Samstag, 20. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 8


Der Tag ist noch jung als wir unsere Rucksäcke schultern. Für Linda ist es der letzte Wandertag, denn von unserem Tagesziel, Bilbao, aus fliegt sie zurück nach Düsseldorf. Ein Sonnenaufgang steht noch auf der Wunschliste. Catalina ist schon früh auf und verabschiedet uns herzlich mit den besten Wünschen. Frühstück gibt es nach den ersten Kilometern, auf dem letzten Anstieg vor Bilbao. 
Schneller als gedacht kommen wir dort an, rechtzeitig, um am Gottesdienst um 10.30 Uhr in der Catedral de Santiago teilzunehmen. Ein wenig befremdlich. Kein Gesang. Gebete, die mir bekannt vorkommen. Allerdings ist es lange her, dass ich in den Gottesdienst gegangen bin. Nach der Erstkommunion verlor sich mein Interesse in anderen Dingen. Kirchen an sich sind wunderbare Orte. Stille, Erhabenheit, angenehme Kühle. Ich bin anwesend, doch nehme nicht wirklich teil. Ich genieße das kirchliche Gemurmel, die Gewissheit der Gläubigen und werde ruhiger. Sitze. Meine Fußsohlen stöhnen bei jedem Sicherheben und schreien nach Entlastung. Noch immer hat sich weder Körper noch Kopf mit dem Pilgern angefreundet. Vielleicht doch den Bus zurück nach San Sebastián nehmen? Oder zumindest morgen zur nächsten Herberge?

Die Altstadt ist nett anzusehen: enge Fassaden in unterschiedlichen Brauntönen, kleine vergitterter Balkone, Fensterläden, schmale Gässchen. Die Hitzewelle hat sich die letzten Tage über angebahnt und bricht sich nun direkt über der Großstadt. Auf über 40 Grad klettert das Thermometer. Heute gönnen wir uns ein Hotelzimmer, das können wir erst um 14 Uhr beziehen, solange müssen wir uns noch draußen aufhalten. Ein kurzer Blick aufs Guggenheim-Museum, auf die außergewöhnlichen Brückenkonstruktionen, die sich aufgrund des fehlenden Windes keinen Millimeter bewegen.

Auf dem Rückweg fällt unserer Blick auf ein Schild ins Auge: churros con chocolate. Wir werden uns unserem Hunger bewusst, tatsächlich haben wir seit dem Frühstück nichts mehr zu uns genommen. Wir wissen ganz genau, dass dies unser Café ist. An der Bar nehmen wir Platz und nach ein wenig angekündigter Wartezeit dampfen die frisch frittierten Brandteigkringel an und machen es sich in der dazu gereichten dickflüssigen heißen Schokolade gemütlich. Unsere Gemüter erhellen sich schlagartig. Als der Kellner uns dann noch erzählt, dass er ein wenig Deutsch gelernt hat, auf Mallorca, geht uns das Herz auf. Auch wenn uns eigentlich gar nicht nach Großstadtgefühl ist, zeigt sich Bilbao von einer angenehmen Seite.

Später, nach einer siesta, werfe ich zunächst Ballast ab, Linda nimmt einiges an überflüssigem Gepäck von mir mit zurück nach Deutschland, dann werfen wir noch einen zweiten Blick auf die Stadt. Ich glaube mich im Wandlungsprozess zu befinden, ich fühle mich weder als Touristin noch bereits als Pilgerin. Irgendwo dazwischen.

Lindas zweiter Wunsch: chipirones en su tinta (Calamaretti in eigener Tinte). Wir begeben uns auf die Suche, die wahrscheinlich nie enden wird. Wir suchen und suchen, finden aber nichts, bis auf Bill und Gavin, die am Brunnen nahe der Kathedrale herumhängen. Auf der Plaza Nueva entdecken wir die Bar Charly, die zumindest paella negra serviert. Als wir um 19 Uhr bereits zu Abend essen wollen, schaut uns der Kellner mit großen Augen an. Wir lassen uns nicht beirren und bestellen. Pulpo a la gallega und eben die schwarze Paella, die es als einzige natürlich nicht mehr gibt. Dann eben die mit Meeresfrüchten für señoritas. Wir träumen vom Meer mit dem Geschmack nach selbigem im Mund und spülen ein wenig Bier hinterher.

Gabriel stößt noch zu uns, um sich von Linda zu verabschieden. Mittlerweile ist es dunkel und die Terrassen der Restaurants sind gut gefüllt. Ich verabrede mich mit Gabriel, um morgen früh gemeinsam zu laufen. Der Kellner hat uns beiden blonden Deutschen irgendwie gefressen, als es doch mehr als die von ihm überschlagene Summe von 50 Euro sind, lädt er uns noch auf einen Txakoli ein, einen baskischen Weißwein. Wir flanieren noch ein bisschen durch die warm beleuchtete Altstadt, doch als wir unserem Viertel näher kommen, wird es dunkler und dunkler, wie auch die Gestalten, die sich um uns herum befinden. Unwohlsein breitet sich aus, die Schritte werden schneller und bestimmter. Im Hotel angekommen, bricht das große Zittern aus. Und dann: ein Zimmer und außer mir und Linda niemand sonst darin. Was für eine ruhige Nacht.

Freitag, 19. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 7


Der heutige Morgen ist eindeutig von Zeichen bestimmt. Der Bäcker bietet zwar kein Frühstück, wie die Verkäuferin im Supermarkt gestern angekündigt hatte, dafür Croissants und frisches Brot zum Mitnehmen.

Sehr weit kommen wir nicht, obwohl uns hier Eichenblätter anstatt Muscheln den Weg nach Santiago weisen. Als Linda und ich vor der Guernica-Replik aus Kacheln stehen, ist es fast schon 8 Uhr. Und prompt bestätigt der Kirchschlag uns die späte frühe Stunde. An der Ecke befindet sich das medizinische Zentrum der Stadt. Nun gut. Ein wenig wider Willen stelle ich mich in die Schlange. Dank der europäischen Krankenkassenkarte läuft alles glatt.

Nur ein wenig warten und dann empfängt mich die Ärztin Zorione Almetzi. Sehr freundlich und überrascht von meinem guten Spanisch sieht sie sich meine Zehen an. Denn es haben sich nicht nur unzählige wässernde Blasen an meinen Füßen gebildet. Nein, drei von meinen Fußnagelbetten haben sich tief blau verfärbt. Einer der Nägel löst sich schon fast, so sehr hat es sich entzündet. Beim Laufen merke ich das zwar kaum, doch ein wenig besorgniserregend sieht das Ganze schon aus. Zorione ist der Ansicht, dass sie wohl allesamt abfallen werden, was aber nicht weiter schlimm sei, sie empfiehlt mir, die nächsten Tage möglichst wenig zu laufen und wenn, dann mit Sandalen. Eine Krankenschwester gibt mir noch ein, zwei Utensilien, damit ich die betroffenen Zehen wenigstens ein bisschen abpolstern kann.

Wieder an der frischen Luft, stolpern Linda und ich fast automatisch ins nächste Café. Dort frühstücken wir jetzt doch noch vernünftig. Torta de arroz und einen wohlschmeckenden café con leche. Noch ein Blick auf die Kirche und wir starten in den Tag. Die letzten vier Kilometer von Larrabetzu aus bis nach Lezama laufe ich tatsächlich in Sandalen, da es nur noch an der Straße entlang geht. In der Mittagshitze kommen wir in dem Örtchen mit nur einem Kauflädchen an, das auch nur bis 15 Uhr geöffnet hat. An der Herberge türmen sich bereits Wanderrucksäcke und -schuhe. Optimistisch wie wir sind, reihen wir uns ein. Im Schatten hinterm Haus: bekannte und unbekannte Gesichter. Nahrungssuche im Supermarkt. Zwei Flaschen hiesigen Rotweins, Brot haben wir ja noch, und Pascal schmeißt auch noch allerlei aus seinen Vorräten fürs abendliche Pilgermal dazu.

Doch erst einmal lerne ich Bill Walker kennen. Bill ist US-Amerikaner, hat schon einige Bücher übers Wandern geschrieben, in Lateinamerika Englisch unterrichtet und redet gerne. Das „größte“ Merkmal ist tatsächlich seine Größe: stolze 2,13 Meter. Schlaksig dazu. Linda hatte ihn bereits kennen gelernt und ihm seine Hose geflickt. Im Gepäck hat er seinen Neffen Gavin. Wuschelköpfig, schweigsam und kamerabehangen. Seit fünf Wochen sind die beiden bereits unterwegs. In Frankreich ging die Reise los.

Zurück an der Herberge treffen wir immer mehr Menschen, unter anderem auch Víctor und Aitor, unsere Zimmergenossen der letzten Nacht, die erst um elf Uhr losgelaufen sind, nachdem sie nachts irgendwann partytrunken und mäuschenstill ins Vierbett-Zimmer geschlichen sind. Catalina steht vor uns, die Freiwillige, die die Herberge die nächste Woche über betreut. Pilgerpässe werden eingesammelt. 18 Betten gibt es, der Rest kann in der Freiluftsporthalle nächtigen. Linda und ich sind Nummer 17 und 18. Glück gehabt. In der Herberge tönt Musik aus dem CD-Spieler, unsere Wäsche wird gewaschen, wir müssen uns nur ums Aufhängen kümmern. Dann stehen sich Catalina und Bill gegenüber. Sie, etwa 1,50 Meter klein, bittet ihn doch auf einem Stuhl Platz zu nehmen, damit sie ihm in die Augen schauen kann beim Sprechen. Er schlägt ihr vor, sich doch auf den Stuhl zu stellen.

Der Nachmittag ist noch früh, die Pilger fallen in die zwei, drei Kneipen ein wie Fliegen. Ein Kas de limón auf Eis auf der Terrasse, während im Innern die Einheimischen wilde Kartenspiele spielen. Linda und ich sitzen da, brüten vor uns hin, trotz Schattenplatz, weitere Pilger haben sich die Kneipe ausgeguckt und setzen sich. Doch plötzlich wird einfach die Tür verschlossen. Es gibt nichts mehr. Dicht.

Unser Abendbrot: Brot, reichlich Wein, Käse, Oliven, hausgemachter Gurkensalat von Pascal, Sardellen und anderthalb neue Pilgergesichter. Freddy ward bereits in Deba gesichtet, eigentlich Brite, aufgewachsen in Madrid. Leicht verpeilt, flotten Schritts und unermüdlich. Roberto, man hat ihn bestohlen, erzählt er uns, unsere Einladung an unserem festlichen Mahl teilzunehmen, will er zunächst nicht nachkommen, irgendwann hat er doch noch ein Glas Wein in der Hand. Catalina schlägt uns den Alkohol tatsächlich aus, ihr reicht das Gespräch. Sie beneidet uns ein wenig, morgen wieder weiterziehen zu können. Nächste Woche geht auch sie so weit sie ihr einwöchiger Urlaub trägt. Einmal Pilger, immer Pilger. Es wird spät. Angeschwipst nach einem gemeinsamen Lachanfall fallen wir in unsere Hochbetten. 

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 6


Gestern Abend habe ich einen weiteren Deutschen kennen gelernt. Heinz. Allerdings nur aus Erzählungen. Heinz weiß genau, wie viel sein Gepäck wiegt; sein Handtuch, seine Hose und seine Kondome. Zum Frühstück beim Bäcker um die Ecke treffe ich ihn dann in Person. Wie auch Alexander. Es sind doch mehr Deutsche als gedacht unterwegs. 

Nach tortilla, Orangensaft und dem ersten Kaffee seit Tagen, laufe ich zusammen mit Linda und Pascal los. Als wir durch das Dörfchen Bolibar pilgern, kommt die Sonne hinter den Wolken hervor. Der Anstieg zum Kloster von Zenaruzza ist gar nicht mal so beschwerlich. Die Blasen am Fuß ignoriere ich mittlerweile. Die alten Gemäuer empfangen uns, aus dem Innern klingen dumpf Gesänge an. Die Tür zur Kapelle öffnet sich, der Hausherr tritt heraus, mit ihm Eva, eine weitere Deutsche. Ein Stempel im wieder getrockneten Pilgerpass. Und weiter.

Zwischendurch streuen sich schwarze Schafe in Herden, Eselfohlen werden bemuttert und Schattenspiele veranstaltet. An einem Flusslauf entlang zieht sich der Weg. Ein junger Pole, Paweł, verteilt Schokolade an einer Brücke. Die Füße schmerzen, der Weg wird mit jedem Schritt länger und das Ziel, Gernika, entfernt sich immer mehr. Pascal eilt an uns vorbei, Linda und ich brüten in der Hitze. Nicht nur Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir in der schlimmsten Nachmittagshitze laufen. Der letzte Anstieg nach Marmitz. Dann bergab. Doch Gernika liegt weit, weit weg.

Eine Pause an einem Bushäuschen. Wir sammeln unsere letzten Kräfte zusammen und kriechen die Schnellstraße ins Stadtzentrum. Auf den letzten Kilometern überholt uns ein älterer Spanier auf seinem Rad, wünscht uns einen „¡buen camino!“, wir lächeln ihm müde nach. Kurz darauf kommt er zurück, rollt neben uns entlang, unterhält sich mit uns auf Spanisch, Englisch und Deutsch, begleitet uns bis zur Touristeninformation. Denn Gernika bietet keine Pilgerherberge. Fast alle Zimmer in der Stadt sind bereits belegt. Mit etwas Glück erhalten wir zwei Zimmer in einer Pension. Laut Auskunft handele es sich um Zweibettzimmer á 35 Euro pro Nacht. Das war es wohl einmal. Die Pensionsbesitzer sind ganz gerissen und verlangen einen Pilgerpreis von nur 20 Euro – pro Bett. Und das steht im ehemaligen Zweibettzimmer, das nun umfunktioniert wurde – zum Vierbettzimmer. Zumindest kennen wir unsere Mitschläfer bereits: Víctor und Aitor. Dusche, Wäsche waschen, Nahrungssuche. Pilgerroutine.

Das Städtchen ist zwar schön, doch viel können wir ihm nicht abgewinnen. Wir irren umher, zwischen der Picasso-Statue und dem Ende der Fußgängerzone. Das einzige Restaurant, in dem ein Pilgermenü feil geboten wird, gehört unserer Pension an. Nie im Leben. Die erhalten schon genug von unserem geringen Pilgerkapital. Da sitzt Alexander grummelnd auf einer Bank, er hat gerade einen Döner verspeist und er wohne für 45 Euro in einem Hotelzimmer, ganz alleine. Wir haben noch immer Hunger. Kurzerhand quatsche ich zwei hiesige Spanier an, die uns prompt ein Restaurant empfehlen. Das liegt genau unterhalb von der Übernachtungsstätte Alexanders. Die Karte lockt. Als wir uns setzen wollen, entdeckt uns eine Horde Deutscher. Nun gut, setzen wir uns mit an den Tisch. Warmes Brot, frisch aus dem Ofen. Wein. Reis mit Muscheln, Gambas und bestem Olivenöl. Frittierte Anschovis an Paprikasoße. Und zum Dessert ein Flan in leicht bitterer Karamellsoße bzw. die Hälfte davon und die andere Hälfte von Lindas Torta de Santiago, einem Mandelkuchen. Bei so gutem Essen kann uns auch die deutsche Nörgelei und Prahlerei nichts anhaben. Schlaftrunken torkeln wir durch das nächtliche Gernika. Plötzlich ist es schon kurz vor Mitternacht.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 5


Noch ist es dunkel. Die Straßenlichter spiegeln sich in den tanzenden Pfützen wider, der Tag nieselt sich langsam ein. Vera und Montse treffe ich beim Bäcker, sowie andere noch immer namenlose Pilgergesichter. Txus und viele andere schlafen noch. Die heutige Etappe beläuft sich auf mehr als 25 Kilometer und ich hoffe inständig, dass die ersten drei Tage wirklich die anstrengendsten waren, und es ab jetzt nur noch besser werden kann. Das Meer verlässt mich. Aber dafür erweicht mich das Himmelsnass. Heute will ich bis zum Kloster von Zenaruzza laufen und dort hoffentlich noch einmal auf Txus treffen, der nicht ganz so viel Zeit hat, um bis nach Santiago de Compostela zu gelangen. Daraus wird nur nichts werden.

So einiges an Höhenmetern gilt es heute zu überwinden. Da ist das „¡aupa!“, die baskische Variante des „¡ánimo!“ (zu Deutsch ein animierendes “Kopf hoch!“ oder „Los geht’s!“) immer willkommen. Teils rutschige und schlammige Waldwege erschweren den Aufstieg und machen den Abstieg fast unmöglich. Rauf und runter. Runter und rauf. Nasse Teerstraßen und kein Dörfchen weit und breit. Vereinzelte Gehöfte, das klägliche Krächzen durchnässter Hähne, Pferde drängen sich in ihrem Unterstand zusammen. Eine kurze Rast an einem verschlossenen Restaurant, immerhin gibt es ein Vordach und ein paar Bänke. Eine kurze Regenpause deutet sich an, doch der Schein währt nicht lange. In steilen Kurven schleicht der glitschige Betonboden sich den Wald empor, immer weiter nach oben, selbst die baskischen Mountainbike-Fahrer sind kaum schneller als ich mit meinen zwei durchlauchten Beinen. 

Ein Waldstück, das anders ist als alle anderen. Der Duft kommt mir bekannt vor, die Stämme dünn und hochgewachsen. Eukalyptus. An was das erinnert? Koalabären? Nein, ein ausgiebiger Saunagang. Die Luftfeuchtigkeit stimmt der eines Aufgusses überein, doch die Temperatur weicht leider stark ab. Und just in diesem Waldstück kommt mir ein älterer Herr in langer Kutte entgegen, hinter ihm trottet ein Esel daher. Verwundert sehe ich mich noch einmal nach den beiden seltsamen Gestalten um und entdecke die Jakobsmuschel. Pilger. Auf dem Rückweg.

Meine Regenjacke klebt an meinen Armen, das T-Shirt trieft und selbst die Unterwäsche ist klamm. Noch liegen etliche Kilometer vor mir. Doch dort: ein Unterschlupf. Und ich bin nicht alleine. Eng aneinander gekuschelt versuchen wir uns zu wärmen. Vera, Montse, Gabriel, das immerfort streitende italienische Pärchen, der durchtrainierte und nächtlich zum Schnarchkonzert ladende Altherrenverein, sowie eine weitere Deutsche. Aus dem Nieselregen ist mittlerweile eine handfeste Duschorgie geworden. Gabriel, der Wanderstöckedieb, bietet mir pan de higo (Feigenbrot) an, besser als jeder Müsliriegel.
Wir kommen ins Gespräch, er zieht das Tempo an und mich mit. Plötzlich staune ich, dass mir meine Blasen gleichgültig sind, die schweren, schmerzenden Beine. Wir laufen und laufen, springen schon fast durch die Pfützen und Rinnsale, die sich vom vielen Regen gebildet haben. Der Weg wird breiter, verwandelt sich in eine Straße. Mein Mitpilger zeigt mir das Zick-Zack-Laufen beim Abstieg, dadurch bürde ich mir zwar ein paar zusätzliche Kilometer auf, doch meine Knie danken es mir. So langsam lässt der Regen nach, wie auch die Lust am Laufen (wenn sie denn jemals da war).

Die weitere Deutsche, die sich als Linda entpuppt, stößt auf uns. Eine Straßenkreuzung. Die geteerte Variante bis nach Markina-Xemein: 1,2 Kilometer. Die offizielle Jakobswegsroute: 3,0 Kilometer. Mahnend schaut uns Gabriel an, getreu dem Motto „Sin dolor no hay gloria.“ (Ohne Schmerz kein Himmelreich). Wir geben nach. Der Boden unter uns auch. Auf einer Lehmspur schlittern wir gen Tal. Mit jedem Schritt wird die Lehmschicht unter den so oder so schon schweren Wanderstiefeln dicker. Dicker und dicker, schwerer und schwerer. Wie auf Plateausohlen, die mindestens zehn Kilo wiegen, stolpere ich voran. Endlich ein Stück Asphalt. Mehr schlecht als recht lässt sich die ockerfarbene Masse abstreifen.

Das Kloster werde ich heute sicher nicht mehr erreichen. Zum neuen Ziel wird Markina-Xemein erklärt. Erste Anzeichen der Kleinstadt. Kurz nach dem Ortseingang steht eine kleine sechseckige Kapelle, die Ermita de San Miguel de Arretxinaga. In meiner Trance wäre ich wohl daran vorbei gelaufen, doch Gabriel hält uns dazu an, einen Blick hinein zu werfen. Drei gewaltige Felsen stützen sich gegenseitig, im Hohlraum zwischen ihnen der Erzengel Michael.

Die Herberge befindet sich im Konvent. Der hospitalero ist glücklicherweise vor Ort, wir stellen unsere nassen Rucksäcke ab und müssen dann noch einmal hinaus, da die Unterkünfte im Baskenland nie vor 15 Uhr ihre Tore öffnen. Ein heißer Kaffee wärmt Linda und mich, Gabriel verlangt es nach Deftigem und schließt sich einigen Pilgern an, denen es ähnlich geht. Der Ort ist erfüllt vom sonntäglichen Kneipengeschwätz der Spanier. Pünktlich um drei sind wir zurück, ergattern jede eines der Betten. Meinen Pilgerpass bin ich jedoch erst einmal los. Er wird mir mit spitzen Fingern vom hospitalero abgenommen. Nein, ich habe nichts pilgerwidriges angestellt. Er ist nass und läuft Gefahr, auseinander zu fallen. Nach einer warmen Dusche und einer Waschmaschinenwäsche kuscheln wir uns in die warmen Decken. Gabriel hat sich leider etwas verspätet und die Herberge ist bereits überfüllt, er kommt in einer kleinen Privatherberge unter. Víctor ist natürlich auch wieder dabei.

Abends schmeißen Linda, Pascal (ein weiterer Deutscher – so langsam mehren sich die Begegnungen mit Landsmännern und -frauen, obwohl ich versuchen werde, eher Anschluss an die spanischsprachige Kultur zu finden) und ich unsere Essensreste zusammen und basteln uns ein einfaches Pilgermahl. Pascal will seinen Joghurt loswerden, es stellt sich heraus, dass es sich um Ziegenmilchjoghurt handelt. Immer mal was Neues. Und dann, das Wetter hat sich gebessert, zieht es uns zu den geselligen Eiheimischen. In der einer Bar im Ortskern stoßen wir an, auf einen zwar anstrengenden Tag, der doch letztendlich gut ausgegangen ist. Aus einem Glas Wein werden zwei, werden drei, werden vier. Kurz bevor die Herberge schließt, stehlen wir uns hinein. Zurecht finden müssen wir uns im Dunkeln, da das Licht mit den sich schließenden Türen ausgeschaltet wird.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 4


Die Geräuschkulisse der Nacht wurde von männlichen nasalen Tönen bestimmt. Leider nicht sehr einheitlich, daran muss sich beim Schnarchkonzert noch einiges ändern.

Die Wolkendecke bläht sich auf und ergießt sich über unseren Köpfen. Die ersten Schritte gehen Álvaro, Vera und ich gemeinsam. Doch recht schnell trennt uns unser Lauftempo. Links die Straße, rechts die Steilklippen, das aufgewühlte Meer zerschlägt seine Wellen an den steilen Wänden. Die nächsten Landzungen liegen bereits in Sichtweite. Fast jeden Morgen lässt sich erahnen, wo in etwa man am Ende des Tages nächtigen wird. 

Der Rattenschwanz von Geritaria liegt in Grautönen vor mir. Die frühmorgendlichen einheimischen Spaziergänger, Jogger und Radfahrer entgegnen mir ein „¡Buen camino!“, auf das ich immer noch nicht recht zu antworten weiß. Wird das wirklich noch ein guter Weg? Zumindest fallen die Wolkenberge langsam in sich zusammen. Der erste Energieschub des Morgens verläuft sich jedoch. Pause an einem kleinen Ort, an den Kirchen stehen meist auch Trinkwasserbrunnen. Selbst bei diesem etwas durchwachsenen Wetter trinke ich und trinke ich. Ich werde überholt. Nicht nur von jungen durchtrainierten Pilgern. Nein, selbst ältere Pärchen ziehen an mir vorbei. Dann verlässt mich auch noch das Meer und die Anstiege werden steiler. 

Pause. Und nach jeder Pause fühlt sich mein Körper wie eingerostet an. Jede Bewegung läuft unendlich langsam ab. Fünf Minuten Pause bedeuten, dass der nächste Kilometer benötigt wird, um wieder in das zu kommen, was man Schritttempo nennen könnte. Die Landschaft, obwohl grün und höchstwahrscheinlich abwechslungsreich, nehme ich kaum wahr. Mein Blick ist starr auf den unwegsamen Boden gerichtet, oder sie wandern umher auf der Suche nach den verflixten gelben Pfeilen. Einerseits sind sie mein ständiger Begleiter, der Aufheiterung verspricht, wenn er auch an Stellen erscheint, an denen es gar keine Abzweigung gibt. Andererseits weisen sie mir diesen schier unendlichen, anstrengenden Weg. Ob wir noch Freunde werden?

Meine Füße schmerzen. Die Blasen vom ersten Tag, trotz des befolgten Ratschlags, zwei Paar Socken übereinander zu ziehen, scheuern an der Ferse, die Griffe der Wanderstöcke sind nassgeschwitzt, die Hände zeigen erste Schwielen. Werde ich jemals ankommen?

Das letzte Dorf vor Deba, Itziar, hat sich dreist auf die Spitze eines Berges positioniert. 270 Meter Höhe kommen mir wie 2700 zu überwindende Höhenmeter vor. Meine Füße streiken, der Kopf erst recht. Eine halbe Ewigkeit sitze ich am Fuße des Berges und warte, warte auf ein Zeichen. Soll ich die letzten Kilometer per Anhalter fahren?
Als ich ins Ziel des „Stadtlaufs“ von Itziar einlaufe, umjubelt mich niemand. Eher werde ich wohlwollend belächelt, die wahren Läufer sind noch nicht einmal gestartet. Dafür habe ich den letzten Gipfel für heute erklommen. Es soll nicht mehr weit sein bis nach Deba, laut Angaben von mich überholenden Greisen. Tatsächlich. Irgendwann, ich traue meinen Augen kaum, und noch weniger meinen Füßen. Die letzten Meter gehen steil bergab. Asphaltsträßchen. Meine Knie kreischen auf. Plötzlich überholt mich ein Pilger joggend. Das ist der Moment, an dem ich am liebsten weinen möchte.
Die letzten Meter bis zur Touristeninformation schaffe ich gerade so, da der Stadtkern auf Meeresniveau liegt, wurden hier vor ein paar Jahren zwei gläserne Fahrstühle erbaut, sodass man zumindest die letzten wenigen hundert Meter nicht mehr laufen muss. Doch jetzt erst recht. Stufen statt Seilaufzug. 

Kurz vor der Mittagspause erhalte ich den Schlüssel für den auf der Anhöhe liegenden alten Schule, in der ich heute mit einer Menge von anderen Pilger übernachten werde. Neben mir steht ein junger Mann, um die 30, der mich heute Morgen in Askizu an der Kirche überholt hat und sich bereits dort nach meinem Befinden erkundigt hatte. Wir schleppen uns gemeinsam zum Strand, wieder hinauf wollen wir beide nicht. Txus (gesprochen „Tschuss“, seine Schwägerin ist Deutsche, auf Besuch in ihrer Heimat hat er sich bei Verabschiedungen immer angesprochen gefühlt), aus Barcelona und ich sitzen an der Strandpromenade, haben uns unserer Schuhe entledigt, ein Bier in der einen, Mandeln und Pistazien in der anderen Hand. Ungläubig werden wir von Touristen und Einheimischen beäugt. Doch das ist uns völlig einerlei.

Wider Erwarten sind wir in der Schule eine der ersten Pilger. Ein paar bekannte Gesichter, dennoch ohne Namen. Dusche, Wäsche waschen und trocknen, Nahrungssuche. Pilgerroutine. Und da steht plötzlich auch Víctor in der Tür.
Auf winzigen Grundschulstühlchen, an winzigen Zwergentischchen esse ich mein typisches Pilgermenü a la „supermercado“: Baguette, Schafskäse, Oliven, Sardellen. Andere Pilger sind deutlich besser ausgestattet, Campinggeschirr, Besteck, Becher. Mir muss mein sauscharfes Messer reichen. 

Erschöpft liege ich im Doppelstockbett und weiteren dreizehn Pilgern in einem ehemaligen Klassenzimmer. Der Jogger stellt sich als Boris, Italiener heraus. Er ist mit seiner Freundin Giulia unterwegs. Außerdem im Raum: Gabriel aus Madrid, der mir gestern des gleichen Aussehens wegen schon meine Wanderstöcke klauen wollte. Scheinbar noch eine weitere Italienerin und ein Brite, ein Belgier, der seine Gitarre mit auf Pilgerfahrt hat und stark lädiert vor sich hin humpelt. Er sagt, seine Freundin würde er schließlich auch nirgends liegen lassen. Andere Pilger, dessen Gesichter mir bekannt vorkommen, deren Namen und Nationalität mir in diesem Moment jedoch gleichgültig sind.

Das Ankommen am Tagesziel wiegt fast jeden Schmerz und Selbsthass auf. Fast. Den Rest erledigt die Nacht. Und ein paar wenige Menschen wie Txus.