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Wenig Schatten nach Schattenseiten Kolumbiens
Der Sonntag ist seltsam, Flughafen, Abschied in dem Wissen selbst bald dran zu sein, die Worte „Wir sehen uns in sechs bis acht Wochen wieder“ kommen zwar aus meinem Mund, aber in meinem Kopf sind sie noch immer nicht angekommen. Nicht zu viel Zeit damit vergeuden traurig zu sein, lieber noch ein wenig reisen. Als ich mir damals im Februar den Flug gekauft habe, der mich am Montag in die Karibik gebracht hat, da hab ich auch nicht großartig überlegt, wann bekommt man schon mal für etwa 40 Euro so einen Luxus geboten…
Am Montagabend steh ich also einsam und alleine in den verlassenen Straßen, nach einem kurzen Abschied von meinem Mitbewohner Bastian, es ist mal wieder Feiertag und ich warte auf den Bus zum Flughafen, aber nein, die wenigen Busse die abends um sieben noch fahren, sind natürlich nicht dorthin unterwegs. Nach ewigem Warten nehme ich mir ein Taxi, wie so oft ist es ein sehr gesprächiger Fahrer. Bin überpünktlich am Flughafen, der Schalter ist bereits offen, kann mein Gepäck aufgeben, muss für ein Touristen-Wisch noch was blechen (was aber auch Kolumbianer zahlen müssen), nachdem der freundliche Herr der „señorita Constanza“ mindestens zehnmal eine schöne Reise gewünscht hat, heißt es warten. Noch eine Kleinigkeit essen, durch die Sicherheitskontrolle und standardgemäß zum Gate 1, bei Aires werden erstmal fleißig sämtliche Fluggäste gestapelt bevor es anhand von Lautsprecherdurchsagen zu dem richtigen Gate geht. Warten und ein österreichisches Pärchen erspähen, kurz überlege ich sie anzusprechen, aber ich bin schließlich auf meiner ganz eigenen einsamen Reise. Durchsage. Verspätung. Warten. Durchsage. Zum Gate 3. Warten. Durchsage. Zwei Reihen formen. Männer und Frauen. Erneute Sicherheitskontrollen, weshalb auch immer, als ob man innerhalb der fünfzehn Meter noch irgendwas reinschmuggeln könnte. Durchsuchen des Handgepäcks. Warten. Durchsage wegen Touristen-Wisch. Warten. Durchsage. Endlich das Boarding. Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung starten wir. Ich sitze am Fenster, ist zwar Nacht draußen, aber gerade das ist super. Ein riesiges Lichtermeer unter uns. Nein, eher eine Lichterinsel im Ozean der Dunkelheit. Langsam verschwindet sie, die Großstadt-Insel, nur ab und an tauchen kleine Lichtlein auf, wie Sterne am Boden-Himmel. Alles steht Kopf. Der Sandmann kommt und meine Äuglein fallen zu. Kurz vorm Landeanflug werde ich wach. Die Küstenzeile ist beleuchtet, eine Straßenlaterne reiht sich an die nächste wie eine Lichterkette, die sich um den Weihnachtsbaum schlängelt. Unter uns Meer, nichts als Wasser, Wasser, Wasser und dann, im scheinbar allerletzten Moment taucht die Landebahn unter uns auf. Aussteigen, von der Wärme der Nacht halb erschlagen werden, Gepäck schnappen, Sicherheitskontrolle, ein kurzer Anruf wie versprochen nach Bogotá, gleich ein bisschen Wärme mitsenden in die verregnete Hauptstadt zum verschlafenen frierenden Kike.
In die warme Nacht hinaus und Werner sofort erkannt. Ein großer dicker Tauchbär, wie man ihn sich so vorstellt, blaue Augen, großer Bierbauch und ein freundliches Lächeln auf den Lippen, den Exil-Aachener hat es vor etwa fünfzehn Jahren auf die Insel verschlagen, klein angefangen, und mittlerweile betreibt er eine der wenigen Tauchschulen, vermietet ein paar Zimmer und ein Apartment, ist verheiratet mit Amalia, einer Einheimischen. Mit dem typischen Fortbewegungsmittel der Insel einem weinroten Roller, meinen Reiserucksack zwischen seinen Füßen, fahren wir durch die Nacht. Den Fahrtwind in den Haaren, genieße ich die Stille (Helme gibt es hier nicht, man fährt auch gerne in Flipflops Moped), da überquert schon mal der ein oder andere Krebs die Straße, als wir ankommen, werden wir von Amalia empfangen, meine Sachen in meinem geräumigen Zimmer abgeladen und noch auf eine Limonade auf die Terrasse. Dann falle ich vor Müdigkeit in einen tiefen Dornröschenschlaf, die Hitze… Ich stehe erst gegen elf Uhr am nächsten Morgen auf, eine kalte Dusche lässt mich in der wunderschönen Inselwelt der Karibik erwachen, ich tapere in T-Shirt, Rock und FlipFlops auf die Terrasse, lerne Mathilde kennen, eine junge Frau, die Amalia im Haushalt hilft. Heute hat sie frei und schaut eben nur mal nach, das Leben verläuft hier in ganz anderen Bahnen, alles recht entspannt, wie ich merke ein wenig zu entspannt um auf Dauer auf dieser kleinen Insel zu leben, zumindest für mich. Aber ich bin ja auch „nur“ eine Woche auf Urlaub hier, Urlaub von meinem achso anstrengenden Leben.
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Mit frisch vom Baum gefallenen Mangos, vor Saft triefenden Händen, denn die Mangos, die hier wachsen, sind die kleineren süßen Mangos, beginnt der erste Tag im trügerischen Paradies. Es hätte genauso gut die erste Einstellung eines Thrillers oder zumindest eines interessanten Tatorts werden können. Denn nachdem ich den Tag am Strand verbracht habe, man will gar nicht raus aus dem herrlichen Meerwasser, einfach nur dahin treiben lassen und sich verbrennen trotz Sonnencreme, abends dann, erfahre ich, was in der Nacht zuvor passiert ist und im Laufe der Woche klärt sich oder auch nicht, was wirklich geschehen ist. Ungefähr zu der Zeit als ich gelandet bin, gab es einen mysteriösen Brand auf der Insel, sogar recht nahe meiner Bleibe, in San Luis, dort, wo die meisten der Insulaner wohnen und nur sehr wenig Touristen zu finden sind. Dabei sind Großmutter und Enkelin ums Leben gekommen. Tochter (und zugleich Mutter) lebt ein paar Straßen weiter. Sie hatten am Abend zuvor einen Streit. Ging um Geld. Ein Check, den die Tochter bei der Mutter gefunden hatte und einlösen wollte, was aber ohne Unterschrift der Mutter nicht ging. So munkeln die ersten bereits. Das Seltsame ist, dass Großmutter und Enkelin nicht aus dem Haus fliehen konnten, sodass ihre Leichen vom Feuer verstümmelt aufgefunden wurden. Anscheinend habe die noch nicht ganz so alte Dame, die sonst auch sehr fit war, an diesem Abend ein paar Schlaftabletten genommen wegen des Streits. Die Enkelin hatte dauerhaft bei der Großmutter gelebt, weil die Mutter wohl so unzuverlässig war (aufgrund von psychischen Problemen und Drogenabhängigkeit). Und noch seltsamer ist, dass Amalia eine Nacht vorher in ihrem Traum gesehen hat, wie beide verbrennen. Gruselig. Im Laufe der Woche tauchen weiterhin Gerüchte auf, andere Versionen und Visionen kommen ins Spiel, doch wirklich aufgeklärt wird der kleine Insel-Krimi nicht.
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Nach der zweiten durchschwitzten Nacht, die Klima-Anlage rattert und rattert, der Ventilator hilft da schon einiges mehr, mache ich erstmal einen Morgenspaziergang zum Strand. Von dort aus wate ich zu einer klitzekleinen vorgelagerten Insel, Hayne Cay, dort ist vor Jahren ein Frachter gestrandet, der nun langsam aber sicher vor sich hinrostet. Direkt von einem Hotel aus werden Touristen zu diesem kleinen grünen Fleckchen im Meer der sieben Farben (wie es hier rund um San Andrés genannt wird, und das zu Recht, man erblickt die unterschiedlichsten Blau- und Türkistöne) geführt. Hüfttief ist das Wasser, aber da die alltägliche Kleidung hier so oder so nur der Bikini sein wird, vielleicht noch ein leichtes Sommerkleid auf dem sonnengeröteten Leib, macht das auch nichts aus. Wie überall auf der ganzen Insel, wollen sie Einheimischen auch hier Geld machen, sie „vermieten“ Tauchmasken, um sich ein wenig die bunte Unterwasserwelt anzusehen, ich lehne dankend ab, genieße ein wenig die schattigen Palmenblätter über meinen Kopf, Jorge will mir seine Tauchermaske leihen, aber ich habe eigentlich gerade eher den Drang in die Stadt zu kommen, um etwas zu essen. Also wate ich zurück durch das angenehme Wasser und laufe dann der Straße entlang in Richtung Zentrum. Die Sonne brennt auf mich nieder, ich flippe und floppe die nicht vorhandenen Gehwege entlang, komme an kokosnussschlachtenden Arbeitern vorbei, sehe einsame Schiffe langsam vor sich hinrosten und zerfallen, atme frische Meeresluft tief in meine Lungen ein, leider auch ein wenig Moped-Abgase, denn auf der Insel fahren hauptsächlich motorbetriebene Zweiräder durch die Gegend. Auch das ein oder andere Taxi ist zu erspähen, allerdings keine kleinen gelben Knutschkugeln, sondern jegliche Art von Autos, kleine niedliche Busse, in denen man immer einen Sitzplatz bekommt haben kleine Pappschilder im Fenster stehen mit dem Ziel der Fahrt, Unmengen an mit Touristen beladenen Golfkarts, ein paar monströse Automobile, bei denen man sich wundert wozu man solche Ausmaße auf so einer winzigen Insel benötigt.
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Auf den gesamten 32 km gibt es genau drei Tankstellen. Was die Mopeds und Motorräder angeht, wenn jemand an einem hupend vorbei fährt, dann ist das das Zeichen dafür, dass es sich um ein „Mototaxi“ handelt, aufspringen und los geht die bunte Fahrt, natürlich ohne Helm, versteht sich von selbst, nicht wahr? Auf jeden Fall sind diese Mototaxis eigentlich illegal, aber auch nur eigentlich. Zwischen 8.30 morgens und 12.30 mittags darf niemand mitgenommen werden. Logik und Kolumbien…
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Der Weg ist lang, auf der einen Seite befindet sich die Einfahrt zu einem Hotel, der Portier scheint Interesse an mir zu haben, herrlich, nicht, nun denn, er meint, ich solle den nächsten Bus nehmen, er empfiehlt mir sogar ein gutes Restaurant und lässt mich bis auf ein paar Bemerkungen zu der Schönheit meiner Hautfarbe in Frieden. Das erste vernünftige Essen in perfektem Ambiente. Direkt am Strand befindet sich „The Fisherman’s Place“, im Schatten sitze ich einsam und alleine an einem Tisch für vier, ordere caracol, Meeresschnecke, dazu gibt es fruta de pan (Brotfrucht), Kokosreis und einen kühlen Saft. Nebenan herrscht reges Treiben, die Fischer kommen hier an Land und wiegen ihre Beute, da sind ordentliche Brocken dabei, denen man lebendig nicht so gerne begegnet hätte wollen. Eine leichte Brise weht und ich lasse mir das Meeresgetier schmecken. Und dann einfach am Strand entlang schlendern, nichts weiter als den Touristen zusehen, den Sand unter den bloßen Füßen zu spüren, das sanfte Meeresgeräusch. Urlaub. Sich fallen lassen in den weißen Korallen-Sand. Und einfach nur in die Ferne starren. Seine Gedanken verlieren. Bis. Ja, bis einer der Strandverkäufer ankommt und mir einen cocoloco (eine „verrückte Kokosnuss“) oder doch lieber ein Bier andrehen will. Ich lehne dankend ab, in praller Sonne und alleine betrinken, ich kann mir besseres vorstellen. Aber es scheint durchaus gut angenommen zu werden, denn des Öfteren stolpert man über leere Bierdosen trotz der vielen Mülleimer, die es hier gibt. Auch schattengeschützte Liegestühle werden mir hergerichtet, ich sitze aber viel lieber im Sand unter einer Palme als irgendwelche Plastikstuhl-Abdrücke auf meinem Allerwertesten zu sammeln. Die Frauen, die mir trenzas („Strähnen“) flechten wollen, gucke ich auch nur ungläubig an, bei der Länge meiner Haare?! Und ich möchte auch keinen Schmuck, nein, einfach nur hier sitzen, meine Füße im Sand vergraben und ab und an mal ins (kühle) Nass eintauchen. Danke. Das funktioniert hier sogar. Man sagt nein und man wird in Ruhe gelassen. Irgendwann kommt dann Mango vorbei, ein Jamaikaner, der mir Muscheln schenken will für gerade mal 10,000 Pesos, er ist ganz nett und wir reden ein wenig, ein wenig Angst hab ich vor dem Baumstamm, den er schultert, ein Instrument wie sich herausstellt. Die Muscheln nehme ich nicht, aber die Einladung zum gemeinsamen Musikmachen verschiebe ich auf später. Gegen Abend kaufe ich noch ein wenig ein, dann versuche ich den Bus zu finden. Ranwinken, einsteigen, bezahlen, hinsetzen. Nur als ich aussteigen will, suche ich vergebens die Klingel, hier muss man rufen „parada“. Die Hitze macht einen schon recht schlapp.
Am nächsten Morgen fahre ich zusammen mit Guillermo, dem Schwager von Amalia und gleichzeitig Mitarbeiter im Tauchcenter von Werner, ins Zentrum. Angenehm, so morgens, wenn es noch keine 30 Grad im Schatten sind. Ein kleiner Stadtrundgang mit Werner. Es ist schon eine seltsame Stadt. Ihr Bild wird von riesigen Geschäften dominiert und deren Schaufenster wiederum von unglaublichen Angeboten. Vier Flaschen Whiskey für 50,000 Pesos oder doch lieber einen Wodka für 6,000 Pesos. Genauso die ganzen Parfums oder Elektrogeräte, die hier für nichts und wieder nichts rausgehauen werden. San Andrés ist steuerfrei. Deswegen kosten Luxusgüter hier in etwa die Hälfte. Nur die Alltagsgegenstände und Lebensmittel sind um einiges teurer (wenn es sich nicht um Kekse, Süßigkeiten oder Chips handelt, die sind ebenfalls spottbillig). Ein wenig Malle oder Ibiza für Reiche eben. Hotel an Hotel, obwohl auch die Probleme haben, denn die Insel ist nicht groß, nur an der Westseite gibt es Strand, der Rest besteht aus Korallenfelsen, spitzkantig und gefährlich. Grundstücke sind klein und man darf auch nicht höher als vier Stockwerke bauen. Die Strandpromenade ist gepflastert mit teuren Restaurants, es gibt sogar ein Café, in dem man guten saftigen Kuchen bekommt. Außer des Chaos, das hier herrscht, gibt es sonst kaum noch etwas zu erwähnen. Den Nachmittag verbringe ich am Strand, lerne eine Exil-Insulanerin und ihre Tochter kenne, wir unterhalten uns nett und essen zusammen empanadas gefüllt mit Krebsfleisch, den Abend auf der Terrasse, lese viel, höre Musik und ärgere mich, dass ich keinen Handy-Empfang habe. Ist zwar gut und schön von der Realität abgeschaltet zu sein, aber wenn man so allein ist, freut man sich schon mal über ein Gespräch. Am nächsten Morgen wartet Guillermo wieder auf mich, rauf aufs Motorrad, über die mit Schlaglöchern bedeckten Straßen. Ich lerne Peter, Amerikaner, und seine Frau Zuury, Kolumbianerin, kennen. Die beiden kommen schon seit Jahren zum Tauchen nach San Andrés und ja, heute ist es so weit. Mein erster Tauchgang nach (ich weiß nicht wie viel) Jahren, es ist schon Ewigkeiten her und so viel im Meer getaucht bin ich auch noch nicht. Da ist der Salzgittersee eher heimatliches Tauchgebiet. Mit der Natty geht es raus, raus aufs Meer, das heute sehr ruhig ist, fast spiegelglatt, ideal zum Einstieg. Das schlimmste am Tauchen habe ich schon hinter mir, sich in den Neopren-Anzug zwingen müssen. Das Meer ist nicht kalt, aber als Schutzschicht ist das schon nicht schlecht. Jacket um, der Bleigurt ist integriert, neu für mich, noch mal abklären; links, Tauchcomputer, Inflator, Messgeräte; rechts, Atemregler und Ersatz. Tauchermaske aufgesetzt, mit Hilfe von Edwin, unserem Kapitän, hinaufgehievt auf den Bootsrand, ich zittere, nicht vor Kälte, vor Aufregung.
Einfach fallen lassen, nach hinten, einfach fallen lassen, ganz einfach. Platsch. Orientierungsprobleme, Blau um mich herum, wo ist oben, wo unten, aber dann, treibe ich fröhlich an der Wasseroberfläche. Mit Werner an der Hand geht es langsam aber sicher in die Tiefe, Druckausgleich klappt perfekt und auch meine Atmung wird ruhiger. Wir kommen auf dem Korallen-Plateau an, Anemonen, Korallen, Schwämme in allen Formen und Farben. Da wir ohne Handschuhe unterwegs sind, kann man auch die unterschiedlichen Begebenheiten der Unterwasserwelt taktil wahrnehmen.
Riesige kraterförmige Korallen fühlen sich ganz weich an, andere kleinere, die mit den Meeresbewegungen wanken, sind hart und fast steinig, wieder andere Pflanzen ziehen ihre Blüten ein sobald man sie berührt. Und Fische, ganz viele bunte kleine Fische, auch größere ziehen an uns vorbei. Ein Hummer, noch einer und ein dritter strecken uns ihre Fühler entgegen. Es geht tiefer hinab ohne dass ich viel davon merke, ich genieße es einfach in meinem Element zu sein, noch ein wenig weiter hinab, durch einen kleinen Unterwasser-Canyon, ein bisschen unheimlich, aber der Tauchbär begleitet mich ja und in der 12-Liter-Flasche ist auch genug Luft. Nur vergeht die Zeit im tiefen Blau irgendwie viel schneller als an Land… Nach einem 48-minütigen Tauchgang und einer maximalen Tauchtiefe von 29,7 Metern, heißt es wieder ohne Automat Frischluft atmen.
Tauchklamotten ablegen, über die Leiter wieder hinein ins Boot und die Eindrücke sacken lassen. Nach einer kurzen Pause an Land wieder hinein, ein zweiter Tauchgang. Diesmal geht alles schon viel einfacher, schwups, hinein ins Wasser, abtauchen in die blau-bunte Unterwasserwelt. Es ist soviel spannender als an Land, die Formen sind so anders und alles ist ruhiger, ausgeglichener, eben noch nicht so sehr vom Menschen geprägt. Eine unerforschte Welt, spannender als das All, warum so weit weg von der Erde, wenn es doch auf dem Planeten selbst noch so viel unerforschtes Leben gibt. Und es stimmt mich traurig, wenn ich mir klar mache, dass der Mensch so viel von der natürlichen Schönheit zerstört, nur um seine ökonomischen Interessen zu wahren. Da kann ich nur fassungslos den Kopf schütteln, durch den Menschen herbei geführte Naturkatastrophen. Also genieße ich den Moment jetzt, genau diesen Augenblick und speichere ihn ab, in meinem Kopf und digital oder auch auf Papier.
Wie schön es auch ist mit dem Boot übers Meer zu schnellen, die frische Meeresluft mit dem Hauch von Salz und Fisch in der Luft einzuatmen und sich dem schier unendlichen Horizont hinzugeben. Das Boot knallt auf die Wellen, man hüpft unweigerlich mit auf und ab, unter dem Sonnendeck geschützt.
Auf der Suche nach einem kleinen Restaurant komme ich zwar an zweien vorbei, doch die bieten keinen Fisch an, da hält plötzlich Carlos neben mir, auf seinem Moped, fragt, wonach ich Ausschau halte, wir kommen ins Gespräch und als er hört, dass ich Werner kenne, soll ich einfach aufspringen und er fährt mich zu drei kleineren Restaurants, wovon mir dann auch eines zusagt. Mein Fahrer setzt sich auf eine Suppe zu mir und wir unterhalten uns ein wenig – immer wieder die gleichen Fragen, warum Kolumbien, wie lange ich hier bin, usw. Ich irre ein wenig durch die Straßen, so ganz habe ich das verworrene Straßensystem noch nicht begriffen, aber nach ein paar Mal im Kreis laufen, finde ich zurück zum Tauchcenter. Da steht auch schon der Tauchbär und wartet auf mich, wir machen eine kleine Inselrundfahrt, damit ich auch alle Touristenattraktionen der Insel mal zu Gesicht bekomme – es sind nicht unbedingt viele… Die Mittagshitze hat sich bereits gelegt und bei dem Fahrtwind ist es auch ganz angenehm, auf dem tiefroten Roller geht es einmal rund herum, 32 km ist die Straße lang. Drei Tankstellen, schön sind auch die Kilometerangaben, eines der Schilder besagt nämlich, dass sich die nächste Tankstelle in 30km befindet. Etwas befremdlich. Nun denn. Über die holprige Straße fahren wir immer schön direkt am Meer entlang, halten kurz am West View, trinken zusammen ein Bierchen (der einzige Tropfen Alkohol, den ich hier zu mir nehme), sehen den Touristen dabei zu, wie sie vom installierten Sprungbrett hinab springen oder auch mit Taucherhelmen auf den Grund tauchen. Hier gibt es schon keinen Sandstrand mehr, alles besteht aus spitzen, dunklen Korallenfelsen, nur wenige klettern hier herum. Wir fahren weiter und es ist immer dünner besiedelt, viele Häuser stehen leer, verfallen langsam, der hohe Salzgehalt in der Luft lässt das Metall erodieren, alles rostet langsam vor sich hin. Ab und an kommt einer der kleinen Busse vorbei mit einem kleinen Pappschild im Fenster, worauf entweder Cueva de Morgan oder Hoyo Soplador steht.
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Ersteres ist eine angebliche Piratenhöhle des Captain Morgan, dessen Schatz noch immer im Verborgenen liegt, zweiteres stelle ich mir als Geysir vor, entpuppt sich aber als ein normales Loch im Korallenfelsen, aus dem das Meerwasser hochgeschossen kommt, wenn die Wellen gegen die Küste schlagen. Nichts Atemberaubendes. Wirklich nicht. Der Ausblick ist hier allerdings wunderschön, da wir uns auf der windgeschützten Seite befinden, ist das Meer spiegelglatt…
Weiter der Straße entlang, wir kommen an dem Gebäude vorbei, was einmal die erste Universität auf der Insel werden sollte, mittlerweile ist es gut bemoost. Es wird ein wenig urwaldiger, alles ergrünt. Wir biegen kurz ab, hinauf auf den höchsten Punkt – La Loma – von hier aus hat man einen netten Blick. Und dann der Magic Garden. Wer sich fragt, ob das ein besonderer botanischer Garten ist, in gewisser Weise vielleicht schon. Hier wachsen Müllberge in den Himmel, vor drei Jahren hat es wohl einmal hier gebrannt, da musste die Feuerwehr aus Bogotá kommen. Hinter dem magischen Garten liegt nur noch das gut belegte Gefängnis, vor allem wegen Drogen- oder Menschenschmuggel werden die meisten hier eingebuchtet. Zurück auf der Hauptstraße umrunden wir die Insel weiter. Die Straße bricht an vielen Stellen schon weg, da sie direkt am Meer konstruiert wurde. Das Örtchen San Luis beginnt, auch hier stehen einige Hotels, der schmale Strandstreifen ist von rotgebrannten Touristen überbevölkert. Wir biegen nochmals ab und ich sehe ein typisches Insulaner-Haus, mehrstöckig, bunt, Spitzdach, hölzern. Und auch die älteste Kirche der Karibik bekomme ich zu sehen.
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Dann werde ich in meiner Unterkunft abgesetzt, unterhalte mich ein wenig mit Amalia, die mir zugleich unheimlich und doch sehr weise vorkommt. Mit all ihren Visionen und ihrem Wissen. Die nächsten Tage über fahre ich morgens mit raus aufs Meer, allerdings nur zum Schnorcheln. Viele bunte Fische, kleinere, größere, einzelne, in Schwärmen und auch einen Stachelrochen schwimmt an mir vorbei. Ich schnorchele an einer kleinen Insel entlang immer darauf bedacht nicht von Motorbooten oder Jetskis übergebrettert zu werden. Die zweite Station ist weiter draußen, außerhalb des Außenriffs, welches die Hälfte der Insel umrundet. Hier sind es vor allem die Formen der Korallen, die einen faszinieren, einige riesige pilzförmige Gebilde geben der Unterwasserwelt einen ganz besonderen Reiz, Elchkorallen sehen wirklich aus wie riesige Geweihe… Und die Wellen sind hier draußen ein wenig höher, ein schwappt direkt über mir zusammen, reißt mir beinahe die Maske hinfort, lässt mich verschlucken und plötzlich geht der Herzschlag schneller. Vielleicht sollte ich doch nicht so nah ans Riff, wo die Wellen zerschellen. Lieber wieder Richtung Boot.
Am Sonntagmorgen fahren wir raus zu Johnny Cay, eine weitere vorgelagerte Insel. Ich werde ausgesetzt, bewaffnet mit ABC-Ausrüstung und Kamera. Und das tolle ist, ich kann ein wenig Freitag spielen, denn ich bin ganz allein auf der Insel. Zu Fuß einmal rund herum. Ich finde meine Fußspuren wieder, der Wind weht durch die Palmenblätter, noch ist alles still. Niemand sonst hier, auch die ganzen Restaurants sind noch geschlossen, die Liegestühle einsam und verlassen.
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Da erspähe ich am Horizont ein kleines Boot, die erste Ladung Angestellter kommt an, sieht mich etwas verwundert an, sagt aber nichts. Ich drehe weiter meine Runden, lass mich in den Sand fallen und genieße diesen Sonntagmorgen, noch immer in der Illusion mich alleine auf der Insel zu befinden. David, ein Insulaner, der hier arbeitet, joggt fleißig um das Inselchen bevor wir uns ein wenig unterhalten… Ein bisschen ins Wasser, dann treffe ich mich mit dem Tauchertrupp nach deren ersten Tauchgang und trinke einen alkoholfreien Kokos-Cocktail. Der Inhaber des kleinen Geschäfts ist ein eingesessener Insulaner, dunkelhäutig, Rastas, Zahnlücke, die bei seinem breiten Grinsen zum Vorschein kommt. Der Akzent ist auch nicht allzu leicht zu verstehen, aber das hat man mir eh schon vorhergesagt… Zum Abschied sagt er mir „Te quiero“ und schenkt mir eine Kokosnuss. Damit kann ich leben. Es sind bereits eine Menge Touristen angekommen, aber das stört mich kaum, ich begebe mich alleine ins Wasser und umrunde die Insel, Maske auf der Nase, Schnorchel im Mund und Flossen an den Füßen. Eine gute dreiviertel Stunde bin ich unterwegs, so klein ist es doch nicht und sehr vielfältig. An einigen stellen flach und felsig, an anderen lässt es sich den Ausblick auf den weißen Sand bis weit in die Ferne genießen. Es ist ein wenig wellig, so dass ich strampeln muss, um nicht ans Ufern geklatscht zu werden. Plötzlich taucht unter mir ein Stachelrochen auf, direkt unter mir, mein Schattenumriss ist so groß wie das Tier oder anders herum, da schwimmt mit einem Mal ein Stachelrochen meiner Größe unter mir, fast verschlucke ich mich. Ich beobachte ihn still, wie er sich immer wieder versucht mit seinen wellenartigen Bewegungen in den Sand zu vergraben. Ein schönes Schauspiel.
Auch am letzten Tag darf ich nochmals diesem Spektakel beiwohnen, allerdings eine kleinere Ausgabe und da ich so kurz vor dem Flug nicht mehr tauchen darf, verpasse ich die Delfine, die die anderen sehen. Man kann eben nicht alles haben. Als die Taucher zu zweiten Mal in die Tiefe verschwinden, bleibe ich im Boot bei Edwin, denn die Wellen werden immer höher, der Himmel zieht sich zu, das Inselende verschwindet in einem dichten Wolkengetümmel, es rauscht, der Regen prasselt hinab und hüllt die grüne Insel in einen grauen Schleier. Die Wellen sehen ganz seltsam aus, es spritzt und spritzt, auch das Boot füllt sich langsam, aber für den Fall der Fälle haben wir eine kleine Pumpe an Bord. Später erzählt mir Amalia, dass der Himmel geweint hat, das Begräbnis der beiden Toten des Brandes sind heute beerdigt worden. Irgendwie fasziniert es mich. Dieser Glaube, diese Visionen, dieses Anderssein. Man mag es kaum in Worte fassen. An diesem Abend erzählt sie mir, dass etwas mit der Insel passieren wird, dass sie bereits nicht mehr ist, was sie mal war und es wird noch viel, viel schlimmer kommen.
Am Montag gönne ich mir noch Krebs zum Mittagessen zwischen all den Fischern, ziehe nochmals durch die Straßen, sitze im Sand am Strand, schaue in die weite Ferne und lasse mich davontreiben. Mango taucht nochmals auf, mit mir macht er glücklicherweise keine Musik, aber ein paar andere Touristen überzeugt er mit ihm rumzuhampeln und ihm dafür danach dann ein wenig Geld zu geben. Nachdem er drei kleineren Gruppen seine improvisierten Musikinstrumente in die Hand gedrückt hat, kommt mir das Lied schon aus den Ohren. Eigentlich wollte ich nur glücklich unter meiner Palme verweilen und den letzten Nachmittag voll Sonne genießen bevor es wieder zurück ins graue Bogotá geht.
Sachen packen, Klimaanlage abstellen, Abschied von Amalia, auf zum Flughafen. Es ist etwa neun als ich ankomme, der Flug geht erst um Mitternacht. Ich treffe mich noch auf ein gemeinsames Abendessen mit Werner, ab auf den roten Flitzer. Bei Gesprächen über das Leben auf der Insel geht die Zeit vorüber. Zurück am Flughafen ist die Schlange zum Einchecken ewig lang. Zumindest unterhalte ich mich mit einem Pärchen, das vor mir in der Reihe steht. Noch sieht alles gut aus, der Flieger scheint pünktlich zu kommen, unglaublich, was die Kolumbianer alles mitschleppen, wie viel Gepäck aufgegeben wird. Im Wartesaal dann setze ich mich, höre Musik und hoffe auf mein Bett. Ein älterer Herr steuert auf mich zu, setzt sich neben mich, erzählt mir er habe mich bereits auf dem Hinflug gesehen, ich denke mir nichts weiter dabei, unterhalte mich ein wenig. Er ist Spanier mit einem kleinen Apartment am Strand, seit 15 Jahren geschieden, Sohn und Tochter von etwa 40 Jahren, er geht seit Jahren allein auf Reisen. Irgendwie nimmt das Gespräch eine seltsame Wendung und plötzlich lädt er mich zu sich nach Spanien ein und auch auf ein gemeinsames Mittagessen. Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ich lehne dennoch ab und muss noch nichtmal vorgeben müde zu sein, denn die Augen fallen mir schon so zu. Es ist bereits Mitternacht, es kam noch keine Durchsage, normalerweise sollten wir schon in der Luft sein. Aber das wird noch dauern. Gegen eins kommt eine unverständliche Durchsage, der Flieger würde um 2.15 landen. Na großartig. Auch andere Flieger haben Verspätung, wohl weil es so stark in Bogotá geregnet hat, dass der Flughafen eine zeitlang gesperrt werden musste. Der Flug nach Pereira wird angekündigt, vom Wartesaal 1 geht es in den Wartesaal 4. Die Stimme die da plötzlich durch die Lautsprecher dröhnt, ist hoch und schrill als ob das Ziel sei alle ertauben zu lassen. Und immer wieder, in Sekundenabständen kreischt es in unsere Köpfe. Die ersten Buh-Rufe werden laut. Doch nein, kein Erbarmen. Menschen beginnen zu laufen. Einer, und noch einer, und noch einer. Und dann wieder einer. Die Wartenden beginnen zu rufen, zu grölen, als ob wir schon bei der Fußballweltmeisterschaft angekommen wären. Es ist zu lustig. Und wieder einer, Anfeuerungsrufe. Und noch einer. Grölerei. Irgendwann kehrt wieder Ruhe ein. Letztendlich starten wir morgens um halb vier, kommen um halb sechs in Bogotá an, ich könnte nen Bus nehmen, aber ich bin viel zu müde, nehme mir ein Taxi, wir rauschen wortwörtlich durch die tiefen Pfützen, der erste morgendliche Stau hat sich bereits gebildet. Um halb sieben falle ich in mein Bett. Gute Nacht.
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