Dienstag, 18. März 2014

Patagonische Winde, körperliche Anstrengung und freie Gedanken

An der Küstenstraße von Punta Arenas

Auf dem Weg in die Hauptstadt wird deutlich, dass der Sommer langsam, ganz langsam zur Neige geht. Die Weizenfelder sind kahl geschoren, nur noch die übergebliebenen Stoppeln und die quadratisch geformten Heuballen glänzen gülden in der grellen Februarsonne. Je weiter der Bus gen Norden rast, desto ausgetrockneter schaut die Landschaft drein, die ersten Blätter an den Bäumen verfärben sich, doch die Hitze steht noch immer über Santiago.
Ich stehe am Flughafen und warte, ein seltsames Gefühl: Besuch aus Deutschland. Eigentlich sollte mein Bruder bereits gelandet sein, doch die Anzeigetafel zeigt 40 Minuten Verspätung an. Irgendwann kommt er dann verschwitzt und müde hinter der Glasschiebetür hervor und wir machen uns auf zum Hostel im wohl touristischsten Viertel der chilenischen Hauptstadt. Die Häuser sind bunt und niedrig, zeigen Gesicht – mal in Form eines Graffitis, mal schlichtweg durch ihre Fassade. Nach einem äußerst fleischhaltigen Abendessen kaufen wir noch churros beim Geschäft auf Rädern nebenan und die erste 1-Liter-Bierflasche für Max, machen es uns auf der Dachterrasse unseres Hostels gemütlich und starren in den sternenbedeckten Himmel über unseren Köpfen. Ausgeschlafen erwachen wir mit der Sonntagssonne, entlang des etwas unschön gefärbten Flusses Maipo laufen wir durch die Stadt. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, die Hauptstraßen für Fahrradfahrer, Skater und Fußgänger freigegeben und die Museen kostenfrei. Die Plaza de Armas ist leider von hohen Holzzäunen umgeben – Bauarbeiten bis August –, also statten wir nur der Kathedrale einen Besuch ab, bevor wir uns Chiles Geschichte vor Chile im Museum für präkolumbische Kunst zu Gemüte führen. Im unterirdischen Ausstellungsraum befinden sich aufgespannte Inka-Knoten, die eher wie ein Meisterwerk der modernen Kunst daherkommen als ein Informationssystem der ersten Eroberer Chiles. Hier liegen die ältesten Mumien der Welt, es sind winzig kleine Kindermumien, daneben prangen abgedrehte Hüte anhand derer man sich früher einem indigenen Volk zugehörig gezeigt hat und am anderen Ende des Raumes tummeln sich Figuren der Rapa-Nui-Kultur. Ein wundervoll kondensiertes und ästhetisch grandioses Museum. Dann statten wir dem Präsidenten in seinem Palast „La Moneda“ (eigentlich früher Chiles Münzprägungsstätte) ab, so fühlt es sich zumindest an beim Schlange stehen für die Sicherheitskontrolle. Eine persönliche Vorladung haben wir nicht und deswegen dürfen wir nur die akribisch gepflanzten Orangenbäume im ersten Innenhof des strahlend weißen Protzbaus und die Kupferkanonen aus dem 18. Jahrhundert im zweiten Innenhof bestaunen. Die Männer in weiß(er Uniform) salutieren zum Abschied und schon sind wir wieder draußen, biegen um die Ecke und sehen uns das Ganze noch einmal von unten an. Das Kulturzentrum „La Moneda“ befindet sich nämlich direkt unter dem Vorplatz. Derweil weht die riesige, chilenische Trikolore über unseren Köpfen und die Sonne brennt. Der Erfrischung wegen kaufen wir uns mote con huesillo, laufen weiter und weiter, vorbei an der im Februar leider geschlossenen Oper, hin zum Cerro Santa Lucía. Die ausgetreten Stufen führen uns zu einem Aussichtspunkt, von dem aus Santiagos Größe ganz andere Dimensionen annimmt. Auf dem Rückweg kommen wir noch am Museum der Schönen Künste vorbei, betreten die Bauhaus-Ausstellung im Untergeschoss, haben schnell genug von deutschen Videos und verweilen lieber ein bisschen länger in der Abteilung für chilenische Kunst unter der Diktaturzeit. Um 17 Uhr gibt es Live-Musik, die erste Band allerdings lädt eher zum Gehen als zum Bleiben ein, die Sototo Blues Band hingegen lohnt das Warten im klimatisierten Veranstaltungsraum. Jorge Soto, ein recht bekannter chilenischer Gitarrist und Sänger, legt eins ums andere Gitarren-Solo hin. Um der Hitze draußen zu trotzen, gehen wir in eine der angeblich 25 besten Eisdielen der Welt: Maracuja- und Himbeer-Minz-Sorbet auf meiner Waffel, Joghurt-Pfirsich- und Araukanisches Schokoladeneis auf Max’ Waffel. Im Parque Forestal genießen wir dann noch wie tausende Hauptstädter die letzten Sommersonnenstrahlen.
Und am nächsten Morgen geht es wieder hoch hinaus, auf den Cerro San Cristobal, von dem aus tatsächlich ganz Santiago zu sehen ist. Da die Standseilbahn ihre klapprigen Türen erst um 13 Uhr öffnet, machen wir uns zu Fuß auf den Weg und befördern uns selbst über die gewundenen Wege nach oben. Gewaltig groß, diese Stadt. Unten im Getummel gehen wir noch für unsere Wanderung einkaufen, trinken noch ein kühles Bier, bevor wir uns wieder in Richtung Flughafen begeben, um das Flugzeug in den Süden zu nehmen.

Angler in der Magellan-Straße
Wenn man dann nachts um 3 Uhr am kleinen, kuschligen, holzverkleideten Flughafen von Punta Arenas ankommt, bleibt man erstmal dort. Wir sind zumindest nicht die einzigen, die Isomatte und Schlafsack ausbreiten. Ein paar Stündchen Flughafenschlaf und gegen 10 Uhr fahren dann endlich die ersten Taxis. Unser Hostel liegt ein wenig außerhalb des Zentrums, doch dafür nur ein paar Häuserblocks entfernt von der Magellan-Straße. Der Himmel zeigt sich gnädig, die Sonne wärmt unsere windumtosten Gesichter. Das Meer liegt recht ruhig da, nur ab und an malt sich der Südwind selbst in die Meeresengenwasseroberfläche. Wir spazieren an der Küstenstraße entlang ins Stadtinnere, hinauf zu einem Aussichtspunkt. Diese kleine, scheinbar unbewohnte Stadt birgt winzig kleine und sehr große Schätze der Vergangenheit: Werbeschilder aus dem vergangenen Jahrhundert, gut erhaltene Kolonialzeitvillen. Und doch ist alles flach, als ob der Wind hier dafür sorgt, dass kein Haus über den zweiten Stock hinauswächst – abgesehen von zwei protzigen Luxushotels. Und noch mehr Vergangenheit klebt an den Wänden des Cafés; alte Werbeplakate und seichte, jazzige Musik begleitet den Ziegenkäse-Spargel-Crêpe. Aufgewärmt und gesättigt laufen wir bis zum Friedhof, der irgendwie sehr fremd wirkt. Die haushohen Buchsbäume sind bauchig-rund geschnitten, das grelle Abendlicht strahlt die weißen Gräber an und der patagonische Wind sorgt für eine Überdosis frischer Luft. Früh aufstehen. Das könnte unser Motto sein, aber es lohnt sich ja meistens. Mit der rostroten „Melinka“-Fähre geht es hinaus auf die Magellan-Straße zur Insel „Magdalena“, ein Naturreservat für Magellan-Pinguine. Wenn die Jungtiere der monogamen Wesen im Frack schlüpfen, bewohnen diese paar Quadratkilometer mehr als 200 000 Exemplare. Die ganz Kleinen sind bereits aufgebrochen, und auch die anderen verschwinden bald von ihrer Sommerresidenz. Es röhrt und schnattert ununterbrochen. Eine Stunde lang dürfen wir an diesem Spektakel teilnehmen, wie die kleinen Frackmänner und -frauen tollpatschig über die staubig-steinige Insel watscheln, in ihren irdischen Nestern verschwinden oder in kleinen Grüppchen aus dem inselnahen Meerwasser schießen. Fast noch spannender sind allerdings die Touristen, die aus dem Fotomachen gar nicht mehr herauskommen.

Frackmann in Aktion

Unsere Rucksäcke liegen schwer auf unseren Schultern, doch daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Am Morgen machen wir uns auf nach Puerto Natales, etwa 250 Kilometer von Punta Arenas entfernt. Trotz Stadtplan laufen wir zunächst in die entgegengesetzte Richtung, vielleicht auch aufgrund des Stadtplans, der so scheint es Max und mir den Kopf verdreht hat. Wir sind die ersten in unserem kuschligen 5-Bett-Zimmer im noch viel kuschligeren erratic-rock-Hostel. Wir bringen schnell unsere Wäsche zur Wäscherei und schlendern dann durch die Straßen dieses kleinen Städtchens, an das sich Berge und Wasser gleichermaßen schmiegen. In vielen Fenstern, diesen schaufensterartigen Auslagen, liest es sich Hebräisch. Und es gibt wirklich sehr viele Israeli hier unten im Süden, bislang hatte ich das nur für verschwörungsreiche Märchen gehandelt. Aber es gibt auch mindestens so viele Deutschsprachige unter jenen, die in Patagonien wohnen. Um 15 Uhr gibt es ein Informationsgespräch über das, was uns in den nächsten fünf Tagen im Parque Torres del Paine erwarten wird: viele Kilometer zu Fuß, viele unterschiedliche Blautöne und sehr viel Wind. Mit unserer Ausrüstung fühlen wir uns gar nicht mal so Unvorbereitet. Doch bevor wir uns ins Wanderabenteuer stürzen, wollen wir noch einmal richtig gut essen. Das tun wir abends in der ortsansässigen Brauerei Baguales, auch wenn das dort gebraute Bier leicht süßlich nach Litschi schmeckt, das Essen stärkt uns für unser Vorhaben. Draußen frischt der Wind auf, fährt durch die Bäume, doch unser Hostel ist gut beheizt.

Früh am Morgen klingelt der Wecker. Julie, die Hostelmama, macht uns Frühstück: Omelette, frisch gebackenes Vollkornbrot, selbst gemachte Marmelade und Erdnussbutter, Joghurt, Kaffee. Da möchte man am liebsten gar nicht mehr aufstehen. Doch das Frühstück soll uns ja gerade dabei helfen: den ersten Tag im Nationalpark überleben. Und dann beginnt alles doch recht gemächlich: Fußmarsch zum Busterminal, Rucksäcke abgeben, Fenstersitzplätze ergattern und die ersten Guanacos, Nandus und Füchse aus dem Bus heraus bestaunen. Fünf Tage ohne Strom, ohne Mobilfunknetzempfang, alles, was wir brauchen auf unserem Rücken – bis auf unser Durchhaltevermögen. Am Eingang zum 8. Weltwunder, so wird dieser Nationalpark hier immer wieder angepriesen, müssen wir bezahlen und uns ein Video zu den Regeln im Park ansehen. Mit etlichen anderen Touristen werden wir in einen kleinen Raum gequetscht und wiederholt darauf hingewiesen, dass das Feuermachen verboten ist. Der Park ist zuletzt vor zwei Jahren von ein paar unvorsichtigen Touristen in Brand gesetzt worden. Die Spuren sind unübersehbar. Wir steigen wieder in den Bus, um zur Anlegestelle des Katamarans zu gelangen, der uns zum Camping-Platz „Paine Grande“ bringt. Die Oberfläche des türkisblauen Sees schlägt Falten, der Wind bläst uns beinahe um. 

Farbenfröhlichkeit am Paine Grande


Immer mehr Wanderer strömen herbei, es wird voll auf dem Katamaran, die Besatzung stapelt Wanderrucksäcke übereinander, bis zur Decke hoch – pro Saison kommen rund 150 000 Menschen in den Park, viele von ihnen bleiben nur einen Tag, immer noch viele laufen wie wir auch den W-Weg, andere genießen wahrscheinlich den etwas ruhigeren Teil des Rundweges, für den wir aber nicht ausgerüstet sind und auch zu wenig Zeit haben. Also werden wir einiges von diesen Menschenmassen zu spüren bekommen. Fast zuletzt gehen wir von Bord. Eine leichte Brise empfängt uns, die sich in Windeseile auf etwa 70 Stundenkilometer emporbläst, sodass es nicht immer einfach ist, das Gleichgewicht mit den 15 Kilogramm auf dem Rücken zu halten, geschweige denn voran zu kommen, denn bei dem Wind handelt es sich um Gegenwind. Einfach zu bewältigen ist der Weg auch nicht unbedingt, denn bei jedem Schritt lädt sich das Rucksackgewicht, größtenteils Schuld daran sind Essen, Gas und Zelt, an Kleidung haben wir nur das Allernötigste mit, auf Füße, Knie, Oberschenkel und Gesäß nieder. Erst ist es nur der Gegenwind, dann wird auch die Gegend ein wenig unfreundlicher, felsiger, rauer, ausgetreten. Die Bäume sind blattlos und stehen fast schon leblos in ihren Grautönen da – wohl das erste Weltwunder, das nicht zum ersten Mal abgebrannt ist. Doch gleichzeitig schafft dieser Totenwald wunderschöne Kontraste. Der fahl leuchtende Astwald hebt sich von den violetten und weißen glockenbehangenen Blumen ab, die mannshoch wachsen, zu unseren Füßen sättigen Moos, Klee und Löwenzahn das Farbspektrum. An manch einer Stelle schimmert es grasiggülden, an anderen erstrahlt plötzlich ein kräftiges Rot in der Sonne. Mit jedem Schritt gewöhnen wir uns mehr oder minder an die Umstände, Jacke auf und wieder zu, Mütze auf- und wieder abgesetzt, ein Wechselspiel, nicht nur der Gefühle. Der erste See ist in Sichtweite, beim zweiten gibt es dann den ersten Sichtkontakt mit Eis, schwere, trümmerhafte Eisschollen, der Grey-Gletscher bricht sich immer wieder türkis-grau-blau in den gleichnamigen See. Nach etlichen Kilometern mit vielen wunderschönen Ausblicken – für uns unerfahrene Wanderer waren die 11,5 Kilometer sehr viel länger – kommen wir am windumtosten Campingplatz an und versuchen unser Zelt aufzuschlagen. Auch das ist leichter gesagt, als getan, die Windböen machen es beinahe unmöglich. Nachts werden wir auch einige Male das Zelt in unserem Gesicht spüren, so sehr wird unser Dach über dem Kopf eingedrückt, aber immerhin ist es wasserdicht. 15 Minuten ohne großes Gepäck schaffen wir noch, von hier aus sehen wir dem Gletscher in der Abendsonne zu. Eine heiße Dusche bringt Energie zurück und unser Festmahl auf dem Gaskocher füllt unsere Mägen. Die Nacht ist stürmisch und ungemütlich, der nächste Morgen kommt ein wenig zu früh, das Frühstück brodelt auf dem Kocher, das Zelt packt sich leider nicht von selbst ein und irgendwann sind wir wieder auf dem Rückweg, wir laufen schließlich den W-Weg. Heute pustet uns der Wind in den Rücken, auch das ist nicht immer ganz einfach. Die Landschaft mag dieselbe sein, doch entdeckt man immer wieder andere Kleinigkeiten , sie ist noch immer wunderbar kontrastreich, auf der einen Seite See, auf der anderen Seite Felsinformationen, einzigartig auf dieser Welt. Am Paine Grande wollten wir nur kurz eine Mittagspause einlegen, doch Max geht es nicht allzu gut, also bleiben wir. Auch hier windet es ungemein, als unser Zelt dann endlich steht, beginnt es zu regnen. Alle Welt drängt sich in die kleine, sechseckige Quincho, dem Raum zum Kochen und Essen. Gegen Abend entnehmen wir meinem Rucksack etwas Gewicht, suchen uns einen Platz im Getummel und trinken dann noch eine Schlummertrunkschokolade mit einem Schuss Rum. An meinem Geburtstagsmorgen klart der Himmel auf, der Wind lässt nach, wir schnüren unsere Wanderstiefel und los. Da wir keinen sechsten Tag dranhängen wollen, lassen wir eine Strecke aus, auch wenn sie wunderschön sein soll, wir laufen über das „Campamento Italiano“ im tiefen Wald direkt zum Camping-Platz „Los Cuernos“. Das Bild ändert sich: Die Bäume werden grüner, die Wege sumpfiger, der See, an dem wir entlangwandern variiert seine Blautöne im Rhythmus der Wolken. Auch wenn zahlreiche Touristen hier wandern, immer wieder habe ich den Eindruck, sie würden in dieser Märchenlandschaft verschwinden. Sie verschwinden wie auch die Wanderwege in den Hügeln, Bergen und Wäldern, fast als würde sich die Natur wehren und alles Fremde verschlucken. Wir treffen Sara und Raúl wieder, die wir am Flughafen in Punta Arenas kennen gelernt haben, ein kleines, sehr schönes und vor allem unerwartetes Geburtstagsgeschenk. 

Geburtstagsgruß
Das größere ist die Natur und das Nicht-Erreichbarsein, auch keine Anrufe oder SMS schaffen es bis hierher. Die Aussicht am Campingplatz ist unschlagbar. Unten der türkisvariierende „Nordernskjöld“-See, weit oben die Cuernos del Paine und im Hintergrund schneebedeckte Berge sowie dann und wann das tiefe Grollen der sich brechenden Gletscher. Der Himmel ist sternenklar, die Nacht wird eisig, doch schnell brennt die Morgensonne das letzte Frösteln weg. Die extrem hohe UV-Strahlung kommt heute wolkenfrei vom Himmel. Und wieder ändert sich der Ausblick. Es wird felsiger, karger, die Landschaft hat kaum Erbarmen mit uns, die schattenspendenden Bäume werden immer rarer, die Anhöhen mit Blick aufs kühle Nass immer höher. An jedem Flusslauf füllen wir unser Wasser auf, unter jedem Baum suche ich Schatten, mein Kopf summt, meine Beine laufen und laufen, doch als wir vor dem Scheideweg stehen, wähle ich die leichtere Variante zum Camping „Las Torres“. Je karger die Umgebung wird, desto schwerer tut sich mein Kopf. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir am Campingplatz an, zuvor sind wir am Hotelkomplex vorbeigestolpert, wir lassen uns ins Gras fallen und wünschen uns jemanden herbei, der das Zelt aufbaut. Am nächsten Morgen stehen wir im Dunkeln auf, köcheln ein letztes Mal unser Frühstück unter freiem Himmel und marschieren dann ohne größeres Gepäck los. Steil bergauf. Es geht von Null auf Tausend. Der Himmel kommt zwar regenverhangen daher, doch wir laufen trotzdem dem Gipfel entgegen. Immerhin ist es der erste Tag, an dem wir längere Zeit keinen anderen Menschen sehen. Erst am nächsten Campingplatz bekommen wir Gesellschaft. Der Tag klart leider nicht auf, doch der Landschaftswechsel ist frappierend. Eben ging es noch Schotterwege am steilen Abgrund entlang und nun laufen wir durch hohe, sattgrüne Wälder. Die letzte halbe Stunde ist steil und schlittrig, die Felsen werden brockiger und scheinen mir manchmal unüberwindbar. Doch so kurz vorm Ziel lohnt das Aufgeben nicht. 

Nicht viel zu sehen von den Torres del Paine

Die Torres del Paine verstecken sich zwar größtenteils in tiefhängenden Regenwolken, doch der Gletschersee schimmert gräulich-grün und im Nieselregen und den zahlreichen gletschergespeisten Wasserfällen bildet sich ein zarter Regenbogen. Wir sitzen da und lassen das Schauspiel auf uns wirken. Nach einer Stunde treten wir den Rückweg an. Max stiefelt davon, als ob er die letzte Etappe um alles in der Welt schnell hinter sich bringen wollen würde. Insgesamt siebeneinhalb Stunden sind wir gelaufen, noch einmal duschen, die letzten Essensreserven aufbrauchen und dann auf den Bus warten, der uns zum Parkeingang bringt. Dort steigen wir in den Bus, der uns zurück nach Puerto Natales bringt, wo wir erst spät am Abend ankommen. Doch dank Warteliste haben wir wieder ein Bett bei Julie.

Nach nur wenigen Stunden Schlaf und dem besten Frühstück der Welt (zumindest der Hostel-Welt) werden wir abgeholt, wir haben die nächsten Tage zusammen mit einer kleinen lokalen Reiseagentur gebucht. Wir fahren nach Argentinien. Ein wenig zu früh sind wir mit Juan, unserem Fahrer, an der Grenze, die nur von 8 bis 22 Uhr geöffnet ist. Also warten wir noch eine Weile, bis der Schlagbaum aufgeschlossen wird. Ausreisen, Niemandsland und einreisen. Gerade wird die argentinische Flagge gehisst. Hunderte von Kilometern patagonischer Steppe liegen vor uns, die Pflanzen sind flachgedrückt, die wenigen Bäume mit dem Wind gewachsen. In El Calafate, eine Kleinstadt mit dem Namen einer patagonischen Beere, steigt Franco zu uns in den Kleinbus, um uns durch den Gletscherpark „Los Glaciares“ zu begleiten und uns allerlei Interessantes dazu zu erläutern. Angeblich sei es einer der ersten wunderschönen Sommertage in der Gegend. Das kriegen wir zu spüren, erst recht, als wir vor der Touristenattraktion des Parks stehen: dem Gletscher „Perito Moreno“. Es ist einer der wenigen Gletscher, der noch wächst. Erst stehen wir etwa 400 Meter entfernt auf einem riesigen Balkon vor ihm, dann besteigen wir den Katamaran und bestaunen die unterschiedlich blaustarken Wildwüchse vom Wasser aus. 

Natürliche Eisskulpturen

4000 bis 5000 Jahre schieben sich hier durch Geröll und Gewässer, die Sonne sucht ihr Spiegelbild im Eis und die vielen Touristen Platz auf den Außensteigen des Bootes. Viel zu schnell reisen wir wieder ab. Max und ich werden in El Calafate abgesetzt, dort lesen wir noch einmal im uns treu begleitenden Reiseführer nach und bemerken, dass wir zu wenig argentinisches Bargeld dabei haben, denn an unserem nächsten Ziel gibt es keinen Bankautomaten. Also nutzen wir die letzten zehn hektischen Minuten vor Abfahrt zur Bankautomatensuche. Erfolgreich – Glück gehabt. Wir fahren in den Norden Patagoniens, immer am Lago Argentino entlang, der drittgrößte See in Südamerika. Doch nach zwanzig Minuten hält der Bus erst einmal, kurz darauf ein zweites Mal. Nach einer gefühlten Ewigkeit werden wir gebeten in den mittlerweile angekommenen Zweitbus umzusteigen. Dann rollen wir weiter. Nach viel Steppe prangt das Fitz-Roy-Massiv am Abendhimmel. Und dann kommen wir endlich im nächsten Dorf an, das plötzlich mit seinen nächtlichen Lichtern an der nächsten Abbiegung aufgetaucht ist. Ein Lichtersee umringt von tiefschwarzen Granitriesen.

Da ist etwas mit unserer Reservierung schief gegangen, denn es gibt nur noch ein freies Bett. Nach einigem Hin und Her sowie tausendfacher Entschuldigung werden wir für diese Nacht in einer Hütte nebenan untergebracht. Leider führt das zu der ungewollten Bekanntschaft mit der gefühlt vollständigen Besatzung eines Flohzirkus. Selbst vor meinem Gesicht haben die Biester keinen Halt gemacht. Am Morgen ziehen wir dann um, frühstücken in aller Ruhe, schlendern durch fast jede Straße dieser kleinen Ortschaft. An der Hauptstraße säumen sich Hotels, Hostels, Souvenir-Geschäften, Restaurants, Cafés, als ob El Chaltén nur für wanderwütige Deutsche, feiernde Israelis und naturverliebte Argentinier gemacht wäre – so kann es einem hier zumindest vorkommen. Wir setzen uns in die kleine, unscheinbare Bäckerei „Las Nieves“, essen Kuchen, trinken Mate und schreiben Postkarten für die Familie. So lassen wir Minute um Minute dieses regnerischen Tages hinter uns. Nach dem Einkaufen, trotz unmöglicher Öffnungszeiten, aber auch das gehört zu dem deutlich ruhigeren Leben hier dazu, wollen wir so richtig gut essen gehen. Wir entscheiden uns für das Restaurant „Estepa“. Für Max gibt es patagonisches Steppenlamm mit Calafate-Soße an Kräuterkartoffelpüree und Gnoccis, vor mir steht ein Teller mit Auberginen-Pilz-Risotto und hauchdünn geschnittenen, angebratenen Zucchini-Scheiben. Plötzlich verstummt die angenehme Hintergrundmusik und wird durch einen Gitarrenspieler ersetzt, der mit lokaler Folklore aufwartet. Seine Stimme bricht das rege Gespräch am Nachbartisch und auch das Geklimper von Gabeln und Messer verstummt – es sind feine Klänge, die er auf seinen Saiten anschlägt, so fein, dass ich am liebsten mit ihnen verschwinden würde. Verschwinden sollte dagegen das Dessert nicht so schnell: Weißweinmousse auf saftigem Biskuitboden. Es ist, als würden wir Ewigkeiten in der Steppe sitzen, die Zeit klebt fest, so wie die Geschmacksnuancen an meinem Gaumen. Gut gesättigt und mit diesem wohlig-glücklichen Gefühl im Bauch trotzen wir dem auffrischenden Nachtwind. Die Nacht ist unruhig, kratzig. Der nächste Morgen strahlt uns früh an, wir schnüren die Wanderstiefel und entscheiden uns dann doch gegen die lange, anstrengende Strecke zum Fitz Roy, anstatt dessen wandern wir zum Gletschersee „Lago Torres“. Wie Haifischzähne ragen die Felsen in den strahlend blauen Himmel. Erst bildet sich links von uns ein kleiner Zwergenwald, dann überragen sich plötzlich die gleichen Bäume zu unserer Rechten, als wollten sie es den Bergen gleichtun. Dann steppt es wieder, ein milchig-blauer Gletscherfluss zieht seine Kurven durch bunt marmoriertes Gestein, ein Totenwald hebt sich über dem Grün mit den ersten gelben Herbsttupfern ab. Am Gletschersee angekommen steige ich aus meinen Schuhen und kühle meine Füße kurz im Eiswasser. Die patagonische Sonne malt sich in unsere Haut, so wie zwei Nächte zuvor sich die Flöhe auf meinem Körper verewigt haben.

Sonnenpause am Gletschersee

Auch der vorletzte Morgen auf argentinischem Boden strahlt aus allen Knopflöchern, wir checken spät aus, erhalten das Geld für die erste Nacht zurück und gehen frühstücken: Kaffee und Halbmonde, so werden hier Croissants genannt. Die Zeit bis zur Busabfahrt geht nur langsam um. Am Busbahnhof treffen wir auf bekannte Gesichter, Patagonien erstreckt sich zwar über tausende Quadratkilometer, doch irgendwie trifft man immer wieder auf dieselben Touristen. Gegen Nachmittag kommen wir dann in El Calafate an, scheinbar belebter als El Chaltén, zumindest tummeln sich hier auf der Hauptstraße viele Familien und Backpacker. Wir streunen etwas ziellos durch das Städtchen, stolpern in jedes zweite Souvenir-Geschäft, in denen sich die meisten Dinge wiederholen. Doch gleichzeitig springt uns die Kreativität der Argentinier entgegen, was den unnötigen Kram anbelangt, irgendwie ist alles bunter, ausgetüftelter: Lavendelhausschuhe zum Erwärmen, faltbare, neonfarbene Mate-Gefäße, aufwendig geklebte Postkarten. In Argentinien darf natürlich auch ein ordentliches Rindersteak nicht fehlen, nicht für mich, sondern für Max. Ich begnüge mich mit echt argentinischer Pizza und einer Pinguinkaraffe voll Wein.
Die Reise zurück nach Chile ist lang, nach einem Frühstück mit schwarz gefärbtem Wasser und Zuckeraufstrich, der sich als Marmelade tarnt, laufen wir zum Busbahnhof. Wie oft auf unserer Reise sind wir von Deutschen umgeben. Wir fahren und fahren, die Landschaft zieht an uns vorbei, viel Veränderung lässt sich nicht erkennen. Kurz vor dem Grenzübergang durchqueren wir ein kleines Grubenarbeiterdorf, dessen Häuser wie von Wind und Sonne abgewetzt dastehen. Das Ausreisen raubt viel Zeit, wir sind schließlich mit einem ganzen Reisebus unterwegs, doch noch länger dauert die Einreise nach Chile, ein paar Kilometer weiter. da das Gepäck ausgeladen und durch den Zoll muss. Max’ Salami bleibt leider in Argentinien, die darf nicht mit nach Chile. Nach einer unendlich langen Fahrt kommen wir in Puerto Natales an, lassen uns dort am Seeufer noch einmal den patagonischen Wind um die Nase wehen, essen ein Calafate-Eis und fahren dann weiter nach Punta Arenas. Auf dem Weg dorthin zeichnet die Abendsonne skurrile Kontraste in die gräsergüldenen Hügel, in denen sich Tarnschafe verstecken und das Wasserblau unglaublich tiefgründig erscheint.

Auch wenn wir ins Flugzeug steigen, unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Wir nehmen zwar Abschied vom rauen Ende der Welt, aber Patagonien verlassen wir noch nicht wirklich. Wir steigen am Zwischenstopp in Puerto Montt aus, wo uns tiefhängende Wolken in Empfang nehmen. Bloß schnell weg hier. Ancud auf der Insel Chiloé ist unser nächstes Ziel. Bei Pargua fährt der Bus auf die hauseigene, knallgelbe Fähre und wir setzen über. Mittlerweile ist der Himmel aufgeklart und wir stürmen die Reling, oder der Wind uns? An Land grinst uns dann noch ein kleiner Seelöwe entgegen und kurze Zeit später landen wir dann im Fischerdorf Ancud, früher Haupthafen für Spanier, Niederländer und Briten. Unser Hostel liegt direkt am Meer, die Sonne, ganz ungewöhnlich für das Inselwetter, lockt uns in die kleinen, teils steil ansteigenden oder wahlweise abfallenden Straßen, die gesäumt von kleinen, bunten, mit Holzschindeln gedeckten und verkleideten Häuschen Kurven schlagen. Auch hier bestimmt der Wind die Höhe der Häuser. Hoch oben auf der Anhöhe stehen noch die Überreste einer Festung, während im Zentrum ein kleines Fischerlokal mit ausschließlich männlicher Besatzung Meeresgetier und andere Leckereien kredenzt, darunter auch curanto, ein lokaler Muschel-Fleisch-Kartoffel-Eintopf, ursprünglich in der Erde mit heißen Steinen gegart, an den ich mich leider aufgrund des Fleisches nicht herantraue.
Ich gehe früh ins Bett, da es mir erstens nicht sonderlich gut geht, irgendwo habe ich mir eine kleine, fiese Erkältung eingefangen, und zweitens der Wecker morgen um 5 Uhr klingen wird. Zusammen mit Janina und Jürgen aus München nehmen wir den ersten Bus um 6.45 Uhr nach Pumillahue, von dort aus wollen wir zu den Islotes de Puñihuil, auf denen Magellan- und Humboldt-Pinguine hausen und um die herum zu dieser Jahreszeit auch Blauwale kalben. Noch ist es finstere Nacht und man könnte meinen, wir seien die einzigen Menschen auf dieser Welt, nur unsere Stimmen verdrängen Nacht und Müdigkeit. Der Busbahnhof „Mar Brava“ liegt stockdunkel vor uns, so recht trauen wir dem Ganzen noch nicht. Aber pünktlich werden die Lichter eines Busses angeschmissen, der auf uns zurattert. Recht schnell zeichnen sich die haushohen Büsche gegen den frühmorgendlichen Himmel ab. Innerhalb von 40 Minuten ist es hell und wir stehen auf der Straße, eigentlich sind es noch zwei Kilometer Fußmarsch bis zum Strand, doch weit kommen wir nicht. Ein anderer Bus hält neben uns und der Fahrer chauffiert uns kostenlos bis auf den Strand. Drei Stunden müssen wir noch warten, bis die ersten Fischerboote rausfahren. 

Wilde Farben und Formen an der Westküste Chiloés

Es zieht sich zu, wird ungemütlich feucht. Wir stellen uns unter, nach einiger Zeit kommt ein olivfarbener VW-Bus auf den Strand gefahren, ein Pärchen steigt aus, ebenfalls deutschsprachig, sie wollen Wale sehen. Doch ihr angehauener Fischer mit wettergegerbtem Gesicht meint, der Wellengang sei zu stark und das Wetter zu schlecht, als dass die Wale an die Oberfläche kommen würden. Über unseren Köpfen tut sich langsam etwas, das erste Restaurant öffnet. Da freuen wir usn sogar über heißen Instant-Milchkaffee. Langsam kommt die Sonne raus. Aus den angepeilten 10.30 Uhr wird schnell 11.45 Uhr, so ist das hier mit der chilenischen Zeitmessung nunmal. Auf einem aberwitzigen Gestellt werden wir zur Titanic III gefahren, die bereits in den Wellen schaukelt. Nach ein paar Startschwierigkeiten steuern wir die kleinen, vorgelagerten Inselchen an, sehen die noch verbliebenen Pinguine, tollpatschige Gänse, die aufgrund ihrer Statur nicht fliegen können, einen Fischotter, der schnellstmöglich verschwindet, posierende Kormorane und einen faulenzenden Seelöwen. Wieder zurück an Land überlegen wir eine Weile, der einzige Bus würde erst um 16.30 Uhr zurückfahren. Wir sprechen ein paar der Touristen an, bis uns ein frisch vermähltes Pärchen auf Hochzeitsreise uns mitnimmt, zwar nicht bis nach Ancud, aber immerhin bis zur letzten großen Kreuzung. Vergeblich versuchen wir, jemanden dazu zu bewegen, uns mitzunehmen, also wandern wir und wandern wir, naschen Brombeeren am Straßenrand. Ganz unverhofft hält ein Jeep neben uns, dessen Fahrer uns auf der Ladefläche bis vors Hostel fährt. Nach einer kurzen Pause im Wohnzimmer mit Meeresblick bessern wir unser Geschichtswissen noch im Regionalmuseum auf und fahren dann weiter nach Castro, an der Ostküste der mystischen Insel. Dort ist es auf den ersten Blick vorbei mit der Gemütlichkeit, großes Gedränge, viele Menschen. Aber in unserem Hostel geht es glücklicherweise sehr viel ruhiger zu. Es steht auf Stelzen wie viele der Häuser hier. Es ist klein und holzig-warm, im Ofen brennen Holzscheide, die Decken sind niedrig, wie für uns gemacht. Die Betten sind mit Daunendecken ausstaffiert und zusätzlich gibt es noch eine Wolldecke, der man die Genügsamkeit der Schafe noch ansehen kann. Ein kleiner Abendspaziergang und dann schlafen. Ich weiß nicht, ob meine Müdigkeit von der Erkältung herrührt oder ob es nicht vielmehr eine sich langsam einstellende Reisemüdigkeit ist.

Das Frühstück mit Blick auf das schwindende Meer gibt mir ein bisschen Kraft, wir fahren mit dem Bus nach Curaco de Vélez, eine winzige Ortschaft, in der eine der berühmten Holzkirchen steht, die Teil des UNESCO-Weltkulturerbe ist. 

Kirche von Curaco de Vélez
Leider ist sie verschlossen und auch sonst ist es in dem beschaulichen Dorf sehr ruhig, die touristische Hauptsaison ist vorbei und selbst das Austernrestaurant hat geschlossen. Schade. Wir steigen in den nächsten Bus, der uns bis nach Achao bringt, hier steht die älteste Holzkirche von Chiloé. Ansonsten plätschert das Leben hier sehr gemütlich vor sich hin. Erst auf dem Rückweg in Dalcahue sehen wir mehr als drei Menschen zusammen stehen. In einem auf Holzstelzen über dem Wasser schwebenden Restaurant kochen die hiesigen Frauen deftige Mahlzeiten, frischer Lachs kommt auf meinen Teller. So lässt es sich leben. Doch mein Kopf summt immer stärker, ich sehne mich nach einem warmen Bett. Noch einmal mit Meeresgarten frühstücken, noch einmal die steilen Straßen nach oben wandern, unser heutiges Ziel liegt außerhalb des Stadtzentrums, wir laufen und laufen, glauben schon fast nicht mehr daran und doch das Museum für Moderne Kunst gibt es wirklich. Lokale Künstler haben hier eine Plattform. Auch Castro hat eine farbenfrohe Kirche, die wir von innen betrachten können, alles sehr holzig. Generell ist Holz hier der Hauptrohstoff – man sieht ihn nicht nur in der Architektur der Häuser, sondern riecht es auf den Straßen… Ein nettes Fleckchen.

Samstag, 15. Februar 2014

Grelles Sommersonnenlicht


Noch vor Kurzem saß ich im Flugzeug, sah langsam die nächtlichen Lichtkonturen Bogotás unter mir verschwinden, nächtigte kurze Zeit später am neonlichtdurchfluteten Flughafen Limas und stieg nach einem überteuerten, unfreundlich servierten Frühstück in das beflügelte Monstrum in Richtung Santiago de Chile. Fast schon routinemäßig fülle ich den Zollbescheid aus, unterschlage dabei die Riesenameisen in meinem Gepäck, deklariere stattdessen nur Schokolade (bei der Einreise nach Chile muss man alle Produkte, die tierischen oder pflanzlichen Ursprungs sind, angeben) und setze mich in den Bus in Richtung Zentrum. Denn erst einmal bleibe ich diese Woche noch in dieser urbanen Brutstätte. Erstmal unter die Dusche, nachdem ich im Hostel eingecheckt und eine Freundin wiedergetroffen habe. Wegen ihr und der Sommerschule der Heinrich-Böll-Stiftung zu Grüner Politik und Nachhaltigkeit fahre ich nicht gleich schnurstracks ins sommertote Concepción. Da die Sommerschule jedoch nur abends stattfindet, streunen wir tagsüber durch die Innenstadt, essen vegetarisch zu Mittag, probieren uns an mote con huesillo, einem erfrischend kalorienhaltigen, aus gekochten Weizenkörnern und dem Kochwasser eines getrockneten Pfirsichs bestehenden „Getränk“, suchen das Kulturzentrum La Moneda und flüchten bei jeder Gelegenheit in den Schatten. Eigentlich sollte Marie, meine französische Mitbewohnerin, noch zu uns stoßen, doch irgendwie meldet sie sich nicht. Abends erfahren wir einiges über Wind- und Solarenergie, Belastung der Natur aufgrund der unterschiedlichen Industriezweige Chiles, Klimaerwärmung und ihre möglichen Auswirkungen,… Endlich ist der Kopf mal wieder gefordert, teils auch aufgrund der Hitze und der Uhrzeit nicht einzuschlafen, doch vor allem aufgrund der meist interessanten Vorträge und Diskussionen. Es ist eine spannende Woche, was wohl auch an der gemeinsamen Zeit mit Rita liegt. Vielleicht steht sie aber auch nur im krassen Kontrast zu den drei darauffolgenden Wochen. Um mir die Miete für den Januar zu sparen, bleibe ich eine Woche lang bei einer guten Freundin in Chiguayante, etwa 20 Minuten Busfahrt von Concepción entfernt. Und noch einmal bin ich Teil einer kleinen, sehr besonderen Familie. Die Zeit zieht langsam vorbei, manchmal in seichten Luftstößen durch all die geöffneten Fenster, dann wiederum vor endlosen Filmtiraden. Mit jedem Tag des Nichtstuns werde ich unruhiger.

Mittlerweile sitze ich wieder in meinem malvenfarbenen Zimmer und flüchte vor der Hitze, tagsüber ist kaum daran zu denken, vor die Haustür zu treten. Erst wenn die Sonne vom grellen Sommerhimmel verschwunden ist und sich plötzlich die erste herbstliche Kälte bemerkbar ist, schleiche ich aus meinem Schneckenhaus und suche den Wind, der mir durch die Haare fährt.


Irgendwohin sind die vergangenen drei Wochen tatsächlich verschwunden, plötzlich ist der Valentinstag da, und plötzlich sind auch wieder alle Parks und Grünflächen von knutschenden Pärchen übersät, oftmals noch mit kitschig-pinkfarbenen Herzluftballons mit der Aufschrift „I love you“ in der Hand. Ich freue mich über mein Valentinstagsdate: Rita. Gemeinsam kochen und schnacken. Bevor ich mich morgen auf Reisen mache, denn das erste Mal bekomme ich Besuch hier weit weg von Zuhause. Mein Bruder sitzt bereits im Flieger und schwirrt irgendwo über dem Atlantik herum. Es stehen an: ein paar Tage Santiago, Patagonien, Feuerland, ergo ans Ende der Welt reisen und auf dem Rückweg noch ein paar verwegene Fleckchen Chiles mitnehmen, um dann gerade so zu Semesterbeginn wieder im guten alten Concepción zu sein. Ein Glück, dass ich meinen Geburtstag doch bei winterlichen Temperaturen feiern werden kann. ¡Hasta luego!

Donnerstag, 13. Februar 2014

Wortlosigkeit

 
In Bogotás Straßen schläft man nur
Die Zeit zieht sich wie ein Kaugummi dahin, dehnt sich so lang es nur geht. Aber die Wörter bleiben nicht haften, ketten sich nicht aneinander. Woran es liegen mag? Ich weiß es nicht. Vielleicht daran, dass ich nicht mehr in Kolumbien bin, wo ich kaum einen Gedanken an die digitale Welt verschwendet habe, sondern vielmehr die Zeit mit guten, sehr guten Freunden und deren Familien verbracht habe.

Als ich Mitte Dezember aus dem Flieger stieg, war zwar alles anders – der Flughafen hat in den zweieinhalb Jahren meiner Abwesenheit ein neues Gesicht erhalten –, doch irgendwie war auch alles gleich. Eine lange Umarmung, eine frühmorgendliche Taxifahrt in die ersten Tageslichtminuten Bogotás und der Himmel, der Himmel ist dort anders, tiefer, blauer, schwerer. Noch ein bisschen schlafen und dann wirklich in der kolumbianischen Hauptstadt aufwachen, neue Bewohner kennen lernen – die Tochter meines Freundes ist vor nun etwa acht Monaten zur Welt gekommen –, alte Straßen neu entdecken, bekannte Gesichter sehen, lang andauernde Umarmungen spüren, die ich dann und wann noch immer in Gedanken nachfahre. Es mag kitschig klingen, doch so viel Herzenswärme und aufrichtige Freundschaft ist mir bislang nur an wenigen Orten entgegen gebracht worden. Auf dem Markt in einem der unzähligen Wohnviertel streife ich über durch die engen Gänge und verliere mich beinahe in all den Formen, Farben und Gerüchen. Früchte, deren Existenz ich beinahe vergessen hatte. Die Art der Marktschreier, ihre Waren mit einem “Mi reina, ¿qué desea?” (wörtlich: Meine Königin, was wünschen Sie?) oder dem überall widerhallenden “¡A la orden!” (Zu Diensten.) anzupreisen. Der Straßenlärm, die chaotische Verkehrsführung, die aus dem Nichts anhaltenden und wieder anfahrenden Busse, die Unendlichkeit dieser Stadt. All das überfordert mich nicht so, wie ich es gedacht hatte. Tatsächlich fühle ich mich plötzlich zu Hause, esse am Straßenrand arepas, sehe in den Fleischereiauslagen Schweinsköpfe und -herzen, schlendere durch mein altes Wohnviertel und begutachte den riesigen Ameisenhaufen. In den Wochen vor Weihnachten ist das Zentrum unbegehbar, es ist, als ob alle, wirklich alle acht bis zehn Millionen Menschen händeringend nach Geschenken suchen. Nur abends wird es ruhiger, bei Einbruch der Dunkelheit ist Bogotá noch immer nicht ungefährlich. Es sei denn, man befindet sich in einem der abzählbaren Parks, denn diese sind hell erleuchtet. In jedem Baum, an jedem Ast hängen Lichterketten, auf jedem freien Rasenplatz tummeln sich Straßenverkäufer, die ihre hausgemachten Speisen darbieten, und die Menschen strömen in Massen herbei, kaufen, staunen. Das ist Vorweihnachtszeit in Kolumbien. Aber nicht nur das. Neun Tage vor Heiligabend beginnt die Novene, an jedem dieser Abende versammelt sich die Familie, oft stoßen Freunde und Nachbarn dazu, dann wird gemeinsam gebetet und gesungen. Allzu ernst muss es dabei allerdings auch nicht immer zugehen, so zumindest mein Eindruck. Dieses Weihnachtsfest verbringe ich zwar bei den Eltern eines guten Freundes, doch so richtig nach Weihnachten schmeckt es nicht. Es ist alles anders, und doch irgendwie gleich. Anstatt Weihnachtsbaum – obwohl ich einen solchen zusammenstecken durfte, denn der Großteil der Weihnachtsboten ist hier aus reinem Plastik – steht hier die Krippe im Vordergrund, meist nimmt sie mehr als die Hälfte des Wohnzimmers ein und wird bereits liebevoll Anfang November aufgebaut. Das Jesuskind kommt allerdings erst in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember in die Krippe.

Langsam leert sich die Stadt, die Menschenmassen verlassen das Epizentrum des Konsums und machen sich auf zu ihren Familien. Wie in wahrscheinlich jedem südamerikanischen Land, herrscht der Zentrismus, immer mehr Kolumbianer strömen in die Hauptstadt, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Doch hier sieht man sie: die Armut. Nicht so wie in Chile, wo sie in die dunkelsten Ecken gekehrt wird und tatsächlich erst nachts zu sehen ist. Doch jetzt herrscht eine angenehme Lautstärke in der Stadt, gefühlt ist die Hälfte der Einwohner ausgeflogen. Das neue Jahr kann kommen. Für mich kommt es im französisch-kolumbianischen Elternhaus meiner ehemaligen Mitbewohnerin. Das Essen ist exquisit, das Mousse au chocolat an der Englischen Creme fast schon himmlisch und die Musik kolumbianisch. Plötzlich verwandelt sich das Wohnzimmer in eine Tanzfläche, Mutter, Vater, Onkel, Freund und Hund schwingen die Hüften. Wir tanzen und trinken und genießen. Kurz vor Mitternacht ist Hektik angesagt. Jeder von uns hat auf einen Zettel all jene Dinge notiert, die im vergangenen Jahr schön waren, und auf der anderen Seite all jene Dinge, die eher weniger schön waren, daraus haben wir eine Figur gerissen. Schnell noch zwölf Weintrauben in die eine, einen Koffer mit all den Dingen, die das nächste Jahr begleiten sollen, in die andere Hand. Und hinaus, in die milde Dezembernacht. Dem alten Jahr, in Form der Papierfiguren, wird mit Feuerzeug und Streichholz der Garaus gemacht, die Weintrauben stopfen wir uns mitsamt je einem Wunsch bei jedem Glockenschlag in den Mund und dann nehmen wir unsere Beine, nein, unsere Koffer in die Hand und laufen um den Block, damit es im so beginnenden Jahr auf Reisen geht. Dann liegen sich alle in den Armen und wünschen aus tiefstem Herzen ein frohes neues Jahr. Wird sich zeigen, wie froh es tatsächlich wird.

Ein paar Tage verschwinde ich aus der Hauptstadt und fahre in den Nordosten des Landes: nach Bucaramanga. Dorthin haben mich Emerson und Edier eingeladen, eine Gegend Kolumbiens, die ich tatsächlich noch nicht kenne. Die Busfahrerei dagegen kommt mir bekannt vor, doch hatte ich diese wohl eher verdrängt. Nachts ist der Vorteil, dass man nicht sieht, wie steil es die Andenschluchten bergab geht, das ist auch besser so, denn die Fahrer reizen ihre Fahrkünste gerne aus. Nach einer schlaflosen Nacht komme ich dann früher als gedacht an der Haltestelle “Papi, quiero piña” (Papa (wahlweise auch: Süßer), ich möchte Ananas.) an. Es ist sieben Uhr morgens und meine Kleidung schmiegt sich bereits schweißgetränkt an meinen Körper. Bucaramanga liegt in nördlicher Sichtweite. Emerson kommt, weist mir den Weg, denn das Haus der Familie liegt außerhalb, mitten in den grünen Bergen.

Die direkt angrenzende Stadt Floridablanca ist für seine süßen Köstlichkeiten bekannt. Bei schweißtreibenden Sommertemperaturen essen wir obleas, hauchdünne mit Karamellcreme und anderen Dingen bestrichene Oblaten, oder repollas, ebenso gefüllte Brandteigmonster. Wir erlaufen uns die Stadt, essen irgendwo zu Mittag, trinken literweise hausgemachte Limonade dazu und Emerson gibt sein historisches Anthropologenwissen preis. Das Stadtzentrum Bucaramangas ist weiß getüncht, das neue Kulturzentrum bietet ein paar Minuten Kühle und lokale Kunst, die einen Blick auf die sehr besondere Mentalität der aus der Region Santander stammenden Menschen gewährt. Derweil schießen in den hipperen Vierteln Hochhäuser in rauen Mengen aus dem Boden, wofür zunächst allerdings wunderschöne Altbauten platt gemacht werden müssen. Vielleicht ändert sich mit Stadtbild noch so einiges mehr. Die umliegenden Dörfer sind auch sehenswert, Girón beispielsweise beweist Kolonialstilgeschmack. Am schwülen Sommerabend sitzen und stehen hunderte von Menschen auf dem Kirchenvorplatz, plaudern, essen, lachen über einen Pantomime-Künstler, der mich bei der Hand nimmt und die einzige Blonde auf dem Platz ein wenig vorführt. Meinetwegen.

Im Sturzflug über die Berge Santanders,
wohlgemerkt in kolumbianischer Beflaggung


Ganz anders fühle ich hoch oben, als ich am vierten Tag einen Tandem-Gleitschirmflug mache. Frei. So richtig tiefenfrei. Eine Weile gleitet ein Vogel neben David und mir daher, ich lasse meinen Kopf schweifen und die Gedanken fallen. Tief unter mir grasen Spielzeugkühe und kurven Spielzeugautos durch die sattgrünen Hänge. Winzig klein wird diese Welt plötzlich, verschwindet fast schon aus meinem Blickfeld. Herrlich. Ein Gefühl, das ich gerne auf andere Lebensbereiche übertragen würde. Doch wie nur. Viel zu schnell habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Abends dann fahre ich mit einem der pirata-Taxis (Privatpersonen, die sich ihr Geld mit dem Personentransport auf nicht oder kaum von öffentlichen Verkehrsmitteln befahrenen Strecken verdienen) zur Ananas-Haltestelle, mitten aus dem Nichts erscheinen plötzlich vier Jugendliche mit Baseballschläger in der Hand auf der Straße, innerlich nehme ich Abschied von meinen Habseligkeiten, doch der nur scheinbar rüstige Fahrer drückt ordentlich aufs Gaspedal und fährt beinahe einen der Jungs um. Wenn man hier überleben will, dann heißt es: du oder ich. Punkt. Ende. Aus. Mein Herz rast, knapp bin ich meinem ersten Überfall entgangen. Deswegen fährt mich der Wagemutige dann auch bis zur Haltestelle und nicht nur in die Nähe, wie vorher eigentlich ausgemacht. Die Busse sind voll, also muss ich auch hier einen nicht ganz legalen Bus nehmen. Der Fahrer beherrscht das Trummteil zwar besser, doch die Klimaanlage bläst mir die ganze Nacht über einen luftigen Eisstrahl in die Beckengegend. Ich überlebe die Fahrt, gerade so. Nach der schwülen Hitze, empfängt mich ein hauptstädtischer Regentag, den ich auf dem Sofa eines guten Freundes halb verschlafe.


Generell schlafe ich gut in vielen fremden Betten, denn eine eigene Wohnung habe ich hier nicht. So kommt es denn, dass ich bei diesem bislang kürzesten Aufenthalt in Bogotá die Familien meiner Freunde sehr gut kennen lerne. Ich wohne bei ihnen, bin zeitweise Tochter, Schwester, am liebsten auch gleich Schwiegertochter. Dabei wird mir bewusst, wie lange ich schon nicht mehr über einen längeren Zeitraum hinweg Tag um Tag Teil eines Familienlebens war. Also verweile ich in diesem Gefühl, Teil zu sein, wenn auch nur eine Weile. Es gibt Freunde, die ich fast schon als Familie bezeichnen würde. Mein zweites Zuhause eben. Und das ist es vielleicht auch, was mir die Worte genommen hat. Abschiede sind nie leicht, und noch schwieriger gestalten sie sich, wenn man nicht weiß, wann es ein Wiedersehen gibt. Und doch steige ich viel zu früh in das Flugzeug Richtung Santiago, ah pardon, Lima, ist ja kein Direktflug. Zehn wunderbare Stunden am peruanischen Flughafen, nachts.

Samstag, 14. Dezember 2013

Wer hat an der Uhr gedreht?


Die Zeit, wo ist sie geblieben… Wie häufig stellt man sich eigentlich diese Frage? Oft genug, meiner Meinung nach. Drei Wochen Chile im Schnelldurchlauf nicht nur für mich, sondern auch für meine Leser. Erwähnenswertes? Eigentlich eine Menge, denn sonst wären die Stunden und Minuten nicht so schnell an mir vorbeigezogen. Die Zeit in Concepción neigt sich dem Ende zu, denn bald fliege ich hoch in den Norden. Nach zweieinhalb Jahren endlich mal wieder richtiges Chaos-Großstadtgefühl erleben. In Bogotá.

Aber erst einmal streife ich noch ein wenig durch die mir mittlerweile bekannten kleinen und größeren Straßen Concepcións, genieße die Sommersonne auf der Haut, die frischen Heidel-, Him- und Erdbeeren, die überall am Straßenrand verkauft werden. Plötzlich scheint ein ganz anderes Licht auf diese Stadt, mit der ich anfangs nicht unbedingt zurecht gekommen bin. Aber jetzt, wo im Dezember der Sommer da ist und der Weihnachtsmann in kurzen Hosen Saxophon spielt, das Eis klebrige Spuren auf den Händen hinterlässt und die knutschenden Pärchen in allen Parks sich verhundertfacht haben, da kommt in mir das Gefühl auf, ich könnte es noch eine Weile hier aushalten. Aber nicht für immer. Und ab und an mal raus zwischen all den letzten Klausuren, das ist auch nicht verkehrt. An einem Sonntagmorgen setze ich mich mit Rita und Andrea in den Bus in Richtung Los Ángeles, wir steigen allerdings früher aus: an den Saltos del Laja. Die größten Wasserfälle in Chile. Es sind nicht gerade die Niagarafälle, aber noch dauert der Sommer nicht zu lange an, sodass sie dennoch eine gewisse Menge Wasser führen. Glücklicherweise sind wir früh in den Bus gestiegen und noch halten sich die Pärchen und Poser mit ihren Digitalkameras in Grenzen. Der Hauptwasserfall weht uns ein wenig Frische und Nässe in Haare und Kleidung, bevor wir es uns hinter der Absperrung gemütlich machen und von oben herab auf das Spektakel schauen. Derweil gibt es Käsebrote und Zimtschnecken, ein leichtes Lüftchen und viel Sonne. Erst als die Touristen sich mehren, erhalten wir vermehrt Blicke und Kommentare. Da auch wir einen wunderbar touristischen Tag verbringen wollen, steigen wir die steile und halbwegs gesicherte Treppe hinab zu dem klaren Wasserfallfluss, der sich durch die urige Felsformationen schlängelt und besteigen das Touristenboot. Zwölf bis fünfzehn Minuten dauert die Fahrt, mit dem Kanu wäre es sicherlich abenteuerlicher, aber zumindest sind wir dem kristallklaren Wasser ein Stück näher. Außerdem tuckern wir an ein paar einheimischen Jungs vorbei, die sich an ihrer Bade- oder Bräunungsstelle in Pose werfen. Da Sonntag ist, gibt es nach der Bootsfahrt noch ein Eis. Herrlich.
Unter der Woche stehen Prüfungen an, ein paar Einkäufe hier, ein wenig Planen dort. Und immer wieder Weihnachtslieder bei der Hitze, die sich in meine Haut brennt, sobald ich vor die Tür trete. Noch ein letztes Mal schwimmen gehen, ein letztes Mal Kuchen in dem schönsten Café Concepcións essen, noch ein letztes Mal auf der Plaza Perú auf Freunde warten. Zumindest, bis ich im März wieder zurück in das kleine Nest komme.

Und da stürzt es in die Tiefe

An meinem vorletzten chilenischen Wochenende besteige ich erneut den Bus in Richtung Los Ángeles und diesmal mit zwei Chilenen, Masiel und Juan Carlos, um tatsächlich bis zur Endhaltestelle zu fahren. Weit im Süden von Conce und nah an den Anden haben die Eltern von Juan Carlos vor etwa vier Jahren ein Grundstück erworben. Ein Hektar groß mitsamt einem kleinen Wald, umgeben von Weizenfeldern und Heidelbeerbüschen der Nachbarn, geschorenen Schafen und Hühnern. Darauf steht ein hölzernes Haus, das hell knarrende Zimmer für die Großfamilie bereithält. Als wir am Freitagabend ankommen, gibt es frisch gebackenes Brot, Käse, Tee und einen unglaublichen Sternenhimmel. Die halbe Nacht verbringen wir draußen, liegen auf der Ladefläche des Jeeps und starren in den schwarzen von leuchtenden Punkten übersäten Nachthimmel. Und plötzlich zischt es, ein schmaler Streifen durchschneidet die Tiefe, und noch einer und noch einer. Es regnet fast schon Sternschnuppen. Außer meinem Glücksstaunen ist es unglaublich still hier. Die Nacht könnte nicht schöner sein und irgendwie überkommt mich dieses Gefühl der Zufriedenheit. Auch wenn sich die nächtliche Kälte über meine Füße durch die Beine in meinen Körper frisst, breitet sich von Innen her eine Wärme aus.

Mittagessen im Freien
Der Frühstückstisch ist gedeckt, die Sonne kitzelt auf der Nasenspitze und der Wind bringt eine frische Brise Waldluft mit sich. Da ist es mir sogar gleich, dass der zum Inventar dazugehörende Hund Duque das ein oder andere Mal angeschnüffelt kommt und versucht, mich zum Spielen zu animieren. Außerdem wartet bereits jemand anderes aufs Spielen. Die dreieinhalbjährige Nichte von Juan Carlos. Irgendwie habe ich einen Narren an dem kleinen Wirbelwind gefressen. Ich werde frisiert und geschminkt, wir laufen auf ihre Anweisungen hin durch das Dickicht des Hinterhauswaldes, immer im Schlepptau: Duque. Dann wird aufgetischt, Mittagessen unter freiem Himmel, was kann es besseres geben. Im Schatten der Bäume deckt sich langsam der Tisch. Ich beobachte alles von oben herab. Denn irgendwas hat mich dazu gebracht, hoch in den Baum zu klettern und dort in aller schattigen Ruhe ein Buch zu lesen. Und auch nach dem Essen klettern meine nackten Füße an dem rauen Baumstamm empor, um dem Mittagsschlaf ein Schnippchen zu schlagen und unter dem Blätterdach Zuflucht in einem der so vielen noch zu lesenden Büchern zu finden. Noch ein kurzer Glücksmoment. Stille. Bis Sofia wieder wach ist und umhertollen will. In der Küche werden frische empanadas mit Krebsfleischfüllung zubereitet und das kleine Häuschen nebenan wird für die Geburtstagsfeier des Vaters von Juan Carlos, der ebenfalls Juan Carlos heißt, mit Luftballons geschmückt. Als die Sterne schon längst am Himmel funkeln, als gäbe es kein Morgen, wird nach dem Abendessen wohlgemerkt, der Grill angeschmissen und Rippchen aufgelegt. Gut, dass ich Vegetarierin bin, denn jetzt noch etwas essen... Selbst das Stück Geburtstagstorte macht mir zu schaffen. Aber dem Himbeer-Blätterteig-Karamell-Sahne-Biskuit-Krams kann selbst ein überfüllter Magen nicht widerstehen. Der erste Advent ist zwar kalendarisch da, aber für mich bei 30°C und strahlend blauem Himmel weit entfernt.

Die letzte Uniwoche ist extrem kurz, da die meisten Prüfungen schon hinter mir liegen und die Dozenten es vorziehen, diese zu Hause zu korrigieren, als weiterhin zu unterrichten, ist am Montagabend mein letzter Literaturkurs und am Dienstag werde ich von einer der Dozentinnen zu einem unglaublich leckeren Stück Maracuja-Torte eingeladen. Und so plötzlich endet dieses Semester, lecker und unerwartet. Denn mit dem Semester endet auch meine Zeit in Chile, zumindest vorerst. Am Freitag muss ich aus dem Zimmer raus. Das bedeutet Sachen packen, noch ein wenig Papierkrams erledigen und zusehen, wo ich die verbleibenden Tage unterkomme. Glücklicherweise habe ich zwei sehr gute Freunde gefunden und am Freitagabend mache ich mich auf nach Chiguayante zu Masiel und ihrer Familie.

Am zweiten Advent besteige ich wieder einmal den Bus, schwer bepackt, aber noch nicht mit Ziel Bogotá, sondern Santiago de Chile. Manu Chao spielt nämlich unter freiem Himmel in der chilenischen Hauptstadt und das kann man sich nicht entgehen lassen. Die Arena ist prall gefüllt, Andrea, Rita, Johannes und ich kämpfen um einen guten Platz nicht allzu weit von der Bühne entfernt, sodass wir zumindest erkennen können, wer da auf der Bühne steht. Ganze drei Stunden feiert sich der zwar in die Jahre gekommene, aber dennoch reichlich hyperaktive Musiker, bis wir fast zusammenbrechen. Nach der dritten Zugabe gehen irgendwann die Bühnenlichter tatsächlich aus. Und alles drängt in Richtung Ausgang. Wir setzen uns noch eine Weile auf die Tribüne, um dem Gedränge zu entgehen, sehen dem Spektakel zu, wie oberkörperfreie Chilenen über die Absperrungen klettern und wundern uns über die einzelnen Schuhe, die hier und da durch die Luft fliegen. Ein gelungener Abend, wenn da nicht der unfähige Taxifahrer wäre, der uns auch noch gewaltig verarscht. Aber das soll unsere gute Laune nicht trüben. Am Montag spazieren wir ein wenig durch Santiago, essen im Mercado Central in einem der vielen Touristenüberladenen Restaurants Meeresfrüchte und dann verabschieden wir uns von Rita. 

Die Statue Salvador Allendes vor der Moneda
Denn eine Stadt muss ich noch sehen, bevor ich in den Flieger steige: Valparaíso. Nicht nur der Name klingt paradiesisch. Im Gegenteil zu anderen chilenischen Städten ist diese Hafenstadt ungeordnet, ohne schachbrettförmige Straßen, bunt, jede Hauswand zeigt sich in einer anderen Farbe, hier und da ein durchdachtes Graffiti und jede Menge fröhlich-aufgeschlossene Menschen.

Kunst in den Straßen
Die Luft schmeckt salzig-lebendig, die Brücken ziehen sich augenscheinlich in Wellen über die Straßen, die Autos und Busse rauschen mit hoher Geschwindigkeit unter ihnen durch, die Gehwege sind überfüllt und selbst nachts stirbt die Stadt nicht aus. In jedem Winkel, auf allen der unzähligen Anhöhen wimmelt es vor Menschen, selbst die empanadas sind hier irgendwie saftiger – aber da spielt wohl der Kopf eine große Rolle.

Farbe, farbiger, am farbigsten
Der Morgen strahlt in zartem Blau, die Sonne gibt sich großzügig und Andrea und ich erklimmen den ersten cerro, die erste Anhöhe, und nach einem guten Stück Weg tut sich ein weitreichender Blick auf Valparaíso zu unseren Füßen auf. Ein paar Schritte weiter steht eines der Häuser des wohl bekanntesten chilenischen Dichters Pablo Neruda. Es mutet einem Schiff an, so rund und bukig ragt es hier oben weit über dem Meer empor. Die Avenida Alemania kriecht wie eine Schlange durch die Hügel und Berge der Stadt, bevor es am Plaza Bismarck, an dem der werte Herr seinen Schnäuzer grün gefärbt bekommen hat, wieder steil hinunter geht. Ein paar lebensmüde Fahrradfahrer stürzen die Straßen hinab, ihnen hinterher die Busse und Taxis, die zuvor, wenn es hochkommt, im dritten Gang die schmalen Sträßchen hinaufgeschlichen sind. Wir stolpern hungrig dem ältesten Restaurant der Stadt entgegen, dem Cinzano. Das Mittagsmenü in einer eher dunklen, aber umso gemütlicheren Ecke des Lokals, mit Blick auf die langgezogene Bar, den winzigen auf Fußball eingestellten Fernseher und die sicheren Griffe der Kellner, die bereits Inventar zu sein scheinen. Pisco Sour, Salat mit Avocado-Creme, Hecht und Kartoffelpüree und anschließend noch leche quemada, verbrannte Milch, die chilenische Variante der Crème Brulée oder der Crema Catalana oder oder oder. Ein Mittagsschläfchen würde jetzt guttun, anstatt dessen taumeln wir durch die Innenstadtstraßen, hinauf, hinunter, kürzen den steilen Anstieg mit einem der zahlreichen Aufzüge teils noch aus dem 19. Jahrhundert stammend ab, schauen in kleine Boutiquen und Galerien hinein und stranden irgendwann am Hafen. Dort pausieren unsere belaufenen Füße eine Weile, derweil lassen sich unsere Köpfe anwerben. Denn eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön. Noch ein bisschen Meeresluft schnuppern und den glitzernden Sternen auf den Wellen zusehen. Auf einer der Bojen stapeln sich Seelöwen, Möwen schießen steil hinab ins fischreiche Gewässer und ein paar Seekadetten rudern hinaus zu ihren grauen Riesen, die vor der Stadt vor liegen.
Das wäre doch mal ein Arbeitsweg

Der Abend führt zurück nach Santiago de Chile, ein Abschied, der schwer fällt, eine drückend warme letzte Nacht auf chilenischem Boden – zumindest für dieses Jahr. Ein Monstereis gegen die Hitze, ein Flug in engen Reihen und plötzlich ist es Morgen in Bogotá. Alles so bekannt und doch so fremd.