Montag, 15. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 3


„Kaixo“ (baskisch für „hallo“) sagt dieser Morgen auf eine besonders nette Art und Weise. Ein ausgiebiges Frühstück und in Begleitung von Ion bis zur Pilgerherberge, um mir dort meine zweiten Stempel zu erbetteln. Was hatte ich für Glück, knapp 60 Betten stehen dort in einem Raum. Und die mir begegnenden Gesichter sehen recht zerknirscht drein. Mich haben nur die Mücken und die schwere Schwüle des Nachts erdrückt.

Noch halb im Dunkeln und bei Nieselregen steht mir der erste Anstieg bevor. Ein Fuß vor den anderen setzen, das sagt sich so leicht, wenn die sich jedoch anfühlen als hätten sie Betonschuhe an, dann sieht das ganze Unterfangen anders aus. Die Wolken hängen tief in den sattgrünen Bergen, inmitten derer ich heute nicht nur einmal kurz davor sein werde, Schluss zu machen. Einfach umdrehen und einen Monat in San Sebastián verbringen. Irgendeinen Job würde ich bestimmt finden. Unterkunft hätte ich zumindest. Nur wenn sich der Blick gen Meer wieder und wieder auftut, kommt das Glück zurück. Der erste Rückblick auf den Leuchtturm von San Sebastián und die Steilklippen unter mir vermitteln meinem Kopf, geh weiter, doch meine Beine fühlen sich um hundert Jahre gealtert. Aus der schwülen morgenfrühen feuchte wird feiner Nieselregen, der den Rucksack und meine Wenigkeit mit einer feinen Schicht überzieht. Das nur selten unterbrochene Blätterdach schützt. Ich scheine, alleine unterwegs zu sein. Niemand da. Doch. Erst hinter mir. Dann überholt sie mich. An der Ermita de San Martín sitzt sie rauchend unter dem Vordach der kleinen Kapelle. Montse, kurz für Montserrat, aus Mallorca. Nach gemeinsamer Pause gehen wir getrennt weiter. Weinberge und Straßen begleiten mich, sowie der Regen.

Dem als idyllisch verschrienen Fischerdörfchen Orio kann ich nichts abgewinnen, unter dem grauen Regenschleier versteckt sich wohl auch die schönste seiner Seiten. Stattdessen versuche ich nicht auszurutschen auf dem abschüssigen Kopfsteinpflaster. Straße. Sehr viel Straße. Und das am Hafen entlang. Wenn man lang genug hinab starrt auf die glitschigen Felsen im Hafenbecken beginnen sie sich zu bewegen. Kleine Krebse tummeln sich und bemerken meine Anwesenheit. Ganz langsam klart der Himmel auf, doch die Schwüle verschwindet nicht mit der Sonne.
Die mir sonst den Weg weisenden gelben Pfeile verwirren mich und auch aus meinem spanischsprachigen Reiseführer werde ich nicht schlau. Am Campingplatz biege ich falsch ab, ende an einer winzigen, bewuchterten Kapelle. Pause. Und dann weiter. Zurück. Immer weiter. Ein älteres Ehepaar sammelt Schnecken von den Hecken. Endlich, da ist es wieder: das Meer. Die Bucht von Zarautz erstreckt sich unter meinen Füßen. Bis zur nächsten Bank. Pause. Neben mir Pilger: ein älterer Herr und eine junge Frau. Mal sehen, wie weit es tatsächlich noch ist. Die heutigen 21 Kilometer erscheinen mir wie 50. Ich will nicht mehr. Hinein ins Städtchen. 

Es ist erst kurz nach zwölf als ich an der Herberge ankomme. Eine spanische Altherrentruppe ist bereits dort und wartet auf Einlass. Und auch Víctor aus Barcelona. Die Herberge wird allerdings erst um 16 Uhr geöffnet. Bis dahin verbringen wir die Zeit im geräumigen Garten, können bereits duschen und Wäsche waschen. Langsam mehren sich die Pilger. Eva und ihr Vater kommen an. Vera und Álvaro sind die heutige Strecke gemeinsam gelaufen. Víctor liegt in der Sonne. 

Dann heißt es Aufstellung einnehmen. Der Herbergsvater erklärt die Regeln des Hauses. In Zweiergrüppchen werden wir hinein gebeten, der Platz reicht gerade so für alle. Mein Bett gesichert, mit Nahrung aus dem Supermärktchen ums Eck versorgt, spaziere ich zum von Touristen erstickten Strand. Ein paar Quadratzentimeter sind noch frei. Kurzerhand laufe ich ins Wasser. Doch die Wellen imponieren mir zu sehr. Die Kraft des Wassers schmeißt mich um, wieder und wieder. Den Bikini voller Strandsand kehre ich zurück und sehe der Wäsche im Herbergsgarten beim Trocknen zu. Álvaro ist über seinem iPad eingenickt, auf dem er Fotos von seinem Kolumbienbesuch hat. Nach mehr als 50 Jahren in den USA war er dieses Jahr zum ersten Mal wieder in seiner Heimatstadt, Bogotá, und hat sich sehr über all die Veränderung gewundert. Touristische Fotos vom Goldmuseum zeigen, dass er dort wohl nicht mehr heimisch wird.

Der Abend taucht das Touristenstädtchen in güldenes Licht. Das Flirren des Meereswassers in der Luft. Die lautstarken Menschenmassen sind verschwunden und die Wellen gehören alleinig den Surfern und Paddlern. Hier kann ich wieder laufen. Die baren Füße versinken im Sand, das salzige Wasser umspült sie kühl. Bevor die Herberge, wie alle anderen auch, ihre Pforten um 22 Uhr schließt, schreibe ich ein bisschen am Strand und genieße die gefühlte Einsamkeit. Besser als jede Gute-Nacht-Geschichte ist das Rauschen der meterhohen Wellen, mit denen die Anstrengungen des Tages fortgespült werden.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 2


Die Nacht war länger und entspannter als befürchtet. Leise packe ich meine Sachen. Der Himmel ist noch von einem fahlen Nachtblau befallen. In der Küche morgendliches Gemurmel. Frühstück, typisch spanisch, somit eher karg: Kaffee, Kekse, ein wenig Brot und Marmelade auf der langen Sitzbank.

Wanderstiefel schnüren, Rucksack schultern und die ersten Schritte wagen. Vor mir liegen in etwa 820 Kilometer. Aus der Kleinstadt hinaus, ins Marschland der Marisma de Jaitzubia. Ein Feuchtgebiet. Das erste „Buen camino!“ eines Einheimischen. Über kleine kieselige Wege, Schilf, niedrige Brombeerhecken. Und eine Menge Federvieh, welches ich nicht benennen kann. Der erste Anstieg. Die ersten Mitpilger in Sicht. Die Wanderstöcke leisten ihre Dienste. Am Santuario de la Virgen de Guadalupe sehe ich das erste Mal zurück. Irún liegt unter dicken, grauen Wolken, ein paar wenige Sonnenstrahlen durchbrechen den schwer wiegenden Morgen. So wie die erste Entscheidung. Der Pfad auf den Jaizkibel hinauf ist gekennzeichnet für alle alpinerfahrenen Pilgerer. Nachdem so gut wie keine der Probewanderungen vor dem Spanienflug aufgrund von vielerlei Ausreden stattfand, wähle ich die leichtere Variante. Mehr Strecke, dafür weniger Höhenmeter. Auf knapp 500 Meter schaffe ich es trotzdem, schneller als gedacht, ziehe ich an weiteren Pilgern vorbei.

Der Weg zieht Schlangenlinien, ist von lilafarbenen blumigen Gewächsen gesäumt und fällt zur einen Seite ins Nichts. Klong, klong. Kuhglockengeräusche. Aber, wo bitte sind die Kühe? Ich hebe meinen sonst sehr auf die Bodenbeschaffenheit bedachten Blick. Aus dem Gebüsch oberhalb von mir schaut mich träge ein Pferd an. Gemütlich grast es weiter, während ich mich wundere, wie es in so unebenem abschüssigen Gelände dasteht. Die Sonne zeigt sich, das Blätterdach schützt. Schritt für Schritt komme ich voran. Straße. Kleine Gehöfte am Wegesrand, ein etwa 3-jähriger Junge grüßt mich vom Arm seines Großvaters aus. Ein paar Schritte vor mir läuft Vera, wie sich im späteren Gespräch herausstellt. Sie ist bereits den Jakobsweg gelaufen und hat diesen Sommer nur begrenzt Zeit, und auch niemanden, der sie begleiten wollte. Eigentlich hätte sie die Vía de la Plata laufen wollen, doch die erste Tagesetappe hat sich als lang und sehr heiß herausgestellt. Der zweite Versuch, der Camino Primitivo. Doch die erste Nacht, einsam in der verlassenen Herberge. Zu einsam. Dann doch noch einmal den Küstenweg oder auch Camino del Norte. Gemeinsam steigen wir die Treppenstufen hinab nach Pasaje de San Juan. Und plötzlich liegt es vor mir: das Meer. An der Bucht machen wir Halt und lernen Álvaro kennen. Ein 72-jähriger Kolumbianer, Wahl-US-Amerikaner. Er ist bereits den Camino Francés gelaufen, hatte jedoch mehr Zeit als benötigt eingeplant. Das Umbuchen des Fluges hätte sehr viel mehr Geld als vorhanden gekostet. Und auch eine Woche Aufenthalt in Madrid wäre ihm teurer als beliebt zu stehen bekommen. Die Idee: einfach noch einen Teil eines weiteren Jakobsweges laufen. Die nächsten Tage noch wird uns Álvaro begleiten.

Antonio, der doch schon viel weiter sein sollte, schließlich ist er mit dem Rad unterwegs, treffe ich an der kleinen Fähre, die uns ans andere Ufer des Ortes bringt. Bereits nach einigen Kilometern ist ihm heute Morgen der Reifen geplatzt. Und keine Fahrradwerkstatt weit und breit. Das bedeutet, Fahrrad schultern und den gleichen Weg wie wir einschlagen. Auf der grün lackierten Fähre verweilen wir gerade einmal drei Minuten, dann geht es wieder hinauf. Stufen über Stufen. Höher und immer höher. Wie spät mag es sein? Eine Uhr trage ich nicht bei mir und auch das Handy ist ausgeschaltet. Der Meeresblick lässt mich meine Füße vergessen. Weiter und weiter nach oben. Über winzige bewucherte Pfade, jahrhundertealte zerfallene Brücken am Wegesrand. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit liegt mir San Sebastián (im Baskischen: Donostia) zu Füßen. Mit seinen beiden langgezogenen Stränden, an denen sich die Surfer austoben. Das Tagesziel ist erreicht, die ersten 25 Kilometer liegen hinter mir. Und es ist noch recht früh. 12.30 Uhr.

Heute keine Pilgerunterkunft. An der Strandpromenade warte ich auf Julen, der Zwillingsbruder einer sehr guten aus Donostia stammenden Freundin. Jogger, unglaublich viele. Surfer stehen in ihren getränkten Neoprenanzügen an den Ampeln, tropfen mit ihren Brettern in der Hand auf Grün wartend, den Asphalt voll. Mittagszeit. Mit Julen an meiner Seite wandere ich durch halb Donostia bis zum Haus in der Nähe eines Gebäudes, in dem im Untergeschoss ein riesiger Supermarkt untergebracht ist und direkt darüber eine Kirche.

Essen und dann schlafen. Im Zimmer von Maddalen, die momentan leider in Honduras arbeitet. Ein Bett und ein ganzer Raum nur für mich. Der Regen weckt mich gegen späten Nachmittag, von dem wir uns nichts anhaben lassen. Julen verpackt mich in Regenhose und meine eigene Regenjacke kann ich auch gleich auf ihre Dichte hin überprüfen. Auf dem grünen Motorroller erfahren wir die Stadt. Die edle, aus vorherigen Jahrhunderten anmutende Strandballustrade schmiegt sich an die langen Strände, hinauf auf den Monte Igeldo, kurvig und leicht verregnet. Die Peine del Viento (Windkamm) trotzt den herangrollenden Wellen tief unter uns. Wieder hinab, auf die andere Seite der Stadt, hinauf auf den Monte Urgull, auf dem eine alte Burg steht. Dort hinauf kommt man jedoch nur zu Fuß. Und auch in der Altstadt geht es ohne motorisierten Untersatz deutlich besser. Die Häuser sind pompös und bullig, der Sand fein und beige, das Meer dunkelblau, türkis dort, wo die Wellen zerschellen. Die gesamte Stadt scheint zu laufen oder Rennrad zu fahren oder zu rudern, so wie auch Julen. Meine Beine werden schwer, die Knie schmerzen, da hilft auch der Wind nicht, welcher mir das Gekreisch der Möwen ins Gesicht bläst. Zu Hause erwartet uns bereits Ion, der ältere Bruder und dessen Freundin. Selbst aufgebackene Fertigpizza und die Schwimmer der Olympischen Spiele. Recht schnell bin ich müde und falle in einen etwas unruhigen Schlaf.

Samstag, 13. Oktober 2012

Laufen lernen - Tag 1


Einen Flughafen betreten. Abschied nehmen. Für kurze Zeit. Fliehen? Heimlich und leise verschwinden? Auf die Suche gehen? Sich auflösen?

Die Gepäckaufgabe verläuft schnell. Kaum Handgepäck. Nur: Kamera in der Hand. Weiterer Ballast wurde bereits abgeworfen. Ich habe keinen Hunger. Plötzlich bleibt mir das Frühstückscroissant im Halse stecken, der Milchkaffee rinnt nur langsam und wider Willen die Speiseröhre hinunter. Der Magen rebelliert gegen den Orangensaft.
Ein Abschiedskuss. Mir sonst fremd.

Sicherheitskontrolle. Meine leeren Taschen entleeren. In Wanderschuhen der sommerlichen Flughafenhitze trotzen. Kein Ton. Nur ein Kopfnicken.
Ich laufe durch den endlos erscheinenden Frankfurter Flughafen, bin schneller als das Laufband inmitten des langen Abflughallenschlauchs. Was wohl den Siebenmeilenstiefeln zu verdanken ist. Oder doch dem Drang zu entschwinden.

Fensterplatz. Per Internet gebucht. Sehe nur kurz hinaus, dann schließen sich meine Augen. Rollbahn, Abflug, Schwebezustand. Niemand sitzt neben mir. Die Stewardess kommt, bringt mir ein Käsebrot. Zufall? Eine gute Freundin hat mir noch am gestrigen Abend Käsebrote für den Weg geschmiert. Mit gutem Bergkäse, der jetzt in meinem Wanderrucksack vor sich hin kühlt.

Bilbao. Ich werde wiederkommen, mehr als nur einmal in den kommenden Wochen. Per Bus über die breite Autobahn nach San Sebastián. Am Busbahnhof weiß kein Busfahrer weiter. Nicht auf meine Fragen hin. Mein Weg soll eigentlich nach Irún führen. Der ‚Euskotren’ ist des Rätsels Lösung. Nur, um am morgigen Tag wieder zurück zu laufen. Nach San Sebastián.

Die erste Pilgerherberge finde ich nach ein wenig Herumfragerei. Nach spanisch temperiertem Warten halte ich ihn in den Händen: meinen Pilgerausweis, ausgestellt in Irún. Mit dem allerersten Stempel in Muschelform.

6-Bett-Zimmer. Ein französisches Pärchen, Anfang 60. Odile und Christian, die ihre Betten mit Anti-Bettwanzen-Spray parfümieren. Ein weiteres Paar, Niederländer und Antonio. Er tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. „Der Camino spielt sich nur hier ab, alles andere ist ein Fuß vor den anderen setzen. Nicht mehr und nicht weniger.“

Das ist der allererste Eindruck. Müdigkeit überkommt mich. Auch das zweite Käsebrot für heute gibt mir kaum noch neue Kraft. Dieser Abend endet zeitig im unteren Teil des Stockbetts. Und schon jetzt ist mir bewusst: Der Rhythmus wird aus den Fugen geraten, die Gedanken aufeinander klatschen oder einander jagen oder doch einfach nur verschwinden?

Mittwoch, 13. Juli 2011

Sin plata: Qué rico es la paella de dos ingredientes




Die deutschen Banken und ihr Sicherheitsdenken

Eine ganz besondere Erfahrung. Da wollte ich wie gewohnt Geld abheben, um mein Visum ein weiteres Mal verlängern zu können, aber an keinem der mindesten zehn verschiedenen Bankautomaten ließ sich diese Transaktion realisieren. Ein Verbindungsproblem mit der Postbank dachte ich zunächst. Man gut, dass ich mit Kike unterwegs bin und er mir ein wenig leihen kann. So geht es erneut zum DAS. Leider bin ich etwas spät dran, die Schlange steht bis nach draußen. Immerhin ist gutes Wetter. Vor mir ein junger Blondschopf, der kaum ein Wort Spanisch spricht, noch nicht einmal vernünftig Englisch. Als der Herr hinter mir mit ihm in einem Mix aus Deutsch und Niederländisch spricht, wird mir bewusst, dass ich eine gute Tat tun könnte. Also helfe ich Tobias oder Michael oder wie auch immer er heißt (ich hab’s ehrlich gesagt vergessen), das Formular auszufüllen. Selbst bei dem Wort surname hat der gute Probleme zu identifizieren, dass nach seinem Nachnamen gefragt wird. Danach müssen wir zu einer bestimmten Bank, um die geforderte Summe einzuzahlen. Da ich das ganze Prozedere bereits kenne, ist es nicht schwierig diese Bank zu finden. Allerdings ist die Schlange auch hier nicht gerade kurz. Anstehen, warten, in der Zwischenzeit erfahre ich ein wenig über meinen Landsmann. Er hat nach der Hauptschule eine Ausbildung gemacht und jetzt seit etwa zwei Monaten in einem kleinen Dorf in Kolumbien bei Pfarrern untergebracht. Bogotá, das große Chaos, kannte er bis heute nicht. Mit ihnen spricht er hauptsächlich Deutsch, er will aber in der Großstadt noch nach einem Spanischkursbuch suchen. Viel Spaß, das ist nicht so einfach wie gedacht. Da er noch eine Fotokopie und Fotos braucht, erbarme ich mich und begleite ihn. Ist ja auch nicht schlecht ein wenig Gesellschaft zu haben. Wieder im Büro des DAS müssen wir warten und warten und warten. Ausländer aus aller Herren Länder. Nach ungefähr vier Stunden erhalte ich meinen Pass mit Visum und den Worten „Hasta el veintidos de agosto, no más.“ (Nicht länger als bis zum 22.August.) Okay, okay, ich geh ja schon, ihr lieben Kolumbianer… Aber ich komme wieder, das könnt ihr mir glauben.

Am Nachmittag treffe ich mich mit einer guten Freundin, um das Geschenk für einen Freund zu besorgen. Eine Hängematte (was gibt es Schöneres auf dieser Welt), die wir später noch eigenhändig dekorieren werden. Nach längerem Verhandeln haben wir eine schlichte naturfarbene und sehr robuste in den Händen. Wir gönnen uns ein Eis. Maracuya. Herrlich.

Der Tag ist gar nicht so schlimm wie anfangs gedacht. Aber man soll ihn ja bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Denn dann passiert das, was mir daraufhin passierte. Fröhlich gestimmt mache ich mich auf den Nachhauseweg. Und da ist auch alles gut. Bis ich die Nachrichten sehe. Die deutschen Banken haben sich dazu entschlossen, alle Transaktionen im außereuropäischen Ausland zu stoppen. Wunderbar. Das bedeutet für EC-Karten-Inhaber wie mich, dass es keinen Zugang mehr zu meinem Konto gibt. Da schau ich doch schnell mal nach, wie viel Geld ich noch habe. Ah, 6.00o Pesos. Das mag nach viel klingen, sind aber umgerechnet etwa 2,50 €. Großartig. Für wie lange weiß ich in diesem Moment noch nicht. Aber keine Sorge. Mit kühlem Kopf drüber nachdenken. Bis mir einfällt, dass ich eigentlich einkaufen gehen wollte, weil ich nicht mehr sonderlich viele Nahrungsmittel zu Hause habe. Erst einmal der Postbank schreiben, dann meine Eltern anrufen…

Ich lebe so etwa eine Woche von Paella aus zwei Zutaten wie Jonathan so schön sagt: Reis und viel Fantasie. Schmeckt gar nicht so schlecht. Aber ich nage noch nicht am Hungertuch, da die wenigen, die von meiner Situation wissen, mir Zuflucht und Essen gewähren, mich zum Mittagessen zu sich nach Hause einladen (und mir auch den Bus dorthin zahlen), mir sogar kleine Fresspakete schnüren. Letztendlich ist es keine schlechte Erfahrung ohne Geld zu leben, nur wenn dann die Miete eingefordert wird, könnte es schwierig werden. Ich habe zwar noch immer keinen Zugang zu meinem Konto, aber glücklicherweise habe ich Eltern, die mich nicht verhungern lassen (und eben auch einige Freunde).

Dienstag, 12. Juli 2011

De lo digital a lo físico



Von Druckerschwärze und Aluminiumplatten


Die dritte Ausgabe. The City Paper No. 38. Und ich bin dabei. Es ist zwar nur ein Artikel, aber der ist dafür umso aussagekräftiger, da das Thema komplett selbstbestimmt ist, viel Herzblut drinsteckt und ich auf die Straße musste. Es geht um Verkäufer, nicht die typischen llamadas oder USB-Sticks die lauthals von vagabundierenden fußläufigen Händlern vertrieben werden, sondern es geht vielmehr um solche, die ihr Auto zum Geschäft machen. Da werden allerlei interessante Dinge verkauft, so z.B. Lederwaren, Eis und Kaffee in all seinen Formen (von Espresso bis zur Latte Macchiato), aber auch viel Kurioseres: kopflose Hühner frisch geschlachtet. Natürlich sind diese Formen des Verkaufens nicht unbedingt legal, aber was hier alles am Rande des Verbotenen stattfindet, lässt sich nicht einmal an zehn Händen abzählen. Dieser Artikel hat mich also auf die Straße getrieben, anfangs waren die meisten Angesprochenen recht zurückhaltend, aber letztendlich konnte ich den meisten Vertrauen erwecken und sie erzählten mir ihre Geschichten.

Der Morgen der Verwirklichung, des Druckens der Zeitung klopft nunmehr an die Tür. Und zwar früh, sehr früh, ich stehe um Viertel vor fünf auf, denn die Busfahrt in dem kleinen abgedroschenen colectivo dauert so seine Zeit, da die Druckerei in der Nähe des Flughafens liegt. Weit weg vom Zentrum der Stadt. Um sieben steh ich pünktlich vor der Tür der wichtigsten Wirtschafts-Zeitung Kolumbiens: La República. Hier werden auch viele andere kleine nationale Zeitungen gedruckt, wie die Tageszeitung der Südseeinsel San Andrés oder die monatliche Gemeinschaftsausgabe einiger Stadtviertel Bogotás. Und eben auch The City Paper. María Claudia hat Geburtstag, meine Chefin. Aber das nur am Rande (der Legalität versteht sich). Zuerst werden alle Seiten der Zeitungen am Computer mit Hilfe eines Grafikdesigners ins rechte Licht gerückt. Es geht darum, dass alles perfekt in die vorgegeben Maße passt. Außerdem können noch Kleinigkeiten verändert werden. Da gibt es einige Fotos, die doch noch irgendwie im RGB-Modus auftauchen und nicht wie gewünscht im CMYK-Modus oder die Farbpalette ist bereits ausgereizt und es müssen einige verändert werden. Es wird zurecht geruckelt und gezuckelt bevor es zum Negativ der Zeitung geht: Aluminiumplatten. Diese werden gedruckt in einem riesigen Fotodrucker, aber eben nicht auf Papier, sondern auf Metall. Man gut, dass die Technik nicht bei Gutenberg stehen geblieben ist, sonst würden wir noch jetzt (einen Monat später) Buchstaben in die richtige Reihenfolge setzen. Jede der vier Farben einzeln, aber vier Seiten auf einer Platte, in einer Anordnung, die selbst Richard, der Verleger, noch immer nicht versteht. Dieser Prozess dauert, somit haben wir ein wenig Zeit in der quietschgrün gestrichenen Kantine zu frühstücken. Natürlich typisch kolumbianisch: Eier je nach gusto, fluffiges Weißbrot und heiße Schokolade (oder Kaffee, von dem mir jedoch MC abrät). Danach geht es von dem so geordneten und ruhigen Bereich, in dem Journalisten und Designer ihre Arbeiter verrichten zwei Türen weiter. Dort ist nichts mehr von der Stille zu spüren: Maschinen rattern, Männer und Frauen in Blaumännern schleppen Zeitungspapier und Farben durch die Gegend, versuchen sich lautstark oder auch mit Handzeichen zu verständigen. Es ist laut und Druckerschwärze liegt in der Luft. Die riesige Druckermaschine wird zum Stillstand gebracht, die Platten werden eingespannt und schon wird die Geschwindigkeit wieder hochgedreht. Erste Exemplare werden ausgespuckt, jetzt werden Farben berichtigt. Vor allem wird nach der Perfektion der Werbeanzeigen geschaut, außerdem muss jede Aluminiumplatte haargenau an der gleichen Stelle sitzen, damit keine Unschärfe auf der gedruckten Seite entsteht. Ein langwieriger Prozess. Immer wieder werden Zeitungsexemplare herausgefischt und genau nachgesehen, ob alles stimmt. Als wir zufrieden sind mit dem Druck, wird die Geschwindigkeit hochgeregelt. Die Druckerpresse druckt und druckt. Immer wieder werden Exemplare herausgegriffen, um die Qualität zu sichern. Binnen einer halben Stunde werden etwa 11.000 Zeitungen gedruckt, es ginge auch schneller, aber je schneller die Presse läuft, desto höher ist das Risiko, dass das Papier reißt und das würde bedeuten, nochmal fast von Vorne zu beginnen. Die Zeitungsränder müssen geschnitten werden und dann werden Pakete á 200 Ausgaben per Hand geschnürt. Gegen Mittag verlassen wir das Gebäude, essen zusammen Pizza und dann geht es zur Verteilung, zumindest schon ein paar Stadtviertel werden mit der neuesten Ausgabe von The City Paper bestückt. Viel Hand- und Beinarbeit. In meinen Händen halte ich meinen gedruckten Artikel.