was denn genau Ska ist, nun, es ist unbeschreiblich, man muss dabei sein, um es zu erleben. Es macht auf jeden Fall eine Menge Spaß. Und Ska-P ist eine der verrücktesten und auch politischsten Ska-Bands. Plötzlich bricht eine Tanzwut aus. Mehr als zwei Stunden wird „geskankt“, „gepogt“ undd vor allem genossen, mitgesungen, mitgefiebert… Lieder wie Vergüenza, Ni f uni fa, A la mierda, Cannabis, Welcome to Hell heizen der Menge ein und wirklich, wir tropfen nur so vor uns hin. Die Luft tanzt mit, obwohl sie eigentlich stehen müsste. Jeder Körperteil ist in Bewegung, das Hirn schüttet so viele Endorphine wie nur möglich aus. Derjenige, der am Ende dieses Abends nicht durchgeschwitzt, glücklich und völlig fertig ist, hat definitiv etwas falsch gemacht. Die Bühnenshow ist großartig, man sollte vielleicht erwähnen, dass keiner der sechs Kerle wirklich hübsch ist, aber das ist ihnen völlig egal und auch gut so. Der Trompeter, mit einem ordentlichen Bierbauch spielt das gesamte Konzert über in nichts weiter als in einem Schottenrock, einer der Sänger verkleidet sich als Uncle Sam auf Stelzen während des Liedes Tio Sam…

Und sie hören nicht auf zu spielen, fast zweieinhalb Stunden und am Ende, nachdem auch Intifada ein zweites Mal gespielt wurde, legen sie alle ein paar ordentliche Soli aufs Parkett und entledigen sich fast ihrer gesamten Kleidung bis sie nur noch in Unterhosen auf der Bühne stehen…
Ein nicht wirklich schöner Anblick, aber ein umso besserer Abschluss für einen so genialen Abend. Dieses Wochenende heißt es wohl eher: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit.

Mittwoch, 11. November 2009

La U

Nach einem bildlosen Eintrag, gibt es jetzt einen fast wortlosen Eintrag




Für alle, die nach Bildern lechzen, hier sind sie: Bilder, der Universität, an der ich seit mehreren Monaten studiere...


Es wird überall außerhalb des Campus davor gewarnt seine Wertgegenstände zu präsentieren.




Edificio Mario Laserna, in dem es Rolltreppen und Fahrstühle zu Fortbewegung gibt und die Hauptbibliothek.


Ja, richtig, eine Anleitung zum Händewaschen, gibt es in allen WCs.


Und überall sonst gibt es Antiseptika für die Hände.


Moderne Gebäude


neben alten Gebäuden


Konsumtempel


direkt neben einer ehemaligen Irrenanstalt, die nun als Bibliothek dient.


Die musikalische Abteilung


sowie die Kunst


viel Grün


Treppenstufen hinauf zum...


neuen Sportzentrum


viel Glas



Aussicht von einem der höchsten Gebäude über die Stadt


Entweder steil bergauf...


oder eben einige der ach so wenigen Treppenstufen...


Kein Gebäude gleicht einem anderen.


wirklich keines


Unser "Bobo" alias Albertus Magnus, ich habe lange gebraucht, um zu realisieren, dass die gleiche Statue vor der Universität zu Köln steht...


Vielen Gärtnern werde hier Arbeitsplätze gesichert...


Das Betreten des Rasens ist nicht verboten, nur das Überqueren, denn hier soll man sich ausruhen können ohne gestört zu werden...


Dies ist also ein Teil der Uni, ja, ganz Recht, vielleicht die Hälfte des gesamten Campus oder ein wenig mehr, demnächst gibt es auch ein paar Innenansichten.

Montag, 9. November 2009

Una semana en retrospección

Der Regen ist zurück… Oder war er jemals wirklich fort…

Ja, so ist es, ein Tag ohne Regen, der ist selten in diesen Tagen, aber, wenn man ihm entgegenlacht, dem Regen, dann ist alles halb so schlimm. Wenn man über die Pfützen springt und sich durch die reißenden Stromschnellen wagt, in die sich die Straßen verwandeln. Morgens scheint dann alles wieder ganz normal, so, als sei überhaupt nichts, ja, rein gar nichts, gewesen… Es ist nicht kalt, nicht warm, zu den üblichen Telefonat-Verkäufern gesellen sich Männer und Frauen, die Schirme (für Regen UND Sonne) verkaufen, die Stimmung ist nicht unbedingt auf dem Hochpunkt, aber auch nicht auf dem Tiefpunkt. Es ist November, auch hier ist dieser ein Monat ein wenig grauer als die anderen und auch hier beginnt der Weihnachtswahn, man kann ihm einfach nicht entrinnen. Wie schon öfters mal erwähnt, hier gibt es Straßen, in denen sich Geschäfte an Geschäfte reihen, in denen man die gleichen Dinge erwerben kann. So gibt es auch Straßen aus deren Geschäften Weihnachtslieder tönen, in deren Schaufenstern Weihnachtskugeln angepriesen werden und in denen es vor allem vor künstlichen Weihnachtsbäumen nur so strotzt; aber auch wunderhübsche geschmückte rote Plastikpalmen läuten das nahende und sehr andere Weihnachtsfest ein… Die Spannung steigt, aber die Kälte fehlt, das graue triste Gefühl des nebligen Novembers, die ins Bett gekuschelten Abende, die Teekanne auf dem Stövchen, der Kerzenschimmer, einmal Jahreszeiten, immer Jahreszeiten, zumindest im Kopf. Und dann wiederum freue ich mich über Sonnenbrand im November, der mich an eine wunderbare Reise erinnert, die ich im letzten Jahr machen durfte, eine große Stadt, ein anderer Kontinent und eine einmalige Freundin…

Und ein wenig herbstlich habe ich es mir heute ebenfalls gemacht: ein ausladendes typisches deutsches Essen mit eingeladenen Freunden. Möhren-Kürbissuppe mit Champion-Einlage und selbst gebackenem Brot (das trotz des Anwärmens des Mehls nicht so geworden ist, wie es werden sollte, Trockenhefe ist nun mal nicht das Gelbe vom Ei), Kartoffelpuffer mit Apfelkompott (das Apfelmus nun ja, auch nicht so wie gewohnt) und Lachs (der eigentlich gebeizt werden sollte, aber wofür die Zeit nicht da war), Rotwein-Birnen mit Schoko-Zimt-Soße an Vanille-Eis (was eher ein Zimt-Rum-Vanille-Eis geworden ist, da man hier einfach keine Vanilleschoten findet). Und Wein, ein Montepulcciano, deutscher Wein ist hier schwer zu kriegen, also eben einer eines Nachbarlandes. Und trotz der ganzen Abwandlungen, Missgeschicke oder wie auch immer man es nennen mag: ein voller Erfolg und, schwups, fühlt man sich ein wenig herbstlicher als vorher. Und das schöne ist, den Abwasch erledigt der männliche Part, das nenne ich gute Arbeitsteilung. Da ist man auch gerne mal die Frau am Herd (vor allem, wenn einem auch lästige Dinge wie Kartoffeln schälen oder Zwiebeln schneiden abgenommen werden).

Das war also der Sonntag. Die Woche umgedreht.
Der Samstag war zunächst ein wenig stressig. Einkaufen für das sonntagliche Mahl. Schreiben eines Aufsatzes. Aufräumen der Wohnung. Und wirklich nachgelassen hat der Stress später auch nicht. Die Verabredung mit Luz, nunja, wenn Kolumbianer sagen, dass sie bis um eins arbeiten müssen, dann meinen sie eigentlich zwei, wenn sie sagen, dass die Haltestelle fünf Minuten entfernt ist, meinen sie eigentlich zehn, so ist das hier. Aber immerhin, die Pakete, die mir meine Eltern vor etwa drei Monaten geschickt haben, sind angekommen, jetzt, wo ich das vergessene Wörterbuch nicht mehr benötige. Und doch habe ich mich nie so gefreut über Dinge wie selbst gestrickte Wollsocken und man mag es kaum glauben, eine Brotbackmischung. Mit zwei schweren Paketen musste ich dann in Richtung Deutsch-Unterricht, das Geld regnet schließlich nicht vom Himmel und auch wenn es hier mehr Esel auf den Straßen gibt als in Deutschland, einen Gold scheißenden habe ich noch nicht gefunden. Zwei Stunden, allein. Nach Hause, die Müdigkeit kriecht mir schon in die Augen, aber ein paar Vorbereitungen stehen noch an: das Eis und die Birnen. Also erstmal die leicht zu erledigende Aufgabe: Birnen schälen, entkernen, Topf raus, Birnen rein, Wein drüber, Zucker drunter, Zimt hinzu, auf den Herd damit und köcheln lassen. Dann der schwierigere Teil: eine Viertel Stunde Eiweiß mit der Gabel steif schlagen (als Mann fällt einem das vielleicht leichter, ich weiß es nicht), danach Eigelb mit Zucker schaumig schlagen (mein Arm ist mindestens genauso steif wie das Eiweiß), die Sahne wird geschüttelt (nicht gerührt), alles zusammen gemischt, Vanille-Essenz drunterheben und ab in den Gefrierschrank mit der Eismasse und ab mit mir ins Bett.

Der Freitag war ausgesprochen angenehm und erholsam, denn er begann mit einem Schwimmbecken, nicht in meinen Träumen, sondern wirklich, eine ganze Bahn für mich ganz alleine, eine gute Freundin hat mich überredet morgens um sechs aufzustehen, um sie zum Schwimmen zu begleiten. Wie gut das tut, Wasser zu spüren, nur diese nervigen Badekappen, die noch nicht einmal wirkliche Badekappen sind, sondern eher Badehauben, die man schleunigst verliert, wenn man vernünftig schwimmt. Aber egal. Wasser. Ich. Glücklich. No necesito nada más. (Ja, es tut mir Leid, mein Deutsch schwindet dahin und in meinen Hirnwindungen setzen sich kolumbianische Modismen fest.) Ausgeruht und wohlig geht es zur Uni. DA wir im Stau stehen, komme ich zu spät, lasse mich dazu hinreißen die morgendliche Sonne im Grünen der Uni zu genießen, gehe zu meiner Vorlesung, und danach ein vegetarisches Restaurant, mitten im Herzen Bogotás, ich will es kaum glauben, da steht es vor mir, drei Gänge zur Auswahl und wieder etwas Neues gelernt: Man isst hier Suppe mit Banane, als Einlage halt, und nach den ersten Zweifeln bin ich vollends überzeugt. Vieles ist bekannt, aber man lernt doch immer wieder dazu. Und ich finde Tofu, guten Tofu, wirklich guten Tofu. Den Nachmittag verbringe ich mit einer guten Freundin, Nina, wir reden und reden und reden und es tut uns beiden gut. Dieser Tag auf einer Skala der Zufriedenheit, unbeschreiblich schön. Und nach dem untätigen Donnerstag und dem Desaster des Mittwochs.

Der Donnerstag bringt eine Absage eines gemeinsamen Mittagessens mit einer Freundin mit sich ein allwöchentliches Telefonat nach Hause, nicht mehr und nicht weniger.

Der desaströse Mittwoch. Eine kurze Nacht, manchmal schläft man eben nicht gut, duschen, frühstücken und noch mal kurz nach Mails schauen und da ist sie, die Nachricht, dass die erste Vorlesung ausfällt, gesendet nachts um zwölf, die Stunde Schlaf hat mir gefehlt, vielen Dank an meinen Dozenten… Die Zeit zum Lernen nutzen, eine mündliche Prüfung in Portugiesisch steht an. Ein Uni-Mittwoch, viel zu tun, wie immer. Und dann die benötigten Bücher in der Bibliothek nicht finden. Nachfragen, wo man den neuen Studentenausweis erhält. Ich werde zu einem Gebäude geschickt. Dort warte ich, erhalte die Auskunft, dass gerade Mittag gemacht wird und ich um zwei wiederkommen solle, also ins Zentrum, um eine Konzertkarte zu kaufen (jawohl, das erste große Konzert, das ich hier besuchen werde: Ska-P und Die Toten Hosen, bitte alle mal hübsch neidisch werden, es war auch das einzig Positive dieses Tages), zurück zur Uni, zum Gebäude, warten, eine Viertel Stunde später, ein Kolumbianer drängelt sich vor, dann bin ich an der Reihe, erkläre meine Situation und dann sagt mir der werte Herr, dass jenes Büro nur für Mitarbeiter der Universität zuständig sei, ich müsse in ein anderes Gebäude. Das hebt meine Laune natürlich um einiges, also auf dem Plan suchen, wo sich eben dieses Gebäude befindet, es finden und sich dorthin bewegen, Schlange stehen, erklären und dann erfahren, dass man, um eine neuen Ausweis zu bekommen, 18500 Pesos auf das Konto einer Bank einzahlen muss, nein, in bar kann man den nicht bezahlen. Entnervt will ich mich auf den Nachhauseweg machen, sehe kurz vorm Einsteigen in den Bus, dass man nur in einer bestimmten Filiale bezahlen kann, mache kehrt, suche, finde, stelle mich an, warte, fülle ein Formular aus, zahle das Geld ein und trete hinaus an die frische Luft. Und ja, drei Schritte entfernt von der Bank, da beginnt es zu schütten und nicht nur das, es hagelt, es fühlt sich an wie im Film, da unterstützt das Wetter ja auch immer die Gefühlslage. Ich bin scheinbar die einzige unterwegs auf den Straßen, betrete wie ein begossener Pudel erneut die Uni, um meinen Beleg einzureichen, werde gefragt, ob ich denn eine Kopie meines Visums dabei hätte, natürlich, immer, genauso wie eine Kopie meines Abschlusszeugnisses, diese Dinge hat man ja immer bei sich. Nicht. Montag könne ich den Ausweis abholen, aber nur, wenn ich auch Ausweis und Kopie des Visums vorlegen würde. Danach ein kleiner Streit mit einer Freundin. Es kann nur noch besser werden. Und das wird es glücklicherweise auch. Eine Oper an der Uni Nacional, sehr gut umgesetzt und schöne Elemente. Es ist eben doch nicht alles schlecht, man darf die Hoffnung nie aufgeben.

Der Dienstag, ein normaler freier Tag, an dem ich nicht viel mache, außer lesen, lernen, schreiben.

Und auch der Montag (obwohl mal wieder Feiertag) kann getrost unbeschrieben bleiben.
Das war sie nun, eine Woche im Rückblick. Und die beiden im Vorblick sind meine beiden letzten Wochen, in denen es Vorlesungen gibt. Und dann ist auch schon Halbzeit. Vier Monate. In einem mir mittlerweile nicht mehr ganz so fremden Land. Und die Pläne in meinem Kopf wachsen weiter, ich werde zurückkehren. Nach Deutschland, aber ebenso nach Kolumbien. Mit Sicherheit.

Montag, 2. November 2009

Soooool, por fin...



Die Regenzeit ist vorüber... Oder etwa doch nicht?

Ein Sonntagmorgen, der auf einer Matratzenhälfte und unter einer Hängematte beginnt… Wie es dazu kam? Gute Frage, in den letzten Tagen ist hier alles ein wenig durchgedreht, vor allem die Menschen…
Der letzte Sonntag war noch recht normal, obwohl, nein, der erste Tag ohne Sturzbäche, Sonne, Sonne und noch mehr Sonne, was für eine Abwechslung nach zwei Wochen Durchnässtsein und Pfützenspringen. Und ein Tag wie jeder andere war es auch nicht unbedingt, ein gemeinsames Mittagessen mit meinen ehemaligen Mitbewohnerinnen Caro und Caro, die eine Caro hatte nämlich Geburtstag, und da wollte sie Sushi essen gehen, also sie von der Kirche abholen, einen Bus auf der Straße anhalten (obwohl seit kurzem versucht wird durchzusetzen, dass diese nur noch an den neuen Haltestellen halten, ist das weiterhin problemlos möglich), aufspringen und ab zum WOK, das Essen ist lecker, aber doch um einiges teurer als das, was man so als Studentin gewöhnt ist. Ein Spaziergang, lange Gespräche über all die neuen Lebensumständen und in Erinnerungen an „alte Zeiten“ schwelgen.

Auf Sonnenschein folgt bekanntlich dann auch wieder Sonnenschein, seit langem hatte ich keinen Sonnenbrand nach einer Viertel Stunde in der Sonne, unglaublich, das Wetter macht hier einfach was es will und all die lustigen Menschen, die meinen, es sei kalt, gut, man sollte vielleicht nicht unbedingt kurze Hosen oder einen Rock (ohne Strumpfhose) tragen (daran erkennt man nämlich auch wunderbar die Touristen), aber eine reale Kälte, die existiert hier einfach nicht, ab und an kann es mal etwas frisch sein und die klaren Vollmondnächte sind auch nicht gerade frühlingshaft, aber auf Handschuhe und Winterjacke sollte man durchaus verzichten können… Aber so ist das eben, wenn man keine Jahreszeiten kennt, da fühlt man die winzigste Temperaturschwankung schon beim Anflug. Nun denn, meine Jacke hatte ich verliehen und als ich sie wiederbekam, da war mein Studentenausweis verschwunden… Was also tun? Auf der Internetseite gibt es keine Hinweise, Nachfragen bei Freunden hat mir auch nicht weitergeholfen und dann doch, es ist recht einfach, zur Information, Bescheid geben und warten, eine Woche ohne Ausweis, das kann ganz schön anstrengend sein, jeden Tag muss man sich an einem Automaten ein Tagesticket ausdrucken lassen, um durch die Sicherheitsschranken zu gelangen, aber immerhin komme ich hinein (und auch wieder hinaus), und gut, dass ich mir Zahlen ohne Probleme merken kann, denn meine Matrikelnummer hier benötige ich jetzt ständig. Aber auch damit kann man leben, erst recht, wenn einem die Sonne lacht. Ein weiteres parcial, fünf Aufsätze bis zum Ende der Vorlesungszeit, das gar nicht mehr so weit weg ist und viel zu lesen, also alles recht alltäglich in dieser Uni-Woche, nur ein kleiner nicht unbeachtlicher Unterschied: die Aufregung, das Getuschel, die Spinnennetze überall… Nein, an Reinigungskräften mangelt es an dieser Uni nicht (es werden sogar im Fitnessstudio die Geräte von ihnen gereinigt, man muss seinen eigenen Dreck bzw. Schweiß nicht selbst wegmachen). Nein. Es geht stark auf Halloween zu, überall Kürbisse, Spinnen, Hexen,… Und überall kann man Perücken, Masken, falsche Wimpern erwerben, orangefarbene Muffins, aber das ist erst der Anfang. Bereits am Mittwoch tauchen die ersten verkleideten Studenten in der Uni auf. Häschenohren sind sehr beliebt, es fühlt sich mehr wie Karneval an, es gibt so gut wie keine Hexen oder Monster, dafür wimmelt es von Engelchen und Kätzchen und jeden Tag werden es mehr.

Ein Mittwochnachmittag im Fitnessstudio mit einer Kommilitonin, durch Zufall bekommen wir eines der Squash-Felder, das erste Mal, für uns beide. Die Anfänge sind eher kläglich, aber wir verbessern uns stetig, der Schläger trifft nicht immer den Ball und der Ball nicht immer den richtigen Bereich der Wand (sondern lieber mal die Lampen an der Decke), aber es ist das einzige Feld, auf dem ausgiebig gelacht wird. Und eine Stunde halten wir auch aus, danach wieder zur Vorlesung und abends müde ins Bett fallen.
Der nächste Morgen ist sonnig, aber schmerzhaft. Ich will nicht glauben, dass das mein Körper ist, jede kleinste Bewegung schmerzt, der Weg ins Bad und erst in die Küche. Ich bin über Nacht um Jahrhunderte gealtert, zumindest kommt es mir so vor, so einen Muskelkater hat man nicht alle Tage. Die Treppenstufen in der Uni sind eine Qual und nur, um mich ein wenig mehr leiden zu sehen, lässt ein guter Freund nicht zu, dass wir den Aufzug nutzen… Wunderbar. Wie sehr mich die Menschen hier mögen.
Und dann ist es auch schon Freitag, es ist warm und sonnig und mittlerweile vertraut man dem Wetter schon wieder und bewegt sich frohen Mutes in dem sommerlichen Klima. Prinzessinnen, Engel, Katzen, sogar Kinder in kolumbianischer Militär-Uniform laufen mit über den Weg, hier ein Schneewittchen, dort ein Kleinkind in einem quietschgelben Kükenkostüm, und hinein ins Getümmel (auch wenn noch immer Treppenstufen einige Bedenken und vor allem Schmerzen hervorrufen). Es ist ein unglaublich buntes Treiben, überall auf der Straße kann man Perücken kaufen (nur eine langhaarige schwarze suche ich vergebens – warum nur), falsche Glitzer-Wimpern, Dracula-Umhänge, bunte Haarsträhnen, Kostüme in den schrillsten Farben du überall sind Menschen, so wie wir scheinen die meisten ihr Kostüm gern auf den letzten Drücker zu kaufen. Nach etwa einer Stunde haben wir alles, was wir benötigen, durchgeschwitzt geht es in Richtung Wohnung, Klamotten wechseln und dann eine halbe Stunde im Bad, ein Spiegel, viel Weiß, viel Rot und das erste Mal in meinem Leben falsche Wimpern, was für ein Spaß,… Ja, es ist erst Freitag, aber hier wird Halloween halt genauso ausgiebig gefeiert wie Karneval in Köln, es zieht sich über mehrere Tage. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.



Es haben mich ernsthaft mehr als zehn Leute nicht wieder erkannt (und darunter auch sehr gute Freunde). Und im Transmilenio, die Blicke auf der Straße, ich wusste gar nicht, dass es so witzig sein kann andere Menschen zu erschrecken…
Ein geselliger Totenabend bei Kaminruß weit im Norden, neue und alte Gesichter; ein Vampir und sein Opfer, Rastafari, Clowns, ein Wikinger, ein Löwe und undefinierbare Verkleidungen, aber niemand kommt an meine tote Puppe heran.



Später dann geht es per Taxi in die Stadt, eine Geburtstagsparty in einer Wohnung mit einem Ausblick, unglaublich, und es gibt einen Balkon. Die Nacht endet spät oder auch früh, um diese Uhrzeit bin ich hier noch nie zuvor nach Hause gekommen. Aber es hat sich gelohnt.
Und dann am nächsten Tag will man raus, um eine Freundin zu besuchen, denkt sich nichts dabei, Sonne und so, aber neee, denkste, die Wolken brechen unter den Wassermassen zusammen, Wasserschwälle stürzen hernieder, das Abwassersystem versagt, die Straßen verwandeln sich blitzschnell in reißende Flüsse und die Menschen flüchten sich in Eingangstüren… Bis zu den Waden stehe ich plötzlich im Wasser, aber egal, ich lache den Wolken entgegen und so plötzlich wie es angefangen hat, hört es auch wieder auf und die Sonne strahlt mir mit ihrem schönsten Lächeln entgegen.
Ein kurzer Besuch in der am Samstag doch recht einsamen Bibliothek (einer der vielen Aufsätze will in nicht mal mehr einer Woche eingereicht werden) und dann ein später Nachmittag in meiner zweiten Wohnung, ein kurzer Anruf und schon bin ich wieder auf dem Weg, diesmal ohne Verkleidung, einmal reicht dann doch. In der Nähe der Uni Nacional gibt es ein kleines aber verrücktes Konzert, ganz nach meinem Geschmack. Freunde von Freunden. Es ist eine unglaubliche Mischung; Rock, Ska, Indie, Folk, Electro und sicherlich noch einige Musikrichtungen mehr, alles so genannte cuenteros, also Geschichtenerzähler, Freigeiste, Künstler, ein ganz anderer Schlag Menschen als in der Los Andes. Definitiv mein Fall, es erinnert mich ein wenig an durchgedrehte Theaterabende. Himmlisch seltsam. Wir teilen Bier und unterhalten uns ernsthaft über interessante Themen, viele studieren Anthropologie und hinterfragen alles, neue Freunde.
Nach dem Konzert und dem Einladen der drei Verstärker, des Schlagzeugs, der Geige, dem Bass, dem Keyboard, dem Cello und der E-Gitarre in einen alten MINI (plus drei Personen), bleibt dann eine Gruppe von dreizehn jugendlichen Erwachsenen übrig, die sich auf den Weg ins Ungewisse macht. Nun ja, das Ziel ist gewiss, nur der Weg nicht sonderlich. Der Transmilenio bietet seine Dienste nicht mehr an und die Busse scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Wir müssen also laufen. Den Mädels in der Gruppe scheint das gar nicht sehr zu behagen. Einsame verlassene Straßen, Baustellen, Obdachlose, Hunde, ängstliche Blicke. Und als wir am Friedhof vorbei sind und uns der Zivilisation wieder nähern, erzählt mir Emerson (Anthropologe und eine Seele von Mensch), dass man in dem Viertel, durch das wir gerade gewandert sind, einfach so aufgrund seines Aussehens, seines Erscheinungsbildes erschossen werden kann. Deswegen auch die ängstlichen Gesichter. Aber es ist ja nichts passiert. Der Busfahrer freut sich über die Einnahmen und wir freuen uns darauf endlich im Bus zu sitzen. Ab in den Süden. Zumindest ein Stück weit, zur Wohnung der Schlagzeugerin. Ein Abend, der erneut bis in die Nacht hineinreicht. Und damit endet, dass die meisten dort bleiben, so auch ich. Und das ist auch schon die Erklärung für mein Erwachen auf einer durchgelegenen Matratze inmitten von Menschen und unter einer Hängematte (in der auch genächtigt wurde).

Sonntag, 25. Oktober 2009

Y ya se acabaron dos semanas

Eine Woche voller Nichtereignisse und doch ist nicht Nichts passiert

Es ist nicht viel passiert – nicht viel im realen Leben. Der Alltag hat mich eingeholt, einfach so, plötzlich war die Woche vorbei, eben war noch Montagmorgen, sieben Uhr früh in der Uni, Spanischkurs, in dem der Professor mich fragt, wenn er etwas nicht erklären kann (was des Öfteren der Fall ist), die Möglichkeit, sich aus den Kursen auszuschreiben ist endgültig vorüber, und die Voreinschreibungen stehen an, für den Fall noch ein Semester hier zu bleiben. Und ja, meine Pläne ändern sich, so wie das Wetter hier. Plötzlich ist es Oktober, morgens geht man hinaus und wird begrüßt von einer leichten Schwüle, nichts Unangenehmes, aber es wird wärmer und wärmer und aus heiterem Himmel beginnt es zu gewittern, täglich, abends kommt man durchnässt nach Hause, freut sich auf trockene Kleidung und sehnt sich nach einer Sauna oder zumindest einer Badewanne… Die Pläne ergießen sich ebenso in meinem Kopf. Die Reisepläne für Januar und Februar sind erstmal auf Eis gelegt. Ich bleibe. Zumindest bis zum gebuchten Rückflug. Es hat wahrscheinlich etwas mit dem Alltag hier zu tun. Ich fühle mich wohl. Nicht immer, es gibt genug Momente der Erinnerungen, aber nach vorne schauen, das ist, was zählt.
Aus der einen Woche sind zwei geworden. Das einzige, was sich stetig verändert ist die Antwort auf meine Frage, wann das Schwimmbecken im Fitnessstudio endlich geöffnet wird. Aus Mitte Oktober ist mittlerweile Anfang November geworden. Nun gut, dann heißt es eben Ausdauertraining. Und beim Krafttraining bin ich oft das einzige weibliche Wesen im Raum. In den Frauenumkleiden kann man froh sein, wenn man nicht Traube stehen muss, um sich duschen zu können oder eben mal auf die Toilette zu gehen, denn die Mädels hier sind manchmal einfach zu mädchenhaft. Vielleicht ist es auch nur meine Offenheit, vielleicht aber auch ein gewisser culture clash, ich zumindest habe kein Problem damit mich vor anderen Frauen umzuziehen und ich dusche auch nicht im Bikini, wenn die Dusche nicht als Umkleide zweckentfremdet wird. Ich weiß schon, weshalb es hier keine Sauna gibt… Andererseits schmeißt man sich hier auch mit vollem Körpereinsatz in den Schlamm, wenn es um das Frauenfußball-Training geht. Dementsprechend sieht dann auch der Fußboden in der Umkleide aus.
Eine vollgepackte Uniwoche, ein Referat, das sich immer wieder verschiebt, denn aus den vorgegebenen dreißig Minuten Vortragszeit werden bei den meisten Gruppen meist mehr, und nicht nur fünf Minuten mehr. Referate sind hier auch irgendwie anders, es gleicht eher einem Gespräch mit dem Dozenten, es wird fast davon ausgegangen, dass die Studierenden kein Interesse an dem Vortragsthema haben, es scheint auch nicht ungewöhnlich zu sein, den Dozenten bei Unwissen zu fragen. Seltsam.
Ein Besuch im Museo Nacional steht dann auch endlich einmal an, natürlich unter den Gesichtspunkten des Kurses, Kultur, Macht. Museen sind etwas Schönes, wenn sie interessant gestaltet sind, aber ebenfalls lässt sich die soziale Struktur der jeweiligen Gesellschaft herausfiltern, wenn man nur genau hinschaut. Und doch überkommt mich eine Müdigkeit, jedes Gemälde der wichtigen Männer Kolumbiens sieht gleich aus, nur die wenigen Gemälde von Botero hängen ohne Kontext zwischen der geordneten Geschichte. Und von der temporären Ausstellung über Diego und Frieda habe ich mir auch mehr erhofft, ganze zwei Bilder von Frieda Kahlo gibt es zu bestaunen, da gibt es mehr Andenken im Museumsgeschäft an sie. Und von Ruhe ganz zu schweigen, Schulklassen werden geradezu hindurchgejagt durchs Museum, sie kreischen und rennen um die Wette, vorbei an antiken spanischen Möbeln, Versteckspiel zwischen den Vitrinen der präkolumbischen Kulturen. Nur das Museumspersonal ist engagiert, geht auf die Besucher zu und fragt, wie einem die Ausstellung gefällt und erzählt einem, was man wissen will (auch persönliche Dinge).
Während in der letzten Woche nichts Nennenswertes geschehen ist, außer der bereits erwähnten Beobachtungen, so begann der letzte Sonntag (im Portugiesischen beginnt die Woche nämlich am Sonntag, ist doch viel angenehmer, eine Woche mit einem freien Tag zu beginnen und sie ebenfalls mit einem solchen zu beenden) spät am Morgen, Langeweile, nicht wirklich etwas zu tun und ein kurzer Anruf genügte. Der Transmilenio, rappelvoll, natürlich, wie auch sonst, aber das Ziel war nicht mehr so alltäglich, der Norden, mein erstes Zimmer hier in Bogotá besichtigen, überrascht werden von der ersten Weihnachtsdekoration, denn ja, auch hier beginnt es bereits zu blinken, Weihnachtslieder sind noch nicht zu hören (aber vielleicht identifiziere ich die spanischen Versionen auch einfach nicht als Weihnachtslieder), und Lebkuchen und Stollen existieren hier nicht. Und nein, leider auch kein Zwiebelkuchen oder Federweißer, so wie ein gewisser Legostein mir vorgeschwärmt hat, manche Dinge ähneln eben doch Foltermethoden. Gedankliche Folter.
Gedanken folgen auch in dieser Woche, viele Ideen, zu viel im Kopf und nicht wirklich Zeit etwas zu ordnen. Und doch einige Versuche enden erfolgreich. Die Bitte meinen Studentenstatus hier zu verlängern wird mit dem Angebot einfach ein weiteres Semester hier zu absolvieren beantwortet, ich kann mich also in Kurse einschreiben, belegen, was mir gefällt ohne dem Druck ausgesetzt zu sein gute Noten einzuheimsen. Wenn ich denn will, es wird nicht das komplette Semester werden, aber die Gelegenheit werde ich mir wohl kaum entgehen lassen. Tage in der Bibliothek, ich komme, Recherche für die Bachelor-Arbeit, jucheih. Nein, ernsthaft, meine Pläne hier zu bleiben nehmen Form und Gestalt an. Ein bisschen etwas nebenbei verdienen, kann ich mir mittlerweile auch, Deutschunterricht für eine Kolumbianerin, da lernt man seine eigene Sprache und ihre Schwierigkeiten mal wieder von einer ganz anderen Seite kennen.
Während in Deutschland endlich mal Koalitionsverträge abgeschlossen werden, findet man sich hier inmitten einer Demonstration wieder. Da will man seinen wöchentlichen Einkauf erledigen, man tritt auf die Straße, vollbepackt mit all den Plastiktüten (die hier wunderbar als Mülltüten dienen) und wundert sich über den verstopften Eingang, man drängelt sich in die vorderen Reihen und plötzlich muss man sich überlegen, wie man den eigentlich doch kurzen Heimweg antreten wird, denn an das Überqueren der Straße ist einfach nicht zu denken. Studenten, die gegen die Privatisierung der Universidad Nacional protestieren, es regnet nicht nur in Strömen, sondern auch massenhaft Flugblätter, aus dem Nichts tauchen Polizei und Militär in Massen auf, doch die Demonstranten sind friedlich… Ob man hier eine Demonstration auch anmelden muss? Würde mich ja schon interessieren. Also warten, ein paar Parolen aufschnappen und sich ein wenig an die Demonstrationen gegen Studiengebühren in Deutschland erinnert fühlen. Bildung ist eben doch nicht für jeden gleichermaßen zugängig.
Auch diese Woche besteht aus Sport, Aufgaben, Unterricht, kulturellen Erklärungen (ich habe mich immer darüber gewundert, dass man sich hier am Telefon nicht mit dem Namen meldet, sondern nur mit einem fragenden „Alo?“, und bin niemals auf die offensichtliche Antwort gekommen: Sicherheit, es ist eben doch „etwas“ anders hier), seltsamen Busgesprächen, Bewunderungen meines bereits kolumbianisch-akzentuierten Spanisch, Menschenstudien aus einem kleinen Café (Menschen, die sich mit Einkaufstüten gegen den Regen schützen, Bauarbeiter, die den Auto- und Busfahrern ein Stoppschild vor die Windschutzscheibe halten, damit die Fußgänger die Straße überqueren können, fröstelnde Bogotanerinnen, die ihre Handschuhe gegen die „Kälte“ auspacken), tiefsinnigen Gesprächen über das Überwinden der Raum-Zeit-Barriere, über Freundschaft, Liebe und Arbeit, über Sommer in Deutschland, Träume, Wünsche, Baggersee, Tandemfahren, Nordseewind, …
Und um die Woche portugiesisch zu beenden, gibt es ein brasilianisches Mittagessen im Haus unserer Portugiesisch-Dozentin Sôniá. Morgens eine Kleinigkeit in den Magen, dann Unterricht geben und anschließend „zu spät“ kommen, aber eine halbe Stunde ist ganz normal für kolumbianische Verhältnisse. Bei der Ankunft werde ich mit einer sehr herzlichen Umarmung, Küsschen hier und Küsschen da von Sôniá begrüßt,

zum Mixen meines Caipirinhas aufgefordert (der darf bei so einer kulturellen Veranstaltung natürlich nicht fehlen, allerdings für jeden nur einen),

finde ein paar Kursteilnehmer, geselle mich zu ihnen und lasse mich von der Live-Musik und Freunden auf die Tanzfläche ziehen. Ein Grummeln im Magen erinnert daran, dass es ein Mittagessen sein sollte, anscheinend isst man in Brasilien sehr spät zu Mittag oder der Tag beginnt später, so wie die Woche früher beginnt, die Teller und Mägen werden zumindest erst um vier Uhr nachmittags gefüllt.

Dafür ebenso reichlich wie köstlich, und erst der Nachtisch;) welcher gefolgt wird von zwei brasilianischen Samba-Tänzerinnen, gülden gekleidet, die eine in einem knappen Kleidchen, die andere in einem Bikini, wahnsinnig hohe Absätze, Federn auf dem Kopf und eine Körperbeherrschung, die so natürlich wirkt. Vor allem für die männlichen Wesen gibt es einiges zu bestaunen. Die Beweglichkeit der beiden Damen ist unbeschreiblichen, dagegen scheitern sogar die kolumbianischen Tanzversuche kläglich.

Und doch haben wir eine Menge Spaß, bei so vielen Glückshormonen, die den Nachmittag über ausgeschüttet wurden, kein Wunder.
Ein Wunder ist es auch, dass ich irgendwann zu Hause ankomme, denn es sind unglaublich viele Straßen gesperrt, wegen des Nike-Marathons, der weltweit stattgefunden hat, und niemand weiß so recht, wie man wohin kommt, normalerweise ist es etwa eine halbe Stunde, nicht an diesem Abend. Drei Stunden. DREI ganze Stunden, man übt sich in Geduld.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Cotidianidad

Alltägliches

Eine neue Studienwoche, ein letztes Mal kurz vor der Vorlesung aufstehen nach einer Nacht im Wohnzimmer auf dem Boden. Und doch viel zu früh in der uni sein… Wieder Sachen packen, ausmisten und sich auf ein eigenes Zimmer freuen. Abends geht es per Taxi zu meiner neuen Bleibe, denn, ja ich ziehe ein weiteres Mal um, hoffentlich, aber sehr wahrscheinlich, das letzte Mal für dieses Semester. Nicht ganz so nah an der Uni, zehn Minuten Busfahrt oder eine halbe Stunde Fußweg. Die Wohnung ist unbeschreiblich schön, um in das Gebäude zu gelangen, gibt es einen Fingerabdruck-Scanner, die Tür zu der Wohnung ist mit drei Schlössern versehen und es gibt eine Alarmanlage wie beim Auto, wenn mich jemand besuchen möchte, dann muss er oder sie sich vorher anmelden. Die Wohnung ist geräumig, hell,



es gibt warmes Wasser, überall, selbst zum Wäsche waschen, ein eigenes Bad,


sehr klare Linien und eine Kaffeemaschine. Ich fühle mich zwar etwas dekadent, aber doch sehr wohl hier. Und mein neuer Mitbewohner, Bastian, Kolumbianer (genauer gesagt caleño, also aus Cali), ebenfalls Student an der Los Andes. Viel Raum und Zeit und Ruhe für mich, die Kontraste ziehen mich irgendwie an, oder doch ich die Kontraste.
Nach einer Woche Urlaub hat mich der Alltagsstress recht schnell zurück, Aufgaben hier, Ankündigungen dort, ein paar gute Noten zurückbekommen, ein paar bessere und sich freuen, dass die ganze Arbeit gewürdigt wird. Aber Ausruhen ist nicht angesagt, nur am Donnerstag. Da ist nämlich Tag der Studenten, ein riesiges Fest zur Einweihung des neuen Sportzentrums. Ein Riesenspektakel, es spielen Bands auf der auf dem Fußballfeld aufgebauten Bühne, Essensstände, von denen aus einen ganze Schweineköpfe angrinsen und auch der ein oder andere angeheiterte Student. Und im Hintergrund das Sportzentrum. Es gibt wirklich alles, was das Herz begehrt. Squash, Billard, Tischtennis, Brettspiele, ein Fitnessstudio mit allen Raffinessen, das neuste vom Neuen, eine Kletterwand, die bis zum sechsten Stockwerk reicht, ein Schwimmbad (wohlgemerkt im fünften Stock), ein Basketballfeld, Tanzraum, Kampfsporthalle, Cafeteria und Räume für das Wohlergehen, und eine spitzenmäßige Betreuung, man kann sich sämtliche Sportgeräte ausleihen, Trainingspläne mit Hilfe qualifiziertem Personals erstellen. Der ganze Stress der letzten zwei Monate wird sich in Luft auflösen, in angestrengte ausgestoßene Atemluft, auf dem Crosstrainer, dem Laufband oder beim Cycling. Und das alles im Grünen… Da bekommt man durchaus Lust an einer Privatuni zu studieren. Ein geselliger Donnerstagabend, der sich in einen meiner berühmt berüchtigten mehr als halbstündigen Lachanfälle ergießt, jetzt wissen wenigstens einige Kolumbianer, dass man als Deutsche nicht immer ernst sein muss…
Das Wochenende ist verschlafen, die Aufgaben erledigen sich leider nicht von selbst, große Lust auf meine 80-seitige Lektüre habe ich nicht, aber auch das gehört dazu. Viel Schlaf, viel Kaffee und wenig Vorankommen.

„Festival de la chicha“ ist am Sonntag, nach langem Warten treffe ich mich mit ein paar Freunden, Musik, Sombreros vueltíos (typisch kolumbianischer Hut), und natürlich viel chicha – vergorener Maissaft – die in geleerten Plastikflaschen verkauft wird, oft auch aus riesigen Regentonnen geschöpft wird, dazu gibt es Platten voll von Essen, Kartoffeln, Kochbananen, Rindfleisch, Hühnchen, salchicha,…
Und plötzlich donnert es, der Himmel verfinstert sich und es rauscht, nein, das ist kein Regen, das ist eine Sturmflut, die ganzen Stände sind am Hang, das Wasser rauscht herab, und es wird schlimmer, die Menschen flüchten sich kreischend unter die Zeltstände, Väter versuchen ihre Kinder mit Regenschirmen oder Mülltüten vor dem Durchweichen zu schützen, die Menschen drängen sich immer dichter aneinander, alles kreischt und schreit und lacht… Es ist einfach zu irrealistisch, kalt ist es nicht wirklich, nur alles sehr nass, ich stehe knietief in dem Sturzbach, der alles mit sich reißt, ganze Stände, Bierflaschen zerschellen, Tische und Stühle werden davon gespült und es scheint einfach nicht aufhören zu wollen. Irgendwann wird es dann doch weniger, wir suchen uns ein Taxi und machen uns einen gemütlichen Abend zu Hause.

Sonntag, 4. Oktober 2009

Una buena aventura en Buenaventura

Abenteuerliches



Pläne machen ist ja eigentlich nicht schwer, allerdings, wenn es einem schwer fällt Entscheidungen zu treffen oder wenn eben die Pläne, die man schon vor langer Zeit gefasst hat, durchkreuzt werden, dann können sich durchaus Schwierigkeiten ergeben.
Die Hälfte des Semesters ist um, und hier gibt es die wunderbare Erfindung der semana de receso, eine vorlesungsfreie Woche, die man wunderbar zum Reisen nutzen kann. Der Plan sah so aus: Das Wochenende in Rio Claro, etwa fünf Stunden von Bogotá entfernt, verbringen, mit nem Freund, Klettern, Rafting, Kanu, und nichts als Natur, um danach Medellín zu besuchen, ein paar deutsche Freunde treffen und dann noch eine Woche dranhängen und mit ein paar kolumbianischen Freundinnen nach Bucaramanga in einer Finca ausspannen.
Denkste. Alles leichter als das. Donnerstagabend: Absage für Rio Claro. Sonntag: Absage für Übernachtungsmöglichkeit in Medellín. Montag: Verschieben des Termins für Bucaramanga. Da sitzte dann. Und was machste? Nüscht, außer sich den Kopf zerbrechen, fast jeder meiner Mitstudenten hat ein Flugticket oder einen ausgefeilten Plan.
Also das Wochenende in Bogotá verbracht. Und was für eines. Eine sehr gute Freundin verabschieden und zwar fast das gesamte Wochenende. Viel schlafen, viel reden, gemeinsam kochen und gemeinsam beim Film schauen wegdösen, durch die Straßen ziehen, unglaublich viel Geld beim Arzt lassen für einen fünfminütigen Besuch (nicht ich, sondern sie), die besten Tortillas meines Lebens serviert bekommen (selbst gemacht versteht sich), noch mehr Gespräche, Abschiedstränen, sich ein letztes Mal umdrehen, winken und sich auf ein Wiedersehen in Barcelona freuen.
Und dann sitzte wieder da, Sonntag, Spätnachmittag. Hast dir in den Kopf gesetzt nach Medellín zu fahren, aber alleine? Und eine ganze Woche für eine Städtereise. Medellín ist ja nicht gerade Hong Kong. Hin und her springen die Gedanken. Einfach ganz allein in Bogotá durch die Straßen ziehen? Sich irgendeiner Gruppe anschließen (obwohl sich die meisten natürlich schon am Freitag auf den Weg gemacht haben)? Oder einfach gar nichts machen. Schlafen. Und in einer Woche wieder pünktlich zu den Vorlesungen aufwachen.
Aber ich hab so sehr auf diese freie Woche hingefiebert, die kann ich ja nicht einfach nur zum Faulenzen nutzen. Also entscheide ich mich dazu am Montag mit meinen Mitbewohnern mitzufahren. Auf in Richtung der gefährlichsten Stadt Kolumbiens: Buenaventura (wortwörtlich übersetzt: „schönes Abenteuer“). Das behaupten zumindest die Artikel, die ich bei der Recherche gefunden habe. Allerdings alle von vor zwei Jahren, in so einer großen Zeitspanne kann natürlich viel passiert sein, muss aber nicht. Sämtliche Reiseführer, die wir gewälzt haben, raten eher von einer Reise nach Buenaventura ab. Und so langsam verspüren wir ein etwas unschönes Gefühl in der Magengegend, aber es wird nicht gekniffen, der Plan ist gefasst und wird nicht mehr losgelassen. Und es haben schon andere vor uns überlebt, außerdem werden wir uns mit ein paar anderen Freunden dort treffen.
Eine Woche ohne Internet und auch ohne Handy. Packen, für die Pazifikküste. Schwierig, wenn man nicht wirklich weiß, was einen da so erwartet. Feuchtigkeit, Sonne, Mücken, Meer, Strand. Abenteuer eben. Der Montag vergeht wie im Flug, die Zeit rast, meine Sachen sind gepackt, Angie und Ronan sind da eher gelassener. Der Bus fährt um sieben. Um sechs das vorläufig letzte (Abend)mahl, ein letzter kurzer Spaziergang, Luft schnappen, tief einatmen, vielleicht ist es das letzte Mal für uns, die wunderbare bogotanische Luft… Ein Abschied von einem guten Freund, Taxi heranwinken und bangen den einzigen Bus wirklich zu erwischen. Und dann haben wir’s auch schon: Stau, klar, um die Tageszeit ist das auch kein Wunder. Der Taxifahrer gibt sein bestes und wir sind Punkt sieben am Terminal. Wir verursachen ein bisschen Wirbel und handeln den Preis für die Busfahrt runter, 30,000 COP für zwölf Stunden Busfahrt. Die beginnt allerdings erst um halb acht. Eine Nacht im Reisebus, erst kolumbianische Musikvideos, in denen viele halbnackte Frauen ihr Hinterteil zu heißen Rhythmen schwenken, dann ein äußerst brutaler Film („The Condemned“), die Klimaanlage wird abwechselnd voll aufgedreht und dann wieder komplett abgeschaltet, die Straßen sind eher schlecht als recht und sehr kurvig, gut, dass es dunkel ist, und man weder die Überholmanöver, noch die tiefen Abgründe in ihrer Vollkommenheit wahrnehmen kann. Ein kurzer Zwischenstopp in Ibague, Fahrerwechsel und weiter geht die bunte Fahrt.
Morgens um halb acht werden wir beim Aussteigen von einer Hitze erschlagen, der erste Eindruck: Wir fallen auf, so hellhäutig wie wir sind. Und die Reiserucksäcke sind auch nicht gerade förderlich. Aber erstmal Frühstück und dann weitersehen. Rührei, Brot und Kaffee verscheucht den Schlaf aus unseren Augen, und mit einem Mal liegt Buenaventura in seiner ganzen Pracht vor uns: eine Hafenstadt, recht grau, ärmlich und doch gibt es hier und da schöne Ecken. Und doch wollen wir nicht bleiben. Und machen uns mit dem Van auf nach Córdoba, nein, nicht in Spanien, sondern nur ein kleines Dorf, von dem aus es weitergeht nach San Cipriano, ein noch kleineres Dörfchen, das mitten im Urwald liegt und nur mit einem mototren erreicht werden kann.



Es gibt Schienen, also wohl auch einen Zug, aber nicht sehr häufig, also verhandeln wir und wir erleben eine einzigartige Reise, eine Holzplatte mit draufgenagelter Bank, Rollen für die Schienen und ein Motorrad, das Vorderrad auf der Holzplatte, das Hinterrad dient als Antrieb auf den Schienen. Abenteuerlich.


Die Sonne knallt auf uns herab, der Fahrtwind kühlt uns ein wenig, hinein ins Grün, sowieso ist hier vieles einfach nur grün. Abgesehen vom Himmel, der ist blau, oft auch grau. Ein Fußmarsch von etwa einer Viertel Stunde und dann sind wir da, abgeschieden, im Nirgendwo, und werden auch schon erwartet. Kurze Verschnaufpause, dann geht’s entlang des Weges, hinein in den Urwald, ein Fluss, in dem wir baden, Natur pur, endlich nach so langer Zeit in der Großstadt. Es tut gut den Kopf unter Wasser zu tauchen, die Strömung zu spüren, sich treiben lassen im klaren und doch nicht zu kalten Nass. Ein Handtuch ist überflüssig, bei der Wärme trocknet alles ganz schnell von alleine, bis zu einem gewissen Grad, denn die Luftfeuchtigkeit ist deutlich höher.


Zum Mittagessen gibt es Fisch in einer kleinen Holzhütte, kleine nackte dunkelhäutige Kinder, die sich neugierig um uns scharen, und Hunde, auf jeder unserer Touren haben wir vierbeinige Begleiter, die meisten von ihnen jedoch abgemagert und hässlich. Und dann schüttet es auch schon wie aus Kübeln. An der Temperatur ändert sich jedoch nichts. Gegen Nachmittag ordern wir erneut ein mototren und es geht zurück, diesmal mit sechs Passagieren an Bord, kuschelig, etwas wacklig und doch kommen wir heile an, zurück nach Buenaventura, um dort ein weiteres Transportmittel zu nehmen, ein Boot. Für zwanzig Personen ist Platz und hinauf aufs Meer, Juanchaco ist unser Ziel. Eine kleine Insel im Pazifik. Es ist Ewigkeiten her, dass ich nicht mehr am Meer war. Das Salzwasser auf den Lippen spüren, die klare Luft einatmen, und wie von selbst zaubert sich ein großes Strahlen in mein Gesicht, Wasser, mein Element. Meer, nichts braucht es mehr. Nicht für mich.



Nach einer Stunde haben wir wieder mehr oder weniger festen Boden unter den Füßen, Sand, dunkler Sand, überall, wir werden abgefangen von Jimmy, der uns das Dorf zeigt und uns bei der Suche nach einer Unterkunft hilft. Die Fahrt geht mit dem Traktor und Anhänger ins nächste Dorf. Es springen eben noch schnell ein paar Einheimische auf, samt Kühlschrank versteht sich. Jeeps und Motorräder überholen uns hupend. Die einzigen Verkehrsmittel, die wir in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht genutzt haben, sind wohl ein Flugzeug und ein Zug (aber den gibt es hier in Kolumbien auch nicht wirklich).
Wir verhandeln erneut für unseren Schlafplatz, Hotel Patty, der Inhaber ein uriger Typ, nicht sonderlich sympathisch, aber wir haben eine Bleibe, ich teile mir mit drei Männern einen Schlafraum, das Bad, nun ja, fallen lassen will man nichts, der Rest dafür ist sauber, einigermaßen, und es gibt Hängematten, und ein Blechdach, auf dem Abend für Abend der Regen eine wunderschöne Melodie komponiert. Wir essen zu Abend; Fisch natürlich, trinken Bier und lassen uns vom Regen in den Schlaf wiegen.
Am nächsten Morgen wartet Jimmy auf uns, eine Tour durch den Mangrovenwald steht an. Der Weg dorthin führt uns vorbei an kleinen Hütten, Strom gibt es hier fast überall, denn sonst könnte man sich die vielen Fernseher hier wohl kaum erklären und leider auch viel Müll, durch den Regen sind die Wege aufgeweicht und die Feuchtigkeit lässt uns schwitzen, es ist wunderbar warm, alles ist grün und auch langsam aber sicher lugt die Sonne hinter der Wolkenwand hervor.

Ein Boot erlaubt uns den Zutritt zu einem ungeahnten Paradies, riesengroße blaue Schmetterlinge, Mangroven die ihre Wurzeln in die Tiefen des Flusses bohren, nur die Kerle, die das Boot beinahe zum Kentern bringen trüben meine Freude (aus Angst um meine Kamera versteht sich).

Wir genießen die Abgeschiedenheit, die innere Ruhe, die sich breit macht und erreichen unser Ziel, ein natürliches Schwimmbecken, ein kleiner Wasserfall, ein Süßwasserbecken, in das wir eintauchen. Wohltuende Mineralien dienen zum natürlichen Wellness-Programm (man könnte es auch als Schlamm bezeichnen) und dann unter den Wasserfall, eine ausgezeichnete Massage. Nur sollte man nicht zu tief tauchen, Schildkröten lauern am Grund…
Dieser Nachmittag ist einer, der unvergesslich in mein Gedächtnis eingebrannt ist. Die Bilder, die in meinem Kopf existieren sind umso vieles schöner, als die, die eine Kamera produzieren kann. Es war unbeschreiblich. Wir sind gerade just zur richtigen Zeit in dieser Gegend, denn bis Ende Oktober halten sich hier, in der Bahía Málaga, Buckelwale auf. Jimmy und wir anderen sechs machen uns in einem winzigen Motorboot auf es passen wirklich nicht viel mehr Menschen hinein), hinauf aufs Meer, die Wellen sind verdächtig hoch, die Schwimmweste hilft mir das Spritzwasser von meiner Kamera fern zu halten.

Und dann sichten wir den ersten Wal, weit weg, in der Ferne, und wir nähern uns, und nähern uns. Etwa zwanzig Meter neben uns taucht plötzlich ein riesiger Wal auf, die Fontäne spritzt hoch in die Luft, ein Muttertier mit ihrem Jungen, um so vieles größer als unser Boot. Dieses unbeschreibliche Gefühl, ein so vollkommenes Geschöpf der Natur in seiner natürlichen Umgebung sehen zu dürfen. Diese Momente bleiben. Für immer. Niemand kann einem diese Bilder wieder nehmen und man kann sie auch mit niemandem teilen. Und dann ein dritter Wal, der in einiger Entfernung sich aus dem Meer erhebt und springt. Die Worte, um es zu beschreiben, existieren nicht. Es gibt sie einfach nicht. Gewaltig. Wundervoll. Einmalig. Nein, Worte reichen nicht aus, um das zu beschreiben, was die Natur uns hier vorführt. Man muss es erleben.
An diesem Abend lernen wir zwei Kolumbianerinnen kennen, Katalina und Lina, die beide aus Bogotá kommen und auch beide an der Los Andes studieren, seltsamer Zufall, und einen Irländer, der nach drei Monaten in Kolumbien noch immer kein einziges Wort Spanisch beherrscht (der auch mehr als das Doppelte für die Nacht bezahlt). Gespräche bis tief in die Nacht hinein, der Regen übertönt irgendwann sämtliche Geräusche. Erfüllt falle ich ins Bett, diese Nacht gehört der Ventilator mir.
Strand, ein ganzer Strand nur für uns, es gibt kaum Touristen hier auf der Insel, einen Supermarkt, in dem man die notwendigsten Dinge erwerben kann (auch Zigarren für 200 COP, gute kolumbianische Tabakqualität), ein paar Restaurants und sonst nur Einheimische. Und somit auch einen Strand ganz für uns alleine.



Die Wellen brechen sich, das Meer tobt und doch ist es angenehm warm, die Kraft spüren, sich gegen das Wasser lehnen, mit aller Kraft. Der Sand, der unter den Füßen verschwindet, und trotzdem das Gleichgewicht und die Standfestigkeit behalten bis man sich dazu entschließt einzutauchen, mit den Wellen zu schwimmen. Das Ziehen und Zerren und nur die ewigen Weiten des Meeres vor einem. Die Schaumkronen, die sich bilden, die Wellen, die heranrollen, die man nicht einschätzen kann, reißen sie einen um oder hat man die Kraft ihnen Widerstand zu bieten. Spazieren am Strand, auf und ab, der warme Sand unter den Füßen, die Steinchen, die von den Wellen hinfort gerissen werden, andere, die sich wacker halten, um letztendlich doch sich überschlagend davon getragen werden.

Schlafen in der Hängematte, tagsüber, vor sich hindümpeln, lesen, in sich hineinhorchen, und ein Glücksgefühl entdecken, Zufriedenheit. Abends noch einmal zum Strand, barfuß, den aufgeweichten Boden, die Steine, die Grashalme unter den Fußsohlen spüren, alles in sich aufnehmen, jedes kleine Sandkorn… Und das warme Meereswasser erneut spüren.
Voller Zufriedenheit schlafe ich ein, schlummere tief, eine Ausgeglichenheit, die ich schon lange nicht mehr gespürt habe. Selbst der Rum und Salsa können mich nicht wecken. Ich schlafe tief und fest. Bis, ja bis. Plötzlich spüre ich etwas auf meinem Oberkörper, etwas sitzt auf mir, es ist mitten in der Nacht, im Halbschlaf wird mir bewusst, dass ich dies nicht träume, ein unterdrückter Schrei entwischt meinen Lippen, ich richte mich schlagartig auf und sie verschwindet. Eine Ratte. Ich sehe ihre Umrisse, die Tür steht sperrangelweit offen, ich höre sie noch immer, mein Herz rast, die Luft bleibt mir weg, wie versteinert sitze ich auf meinem Bett. Zittere am ganzen Körper. Und warte, warte, bis ich mich beruhigt habe, warte lange, lange Zeit bis ich nichts mehr höre, kein Fiepen, kein Gekruschel, nichts. Und irgendwann übermannt mich die Müdigkeit, ich schlafe, unruhig, aber ich schlafe weiter.



Am nächsten Morgen scheint die Sonne, wir machen uns auf zu einem abgelegenen Dorf, in dem es keine Autos gibt, denn der weg dorthin ist beschwerlich, wir rutschen und schlittern, Abhänge hinab, sacken ein in tiefe Pfützen, aber nach mehr als einer halben Stunde gelangen wir zu einem Strand mit unglaublichen Ausmaßen, das Meer erwartet uns aufs Neue, eine erfrischende Abkühlung nach der ganzen Ackerei. Und überall huschen kleine Krebse in ihre Löcher, der ganze Strand scheint sich in Bewegung zu setzen.

Das Dorf ist hübsch, auch wenn es hier ebenso viel Müll auf den Wegen gibt, das ist das einzige Traurige an diesem sonst so scheinbar unberührten Paradies. Leere Cola-Flaschen- alte Badelatschen, leere Rumflaschen, angeschwemmt vom Meer oder auch Hinterlassenschaften der Bewohner, der Reisenden. Früher als uns lieb ist, müssen wir uns wieder auf den Weg machen, um das letzte Boot in Richtung Festland zu erwischen. Beinahe wollen sie uns nicht mitnehmen, aber bei unseren Verhandlungskünsten kann niemand widerstehen.
In Buenaventura quetschen wir uns zu sechst in ein Taxi und erreichen den Bus-Terminal gerade noch rechtzeitig, um uns mit einem Kleinbus (ohne Klimaanlage) auf den Weg nach Cali zu machen, der Hauptstadt des Salsas. Ein Tag vorher gab es auf der Strecke Buenaventura – Cali Auseinandersetzungen zwischen Guerilla und Paramilitär, man sieht und spürt nichts mehr davon. Da haben wir wohl wieder einmal Glück gehabt. Die Fahrt geht über Höhen und Tiefen, das Wetter verschlechtert sich und plötzlich schüttet es, es gewittert und wir sind mitten drin, es blitzt und donnert gleichzeitig, und doch, die Fahrt geht weiter, gut, dass es dunkel ist, und mit einem Blitz taucht wie aus dem Nichts ein Lichtermeer auf – Cali. Eine der größten Städte Kolumbiens, sehr warm, multikulturell. Ein weiterer Freund ist bereits in einem Hotel, er arbeitet dort, weil er sein Geld verloren hat. Eine Nacht verbringen wir dort. Ohne Ventilator, dafür ist es sauber. Und klein und niedlich. Mit ein, zwei caleños machen wir uns auf zu La fuente, ein Ort, an dem Salsa getanzt wird, allerdings sind dort mehr Ausländer und dem entsprechend ist auch das Niveau. Nichts desto trotz tanzen wir, tanzen in die warme Nacht hinein. Der Abend endet abrupt, denn auch in Cali schließen die Bars und Diskotheken um zwei Uhr morgens.


Der Samstag ist mir zu warm, ich verbringe viel Zeit mit Nichtstun, denn man kann sich einfach nicht viel bewegen, gegen Nachmittag schlendern wir ein wenig durchs Zentrum,

aber sehr viel gibt es nicht zu sehen, ich gewinne eine Frisbee, finde ein schönes Armband und dann ist es auch schon Zeit die Sachen aus dem Hotel zu holen. Auf dem Weg dorthin passiert es dann. Mein erstes Mal. Alle Wertsachen, die ich auf der Reise mit habe in meiner Tasche. Wir sind zu viert, zwei Frauen, zwei Männer, es nähert sich ein Motorrad. Ein Mann nuschelt etwas von „celu, celu“ (Handy), einer von uns fragt nach, während Angie uns vergeblich versucht deutlich zu machen, dass er unsere Handys will. Langsam kommt es in unseren Hirnwindungen an, eine Hand hat er am Lenker, die andere hält er so, als hätte er eine Waffe in seiner Kleidung. Noch immer habe ich es nicht wirklich realisiert. Vom einen zum anderen Moment laufen wir, jeweils zu zweit, in unterschiedliche Richtungen, ich spüre nichts, weder Angst, noch Unsicherheit, nichts, es fühlt sich unwirklich an. Wir laufen bis zur nächsten Ecke ohne uns umzudrehen, laufen (und zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht, ob es eine gute Idee ist) und erreichen eine belebte Straße, hören wie er erneut eine Runde ums Gebäude dreht. Und dann hält ein Taxi neben uns, Angie und Ronan, nichts wie weg hier. Zum Hotel. Und dann zum Terminal, der Bus nach Bogotá. Wir verhandeln und fahren. Auf nach Bogotá. Eine freie Woche nähert sich dem Ende.