Samstag, 12. Juni 2010

Lagosol o una quemadura fuerte





Eine letzte kurze Reise

Was als Schnapsidee – oder eher Biermarathonidee – begann, resultierte in einem sonnigen feuchtfröhlichen Wochenende ohne Marathon wenige Stunden entfernt von der Hauptstadt, die noch immer von grauen Wolken und niedrigen Temperaturen dominiert wird. Am Freitagabend fahre ich zunächst in einem kleinen colectivo in den Süden, habe dabei etwas Angst, weil der Bus eine ganz andere Route einschlägt als gewohnt. Irgendwie komme ich dann aber doch an. Ich bin schon ein bisschen zu spät, aber Enrique hat noch nichtmal gepackt. So schwierig ist es nicht, schließlich geht’s ab in Richtung Sonne und damit verbunden: Hitze. Zwölf ganz unterschiedliche Menschen treffen sich im Viertel. Zwei Autos. Und viel Bier. Nach ein paar Zwischenstopps fahren wir in die blaue Nacht hinein. Hier ein Halt und dort ein Halt. Kurvige Straßen. Stau. All das führt dazu, dass wir erst gegen halb zwei Uhr nachts ankommen in dem Ferienzentrum „Lagosol“, nah bei Girardot und Melgar. Obwohl es schon so spät oder auch früh ist, erschlägt uns die Hitze. Die Schwimmbecken sind allerdings schon lange geschlossen. Es bleibt uns nichts anderes übrig als die Ventilatoren anzuschmeißen und darauf zu hoffen, dass die Nacht doch noch ein wenig Kälte mit sich bringt. Auf den Terrassen lassen wir uns nieder bis uns die Äuglein zufallen und wir uns vor Müdigkeit beinahe auf allen Vieren in die Betten begeben. Irgendjemand hat klugerweise den Wecker gestellt und nach nur wenigen Stunden Schlaf werden wir von lautem Türgehämmere geweckt. Zeit fürs Frühstück. Das mit dem vegetarischen Essen scheint zunächst etwas kompliziert, denn selbst das Rührei ist mir Schinken gespickt. Doch ist es kein Problem ein paar Dinge zu ändern am Menü. Ich muss sogar nichtmal mehr anstehen so wie der Rest der Truppe und mit dem pinkfarbenen Bändchen ums Handgelenk mein Essen entgegennehmen. Sehr seltsam. Das ganze erinnert stark an Hotelurlaub, den ich nie erfahren musste oder auch an absichtlich verpasste Abschluss-Fahrten. Die gesamte Parkanlage ist adrett hergerichtet, es gibt einen kleinen See, auf dem man sich tretbootfahrenderweise die Nase verbrennen kann, Schwimmbecken, ziemlich viele, ziemlich flache, ein Spielsalon mit Billard, Tischtennis, rana und noch so einigem mehr. Gegen neun Uhr morgens schwitzen wir schon so sehr, dass wir uns dringend ins kühle Nass schmeißen müssen. Wir kapern eines der vielen Becken mit viel Geschrei und Gespritze. Auch sonst fallen wir während unseres Aufenthalts ein wenig auf, den größtenteils genießen hier Familien das verlängerte Wochenende, Montag ist mal wieder Feiertag. Wir hechten von Schwimmbecken zu Schwimmbecken (übrigens sind Badekappen auch hier Pflicht), verschrecken ein paar Kinder als wir uns die Rutsche runterschlittern lassen bis wir rausgepfiffen werden.



Die Bademeister als Spaßverderber, dabei sind wir ganz vorsichtig und belästigen auch niemanden. Später liefern wir uns eine Wasserballschlacht und dann gibt es auch schon Mittagessen. Tische werden gerückt. Eine große Tafel für uns alle. Gesättigt treibt sich die Meute im Spielsaal rum, Schatten, denn die Sonne brennt erbarmungslos auf uns nieder. Ich gewinne haushoch gegen Enrique beim Tischtennis – lange ist’s her, aber es gab Zeiten, da stand eine Tischtennisplatte bei uns im Keller und das hat sich gelohnt. Der Rest spielt Billard oder rana. Enrique und ich beschließen uns mit dem Tretboot auf den See zu begeben – geschätzte Tiefe ein halber Meter und trotzdem müssen wir Schwimmwesten anlegen. Nun denn. Wir strampeln fleißig und merken gleichzeitig wie die Sonne sich in unser Fleisch brennt trotz Sonneschutzfaktor 50.



Eine kurze Pause im Schatten, den Libellen und bunten Schmetterlingen beim Flattern zusehen und mit ein paar Lenkschwierigkeiten zurück zum Ufer.
Es gibt sogar jeden Tag ein reichhaltiges Programm, Fußballturniere, Aquaerobic und einen Entspannungskurs, den einige von uns mitmachen. Atemtechniken, autogenes Training, Dehnungsübungen, ein bunter Mix aus allem vermischt mit typischem Entspannungstirili und abgedunkeltem Raum. Nach anderthalb Stunden sind unsere bereits jetzt schon sonnengeplagten Körper entspannt. Ziel des Wochenendes erreicht. Die anderen treffen wir in unseren Apartments, sie haben bereits die Tassen gehoben und sind leicht angeheitert. Auch wenn es so scheint, als ob ich in letzter Zeit öfters mal feiere, ich widme mich auch ernsthaften Dingen und arbeite bereits fleißig an meiner BA-Arbeit oder besuche Lesungen mit nationalen Autoren oder oder oder. Gleichzeitig muss jeder mir noch bleibende Tag ausgekostet werden und wenn das nun mal feiern bedeutet, gerne doch. Nach dem leckeren Abendessen fahren ein paar von uns nach Melgar, um alkoholischen Nachschub zu besorgen, denn der ist relativ teuer in unserer Wochenendbleibe. Wir warten und warten und warten und nciken auch schon mal weg unter dem Ventilatorgebläse. Als alle da sind, fällt unser Plan ins Wasser, denn wir wollten eigentlich de Abend im Whirlpool verbringen, doch die sind schon geschlossen. Da müssen wir wohl oder übel Billard spielen, denn selbst die Fete, die gegen neun Uhr begonnen hat, hält sich in Grenzen, was den Spaßfaktor angeht. Carolina, eine der beiden Zwillingsschwestern, und ich suchen nach einem einigermaßen funktionierenden Kicker, was alles andere als einfach ist, die Spieler sind entweder kopflos, verdreht, nicht vorhanden oder sehr träge. Nichts desto trotz geben wir uns eine Partie deutschen Kneipen-Nationalsport und niemand muss kriechen. Perfekt. Dabei wird Wasser getrunken, natürlich verantwortungsbewusst wie wir sind, haben wir Flüssigkeit gegen Flüssigkeit getauscht und nun umso mehr Spaß. Die Jukebox haben wir auch ausgetrickst, es gibt Musikwünsche bis zum Umfallen ohne dafür zahlen zu müssen. Und das tun einige fast. Vor Müdigkeit. Als wir um fünf Uhr morgens in Richtung Betten stolpern. Die Nacht ist wiederum kurz, denn das Frühstück wartet noch immer nicht auf uns. Verschlafen gibt es ein richtig kolumbianisches Mahl – fleischhaltig natürlich. Da freue ich mich bereits auf ein gemütliches Sonntagmorgen-Frühstück auf der Terrasse mit frischen Brötchen, Marmelade, Käse, Kaffee und was sonst noch so dazu gehört.
Danach schmeißen wir uns wieder mit aller Kraft ins Wasser – was kann man auch anderes machen bei der unglaublichen Hitze, allen läuft der Schweiß am Körper herunter…
Arschbomben einigermaßen synchron hinzubekommen ist gar nicht so einfach. Wir versuchen es dennoch bis die Trillerpfeife ertönt und wir aufgefordert werden, es doch bitte zu unterlassen. Den Spaß lassen wir uns nicht nehmen und toben weiter durchs Becken, reichlich unterhaltsam sind die Versuche um die Wette zu schwimmen, denn „tschawuman“ (so betonen Kolumbianer das deutsche „schwimmen“) kann nicht einer von ihnen. Die Versuche, ihnen ein wenig beizubringen scheitern nicht komplett, aber dennoch. Zur Messe wollen wir nicht, also weiter zum Mittagessen.
Später dann sind wir unterwegs nach Girardot, um Familie von Carolina und Lida zu besuchen. Fenster auf, Musik auf(gedreht). Und los. Diesmal sitze ich hinten im „Kofferraum“ zusammen mit Michel (was „Mietschel“ ausgesprochen wird, hat also nichts von dem kleinen süßen blonden schwedischen Jungen zu tun), anschnallen ist so oder so nur für Fahrer und Beifahrer Pflicht und wie viele Personen in einem Auto transportiert werden, ist auch nicht von großer Bedeutung. Tante und Onkel der Zwillingsschwestern besitzen einen kleinen Laden und wir lassen uns großzügig mit Getränken bewirten, die Musik wummert weiterhin, die Nachbarn, die gegenüber in ihren Schaukelstühlen hin- und herwippen, sehen uns schmunzelnd zu. Ein kleiner Junge kommt auf seinem winzigen quietschgrünen Fahrrad angeradelt und kauft sich für ein bisschen zusammengespartes Münzgeld eine Cola. Wir tanzen und reden und haben unseren Spaß, vergessen Kälte und Alltag Bogotas.
Die Sonne ist bereits untergegangen, wir wollen zurück, doch es gibt Startschwierigkeiten, so verzögert sich unsere Rückfahrt und wir kommen recht spät zum Essen. Zurück in den Apartments fallen einige in einen komatösen Schlaf, aber wir Mädels nutzen die Gelegenheit und reservieren zwei Whirlpools. Wer nicht kommt, hat Pech, umso besser, mehr Platz für uns. Der Himmel ist sternenklar und es blubbert nur so vor sich hin. Abkühlung für den Sonnenbrand, trotz der vielen Sonnencreme haben sich die meisten von uns in nur zwei Tagen dermaßen verbrannt, ich ebenso. Meine Schultern ertragen es nicht jegliche Last zu tragen, selbst die Handtasche muss ich mit Händen tragen. Aber besser als zu bibbern. Diese Nacht ist glücklicherweise etwas länger, vor Erschöpfung und Hitze fallen wir in einen tiefen, tiefen Dornröschenschlaf. Und morgens wieder ähnliches Programm: frühstück, Schwimmbecken. Diesmal unterhalten wir unsere Miturlauber mit unseren lustigen Spielchen. Um die Wette schwimmen, tauchen, durch die Beine der anderen tauchen usw.
Dann ist das verlängerte Wochenende auch schon vorbei. Zimmer aufräumen, Sachen packen, ein letztes Mittagessen und dann fliehen wir vor der Hitze. Heute scheint die Sonne noch unerträglicher, schnell in die Autos, in denen man sich wie in der Sauna fühlt, aber besser als sich noch stärker zu verbrennen.

Fracasos políticos por todo lado

Von Demokratien und Scheindemokratien


Dieser Eintrag ist ein kurzer, aber sehr wichtiger. Auch ist er im Nachhinein geschrieben, aber das soll ihm nichts von seiner Wichtigkeit nehmen. Ich schreibe diesen Blog zwar hauptsächlich, um euch die schönen Seiten Kolumbiens näher zu bringen, aber nichts desto trotz muss auch die traurige Realität mal benannt werden. Und da kommt man um das Thema Politik nicht vorbei.
Es scheint zwar auch in Deutschland eine Menge zu passieren, sei es der Rücktritt Köhlers und darauffolgende unverständliche Kandidatenvorschläge, wie zum Beispiel der unserer achso volksnahen Frau Ministerin von der Leyen, die immer noch nicht abgeschlossenen Koalitionsverhandlungen in Nordrhein-Westfahlen, die für uns (Wahl-)Kölner die Abschaffung der Studiengebühren bedeuten könnten, oder die Verabschiedung des millionenschweren Sparpakets, welches wiederum die Besserverdiener gutstellt, der Vertrauensverlust in unsere Kanzlerin und ihre Regierung, der mich daran zweifeln lässt, ob es wirklich so weitergehen kann. Es passiert also eine Menge. Im Gegensatz zu Kolumbien. Eigentlich geschieht eine Menge, aber nichts führt zu Veränderungen, nur zu Verschlechterung und Enttäuschung.
Die grüne Welle scheint verebbt. Zumindest, wenn man die Wahlergebnisse betrachtet. Es war ein schöner Sonntag, zuerst bin ich mit dem Rad in den Süden gefahren bei herrlichem Sonnenschein, doch langsam aber sicher zog es sich zu, immer grauer und grauer wurde der Himmel. So wie auch die Aussicht auf die politische Zukunft Kolumbiens. Denn aus dem prognostizierten Kopf-an-Kopf-Rennen wurde ein haushoher Sieg für Santos. Er hat nur knapp die absolute Mehrheit verfehlt, die er benötigt hätte, um auf einen Schlag Präsident zu werden. Nun wird ohne sonderlich große Spannung der 20.Juni abgewartet, an dem es zur Stichwahl zwischen Mockus und Santos kommen wird. Das Ergebnis steht jedoch bereits fest. Die Politik Kolumbiens wird sich leider einmal mehr auf die Bekämpfung des „Terrors“ stützen, die Spanne zwischen arm und reich vergrößern, die Bildung außer Acht lassen, der Korruption freien Lauf lassen… Und es scheint so als sei es mal wieder nicht mit rechten Dingen zugegangen bei den Wahlen in der angeblich ältesten Demokratie Lateinamerikas. Viele Stimmen wurden gekauft, Tote und Verschwundene haben gewählt, ebenso Menschen ohne gültigen Ausweis und das Unfassbare: Bei den Auszählungen der Stimmen wurden einfach die Kreuze vertauscht. Und doch passiert nicht viel. Niemand tut etwas dagegen. Die Bewegung im Internet geht weiter. Präsidentschafts-Debatten im Fernsehen. Wahlkampagnen und doch weiß jeder, dass Mockus nur ein Hoffnungsschimmer am fernen Horizont war, der bereits am Verbleichen ist. Aufgrund von Missinterpretationen der gegnerischen Partei wurden ihm oft die Worte im Mund umgedreht, der größte Skandal war wohl als Mockus sich dazu bekannt hat Atheist zu sein. In einem so gläubigen Land wie Kolumbien fatal, denn die Trennung zwischen Staat und Kirche ist fast nicht vorhanden. Natürlich wäre auch der Kandidat der Grünen Partei nicht der beste Präsident, er ist sehr neoliberal eingestellt, und gerade hier muss man vorsichtig sein mit der Politik. Aber besser, umso vieles besser als ein Präsident, der sich selbst widerspricht und verspricht gegen Korruption vorzugehen, die erste Person, die er da anprangern müsste, wäre wohl er selbst.
Viele der jungen Wähler können es noch immer nicht glauben, viele sagen, dass es ohne Hilfe von außerhalb niemals Veränderung geben wird, so langsam glaube ich es auch. Wir haben uns zu sehr auf den guten Willen vieler verlassen und haben dabei vergessen, dass wir in Kolumbien sind. Ein Land, ein wunderschönes Land mit so viel Potential, das noch immer von einer kleinen korrupten Oberschicht regiert wird. Jahr für Jahr verschwinden Menschen, die Zahl der Binnenflüchtlinge ist immens hoch, der Konflikt innerhalb des Landes und der verschiedenen Gruppen – FARC, Paramilitär, Militär, Regierung – ist unüberschaubar und hat an Boden verloren. Meinungsfreiheit existiert so gut wie nicht, con Pressefreiheit ganz zu schweigen, es ist nicht einmal Zensur, vielmehr Auto-Zensur aus Angst den nächsten Morgen aufgrund eines einzigen „falschen“ Satzes nicht zu erleben. Es ist traurig. Traurig mit ansehen zu müssen, dass ein Land, das so viel schaffen könnte, scheinbar niemals aus dem Sog herauskommen wird.
Und doch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass man die Hoffnung hier nicht aufgibt. Man kann wunderbar hier leben und doch die Vorurteile, die gegen dieses Land stehen und nicht unbegründet sind, bestimmen das Leben oftmals. Die eigene Realität ist nicht so schlimm, denn vieles bekommt man selbst nicht mit… Und vielleicht schaffen wir es in naher Zukunft Veränderungen herbei zu führen.

Freitag, 11. Juni 2010

Soledad en la isla caribeña




Wenig Schatten nach Schattenseiten Kolumbiens

Der Sonntag ist seltsam, Flughafen, Abschied in dem Wissen selbst bald dran zu sein, die Worte „Wir sehen uns in sechs bis acht Wochen wieder“ kommen zwar aus meinem Mund, aber in meinem Kopf sind sie noch immer nicht angekommen. Nicht zu viel Zeit damit vergeuden traurig zu sein, lieber noch ein wenig reisen. Als ich mir damals im Februar den Flug gekauft habe, der mich am Montag in die Karibik gebracht hat, da hab ich auch nicht großartig überlegt, wann bekommt man schon mal für etwa 40 Euro so einen Luxus geboten…
Am Montagabend steh ich also einsam und alleine in den verlassenen Straßen, nach einem kurzen Abschied von meinem Mitbewohner Bastian, es ist mal wieder Feiertag und ich warte auf den Bus zum Flughafen, aber nein, die wenigen Busse die abends um sieben noch fahren, sind natürlich nicht dorthin unterwegs. Nach ewigem Warten nehme ich mir ein Taxi, wie so oft ist es ein sehr gesprächiger Fahrer. Bin überpünktlich am Flughafen, der Schalter ist bereits offen, kann mein Gepäck aufgeben, muss für ein Touristen-Wisch noch was blechen (was aber auch Kolumbianer zahlen müssen), nachdem der freundliche Herr der „señorita Constanza“ mindestens zehnmal eine schöne Reise gewünscht hat, heißt es warten. Noch eine Kleinigkeit essen, durch die Sicherheitskontrolle und standardgemäß zum Gate 1, bei Aires werden erstmal fleißig sämtliche Fluggäste gestapelt bevor es anhand von Lautsprecherdurchsagen zu dem richtigen Gate geht. Warten und ein österreichisches Pärchen erspähen, kurz überlege ich sie anzusprechen, aber ich bin schließlich auf meiner ganz eigenen einsamen Reise. Durchsage. Verspätung. Warten. Durchsage. Zum Gate 3. Warten. Durchsage. Zwei Reihen formen. Männer und Frauen. Erneute Sicherheitskontrollen, weshalb auch immer, als ob man innerhalb der fünfzehn Meter noch irgendwas reinschmuggeln könnte. Durchsuchen des Handgepäcks. Warten. Durchsage wegen Touristen-Wisch. Warten. Durchsage. Endlich das Boarding. Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung starten wir. Ich sitze am Fenster, ist zwar Nacht draußen, aber gerade das ist super. Ein riesiges Lichtermeer unter uns. Nein, eher eine Lichterinsel im Ozean der Dunkelheit. Langsam verschwindet sie, die Großstadt-Insel, nur ab und an tauchen kleine Lichtlein auf, wie Sterne am Boden-Himmel. Alles steht Kopf. Der Sandmann kommt und meine Äuglein fallen zu. Kurz vorm Landeanflug werde ich wach. Die Küstenzeile ist beleuchtet, eine Straßenlaterne reiht sich an die nächste wie eine Lichterkette, die sich um den Weihnachtsbaum schlängelt. Unter uns Meer, nichts als Wasser, Wasser, Wasser und dann, im scheinbar allerletzten Moment taucht die Landebahn unter uns auf. Aussteigen, von der Wärme der Nacht halb erschlagen werden, Gepäck schnappen, Sicherheitskontrolle, ein kurzer Anruf wie versprochen nach Bogotá, gleich ein bisschen Wärme mitsenden in die verregnete Hauptstadt zum verschlafenen frierenden Kike.

In die warme Nacht hinaus und Werner sofort erkannt. Ein großer dicker Tauchbär, wie man ihn sich so vorstellt, blaue Augen, großer Bierbauch und ein freundliches Lächeln auf den Lippen, den Exil-Aachener hat es vor etwa fünfzehn Jahren auf die Insel verschlagen, klein angefangen, und mittlerweile betreibt er eine der wenigen Tauchschulen, vermietet ein paar Zimmer und ein Apartment, ist verheiratet mit Amalia, einer Einheimischen. Mit dem typischen Fortbewegungsmittel der Insel einem weinroten Roller, meinen Reiserucksack zwischen seinen Füßen, fahren wir durch die Nacht. Den Fahrtwind in den Haaren, genieße ich die Stille (Helme gibt es hier nicht, man fährt auch gerne in Flipflops Moped), da überquert schon mal der ein oder andere Krebs die Straße, als wir ankommen, werden wir von Amalia empfangen, meine Sachen in meinem geräumigen Zimmer abgeladen und noch auf eine Limonade auf die Terrasse. Dann falle ich vor Müdigkeit in einen tiefen Dornröschenschlaf, die Hitze… Ich stehe erst gegen elf Uhr am nächsten Morgen auf, eine kalte Dusche lässt mich in der wunderschönen Inselwelt der Karibik erwachen, ich tapere in T-Shirt, Rock und FlipFlops auf die Terrasse, lerne Mathilde kennen, eine junge Frau, die Amalia im Haushalt hilft. Heute hat sie frei und schaut eben nur mal nach, das Leben verläuft hier in ganz anderen Bahnen, alles recht entspannt, wie ich merke ein wenig zu entspannt um auf Dauer auf dieser kleinen Insel zu leben, zumindest für mich. Aber ich bin ja auch „nur“ eine Woche auf Urlaub hier, Urlaub von meinem achso anstrengenden Leben.



Mit frisch vom Baum gefallenen Mangos, vor Saft triefenden Händen, denn die Mangos, die hier wachsen, sind die kleineren süßen Mangos, beginnt der erste Tag im trügerischen Paradies. Es hätte genauso gut die erste Einstellung eines Thrillers oder zumindest eines interessanten Tatorts werden können. Denn nachdem ich den Tag am Strand verbracht habe, man will gar nicht raus aus dem herrlichen Meerwasser, einfach nur dahin treiben lassen und sich verbrennen trotz Sonnencreme, abends dann, erfahre ich, was in der Nacht zuvor passiert ist und im Laufe der Woche klärt sich oder auch nicht, was wirklich geschehen ist. Ungefähr zu der Zeit als ich gelandet bin, gab es einen mysteriösen Brand auf der Insel, sogar recht nahe meiner Bleibe, in San Luis, dort, wo die meisten der Insulaner wohnen und nur sehr wenig Touristen zu finden sind. Dabei sind Großmutter und Enkelin ums Leben gekommen. Tochter (und zugleich Mutter) lebt ein paar Straßen weiter. Sie hatten am Abend zuvor einen Streit. Ging um Geld. Ein Check, den die Tochter bei der Mutter gefunden hatte und einlösen wollte, was aber ohne Unterschrift der Mutter nicht ging. So munkeln die ersten bereits. Das Seltsame ist, dass Großmutter und Enkelin nicht aus dem Haus fliehen konnten, sodass ihre Leichen vom Feuer verstümmelt aufgefunden wurden. Anscheinend habe die noch nicht ganz so alte Dame, die sonst auch sehr fit war, an diesem Abend ein paar Schlaftabletten genommen wegen des Streits. Die Enkelin hatte dauerhaft bei der Großmutter gelebt, weil die Mutter wohl so unzuverlässig war (aufgrund von psychischen Problemen und Drogenabhängigkeit). Und noch seltsamer ist, dass Amalia eine Nacht vorher in ihrem Traum gesehen hat, wie beide verbrennen. Gruselig. Im Laufe der Woche tauchen weiterhin Gerüchte auf, andere Versionen und Visionen kommen ins Spiel, doch wirklich aufgeklärt wird der kleine Insel-Krimi nicht.



Nach der zweiten durchschwitzten Nacht, die Klima-Anlage rattert und rattert, der Ventilator hilft da schon einiges mehr, mache ich erstmal einen Morgenspaziergang zum Strand. Von dort aus wate ich zu einer klitzekleinen vorgelagerten Insel, Hayne Cay, dort ist vor Jahren ein Frachter gestrandet, der nun langsam aber sicher vor sich hinrostet. Direkt von einem Hotel aus werden Touristen zu diesem kleinen grünen Fleckchen im Meer der sieben Farben (wie es hier rund um San Andrés genannt wird, und das zu Recht, man erblickt die unterschiedlichsten Blau- und Türkistöne) geführt. Hüfttief ist das Wasser, aber da die alltägliche Kleidung hier so oder so nur der Bikini sein wird, vielleicht noch ein leichtes Sommerkleid auf dem sonnengeröteten Leib, macht das auch nichts aus. Wie überall auf der ganzen Insel, wollen sie Einheimischen auch hier Geld machen, sie „vermieten“ Tauchmasken, um sich ein wenig die bunte Unterwasserwelt anzusehen, ich lehne dankend ab, genieße ein wenig die schattigen Palmenblätter über meinen Kopf, Jorge will mir seine Tauchermaske leihen, aber ich habe eigentlich gerade eher den Drang in die Stadt zu kommen, um etwas zu essen. Also wate ich zurück durch das angenehme Wasser und laufe dann der Straße entlang in Richtung Zentrum. Die Sonne brennt auf mich nieder, ich flippe und floppe die nicht vorhandenen Gehwege entlang, komme an kokosnussschlachtenden Arbeitern vorbei, sehe einsame Schiffe langsam vor sich hinrosten und zerfallen, atme frische Meeresluft tief in meine Lungen ein, leider auch ein wenig Moped-Abgase, denn auf der Insel fahren hauptsächlich motorbetriebene Zweiräder durch die Gegend. Auch das ein oder andere Taxi ist zu erspähen, allerdings keine kleinen gelben Knutschkugeln, sondern jegliche Art von Autos, kleine niedliche Busse, in denen man immer einen Sitzplatz bekommt haben kleine Pappschilder im Fenster stehen mit dem Ziel der Fahrt, Unmengen an mit Touristen beladenen Golfkarts, ein paar monströse Automobile, bei denen man sich wundert wozu man solche Ausmaße auf so einer winzigen Insel benötigt.



Auf den gesamten 32 km gibt es genau drei Tankstellen. Was die Mopeds und Motorräder angeht, wenn jemand an einem hupend vorbei fährt, dann ist das das Zeichen dafür, dass es sich um ein „Mototaxi“ handelt, aufspringen und los geht die bunte Fahrt, natürlich ohne Helm, versteht sich von selbst, nicht wahr? Auf jeden Fall sind diese Mototaxis eigentlich illegal, aber auch nur eigentlich. Zwischen 8.30 morgens und 12.30 mittags darf niemand mitgenommen werden. Logik und Kolumbien…



Der Weg ist lang, auf der einen Seite befindet sich die Einfahrt zu einem Hotel, der Portier scheint Interesse an mir zu haben, herrlich, nicht, nun denn, er meint, ich solle den nächsten Bus nehmen, er empfiehlt mir sogar ein gutes Restaurant und lässt mich bis auf ein paar Bemerkungen zu der Schönheit meiner Hautfarbe in Frieden. Das erste vernünftige Essen in perfektem Ambiente. Direkt am Strand befindet sich „The Fisherman’s Place“, im Schatten sitze ich einsam und alleine an einem Tisch für vier, ordere caracol, Meeresschnecke, dazu gibt es fruta de pan (Brotfrucht), Kokosreis und einen kühlen Saft. Nebenan herrscht reges Treiben, die Fischer kommen hier an Land und wiegen ihre Beute, da sind ordentliche Brocken dabei, denen man lebendig nicht so gerne begegnet hätte wollen. Eine leichte Brise weht und ich lasse mir das Meeresgetier schmecken. Und dann einfach am Strand entlang schlendern, nichts weiter als den Touristen zusehen, den Sand unter den bloßen Füßen zu spüren, das sanfte Meeresgeräusch. Urlaub. Sich fallen lassen in den weißen Korallen-Sand. Und einfach nur in die Ferne starren. Seine Gedanken verlieren. Bis. Ja, bis einer der Strandverkäufer ankommt und mir einen cocoloco (eine „verrückte Kokosnuss“) oder doch lieber ein Bier andrehen will. Ich lehne dankend ab, in praller Sonne und alleine betrinken, ich kann mir besseres vorstellen. Aber es scheint durchaus gut angenommen zu werden, denn des Öfteren stolpert man über leere Bierdosen trotz der vielen Mülleimer, die es hier gibt. Auch schattengeschützte Liegestühle werden mir hergerichtet, ich sitze aber viel lieber im Sand unter einer Palme als irgendwelche Plastikstuhl-Abdrücke auf meinem Allerwertesten zu sammeln. Die Frauen, die mir trenzas („Strähnen“) flechten wollen, gucke ich auch nur ungläubig an, bei der Länge meiner Haare?! Und ich möchte auch keinen Schmuck, nein, einfach nur hier sitzen, meine Füße im Sand vergraben und ab und an mal ins (kühle) Nass eintauchen. Danke. Das funktioniert hier sogar. Man sagt nein und man wird in Ruhe gelassen. Irgendwann kommt dann Mango vorbei, ein Jamaikaner, der mir Muscheln schenken will für gerade mal 10,000 Pesos, er ist ganz nett und wir reden ein wenig, ein wenig Angst hab ich vor dem Baumstamm, den er schultert, ein Instrument wie sich herausstellt. Die Muscheln nehme ich nicht, aber die Einladung zum gemeinsamen Musikmachen verschiebe ich auf später. Gegen Abend kaufe ich noch ein wenig ein, dann versuche ich den Bus zu finden. Ranwinken, einsteigen, bezahlen, hinsetzen. Nur als ich aussteigen will, suche ich vergebens die Klingel, hier muss man rufen „parada“. Die Hitze macht einen schon recht schlapp.

Am nächsten Morgen fahre ich zusammen mit Guillermo, dem Schwager von Amalia und gleichzeitig Mitarbeiter im Tauchcenter von Werner, ins Zentrum. Angenehm, so morgens, wenn es noch keine 30 Grad im Schatten sind. Ein kleiner Stadtrundgang mit Werner. Es ist schon eine seltsame Stadt. Ihr Bild wird von riesigen Geschäften dominiert und deren Schaufenster wiederum von unglaublichen Angeboten. Vier Flaschen Whiskey für 50,000 Pesos oder doch lieber einen Wodka für 6,000 Pesos. Genauso die ganzen Parfums oder Elektrogeräte, die hier für nichts und wieder nichts rausgehauen werden. San Andrés ist steuerfrei. Deswegen kosten Luxusgüter hier in etwa die Hälfte. Nur die Alltagsgegenstände und Lebensmittel sind um einiges teurer (wenn es sich nicht um Kekse, Süßigkeiten oder Chips handelt, die sind ebenfalls spottbillig). Ein wenig Malle oder Ibiza für Reiche eben. Hotel an Hotel, obwohl auch die Probleme haben, denn die Insel ist nicht groß, nur an der Westseite gibt es Strand, der Rest besteht aus Korallenfelsen, spitzkantig und gefährlich. Grundstücke sind klein und man darf auch nicht höher als vier Stockwerke bauen. Die Strandpromenade ist gepflastert mit teuren Restaurants, es gibt sogar ein Café, in dem man guten saftigen Kuchen bekommt. Außer des Chaos, das hier herrscht, gibt es sonst kaum noch etwas zu erwähnen. Den Nachmittag verbringe ich am Strand, lerne eine Exil-Insulanerin und ihre Tochter kenne, wir unterhalten uns nett und essen zusammen empanadas gefüllt mit Krebsfleisch, den Abend auf der Terrasse, lese viel, höre Musik und ärgere mich, dass ich keinen Handy-Empfang habe. Ist zwar gut und schön von der Realität abgeschaltet zu sein, aber wenn man so allein ist, freut man sich schon mal über ein Gespräch. Am nächsten Morgen wartet Guillermo wieder auf mich, rauf aufs Motorrad, über die mit Schlaglöchern bedeckten Straßen. Ich lerne Peter, Amerikaner, und seine Frau Zuury, Kolumbianerin, kennen. Die beiden kommen schon seit Jahren zum Tauchen nach San Andrés und ja, heute ist es so weit. Mein erster Tauchgang nach (ich weiß nicht wie viel) Jahren, es ist schon Ewigkeiten her und so viel im Meer getaucht bin ich auch noch nicht. Da ist der Salzgittersee eher heimatliches Tauchgebiet. Mit der Natty geht es raus, raus aufs Meer, das heute sehr ruhig ist, fast spiegelglatt, ideal zum Einstieg. Das schlimmste am Tauchen habe ich schon hinter mir, sich in den Neopren-Anzug zwingen müssen. Das Meer ist nicht kalt, aber als Schutzschicht ist das schon nicht schlecht. Jacket um, der Bleigurt ist integriert, neu für mich, noch mal abklären; links, Tauchcomputer, Inflator, Messgeräte; rechts, Atemregler und Ersatz. Tauchermaske aufgesetzt, mit Hilfe von Edwin, unserem Kapitän, hinaufgehievt auf den Bootsrand, ich zittere, nicht vor Kälte, vor Aufregung.



Einfach fallen lassen, nach hinten, einfach fallen lassen, ganz einfach. Platsch. Orientierungsprobleme, Blau um mich herum, wo ist oben, wo unten, aber dann, treibe ich fröhlich an der Wasseroberfläche. Mit Werner an der Hand geht es langsam aber sicher in die Tiefe, Druckausgleich klappt perfekt und auch meine Atmung wird ruhiger. Wir kommen auf dem Korallen-Plateau an, Anemonen, Korallen, Schwämme in allen Formen und Farben. Da wir ohne Handschuhe unterwegs sind, kann man auch die unterschiedlichen Begebenheiten der Unterwasserwelt taktil wahrnehmen.



Riesige kraterförmige Korallen fühlen sich ganz weich an, andere kleinere, die mit den Meeresbewegungen wanken, sind hart und fast steinig, wieder andere Pflanzen ziehen ihre Blüten ein sobald man sie berührt. Und Fische, ganz viele bunte kleine Fische, auch größere ziehen an uns vorbei. Ein Hummer, noch einer und ein dritter strecken uns ihre Fühler entgegen. Es geht tiefer hinab ohne dass ich viel davon merke, ich genieße es einfach in meinem Element zu sein, noch ein wenig weiter hinab, durch einen kleinen Unterwasser-Canyon, ein bisschen unheimlich, aber der Tauchbär begleitet mich ja und in der 12-Liter-Flasche ist auch genug Luft. Nur vergeht die Zeit im tiefen Blau irgendwie viel schneller als an Land… Nach einem 48-minütigen Tauchgang und einer maximalen Tauchtiefe von 29,7 Metern, heißt es wieder ohne Automat Frischluft atmen.



Tauchklamotten ablegen, über die Leiter wieder hinein ins Boot und die Eindrücke sacken lassen. Nach einer kurzen Pause an Land wieder hinein, ein zweiter Tauchgang. Diesmal geht alles schon viel einfacher, schwups, hinein ins Wasser, abtauchen in die blau-bunte Unterwasserwelt. Es ist soviel spannender als an Land, die Formen sind so anders und alles ist ruhiger, ausgeglichener, eben noch nicht so sehr vom Menschen geprägt. Eine unerforschte Welt, spannender als das All, warum so weit weg von der Erde, wenn es doch auf dem Planeten selbst noch so viel unerforschtes Leben gibt. Und es stimmt mich traurig, wenn ich mir klar mache, dass der Mensch so viel von der natürlichen Schönheit zerstört, nur um seine ökonomischen Interessen zu wahren. Da kann ich nur fassungslos den Kopf schütteln, durch den Menschen herbei geführte Naturkatastrophen. Also genieße ich den Moment jetzt, genau diesen Augenblick und speichere ihn ab, in meinem Kopf und digital oder auch auf Papier.
Wie schön es auch ist mit dem Boot übers Meer zu schnellen, die frische Meeresluft mit dem Hauch von Salz und Fisch in der Luft einzuatmen und sich dem schier unendlichen Horizont hinzugeben. Das Boot knallt auf die Wellen, man hüpft unweigerlich mit auf und ab, unter dem Sonnendeck geschützt.

Auf der Suche nach einem kleinen Restaurant komme ich zwar an zweien vorbei, doch die bieten keinen Fisch an, da hält plötzlich Carlos neben mir, auf seinem Moped, fragt, wonach ich Ausschau halte, wir kommen ins Gespräch und als er hört, dass ich Werner kenne, soll ich einfach aufspringen und er fährt mich zu drei kleineren Restaurants, wovon mir dann auch eines zusagt. Mein Fahrer setzt sich auf eine Suppe zu mir und wir unterhalten uns ein wenig – immer wieder die gleichen Fragen, warum Kolumbien, wie lange ich hier bin, usw. Ich irre ein wenig durch die Straßen, so ganz habe ich das verworrene Straßensystem noch nicht begriffen, aber nach ein paar Mal im Kreis laufen, finde ich zurück zum Tauchcenter. Da steht auch schon der Tauchbär und wartet auf mich, wir machen eine kleine Inselrundfahrt, damit ich auch alle Touristenattraktionen der Insel mal zu Gesicht bekomme – es sind nicht unbedingt viele… Die Mittagshitze hat sich bereits gelegt und bei dem Fahrtwind ist es auch ganz angenehm, auf dem tiefroten Roller geht es einmal rund herum, 32 km ist die Straße lang. Drei Tankstellen, schön sind auch die Kilometerangaben, eines der Schilder besagt nämlich, dass sich die nächste Tankstelle in 30km befindet. Etwas befremdlich. Nun denn. Über die holprige Straße fahren wir immer schön direkt am Meer entlang, halten kurz am West View, trinken zusammen ein Bierchen (der einzige Tropfen Alkohol, den ich hier zu mir nehme), sehen den Touristen dabei zu, wie sie vom installierten Sprungbrett hinab springen oder auch mit Taucherhelmen auf den Grund tauchen. Hier gibt es schon keinen Sandstrand mehr, alles besteht aus spitzen, dunklen Korallenfelsen, nur wenige klettern hier herum. Wir fahren weiter und es ist immer dünner besiedelt, viele Häuser stehen leer, verfallen langsam, der hohe Salzgehalt in der Luft lässt das Metall erodieren, alles rostet langsam vor sich hin. Ab und an kommt einer der kleinen Busse vorbei mit einem kleinen Pappschild im Fenster, worauf entweder Cueva de Morgan oder Hoyo Soplador steht.



Ersteres ist eine angebliche Piratenhöhle des Captain Morgan, dessen Schatz noch immer im Verborgenen liegt, zweiteres stelle ich mir als Geysir vor, entpuppt sich aber als ein normales Loch im Korallenfelsen, aus dem das Meerwasser hochgeschossen kommt, wenn die Wellen gegen die Küste schlagen. Nichts Atemberaubendes. Wirklich nicht. Der Ausblick ist hier allerdings wunderschön, da wir uns auf der windgeschützten Seite befinden, ist das Meer spiegelglatt…

Weiter der Straße entlang, wir kommen an dem Gebäude vorbei, was einmal die erste Universität auf der Insel werden sollte, mittlerweile ist es gut bemoost. Es wird ein wenig urwaldiger, alles ergrünt. Wir biegen kurz ab, hinauf auf den höchsten Punkt – La Loma – von hier aus hat man einen netten Blick. Und dann der Magic Garden. Wer sich fragt, ob das ein besonderer botanischer Garten ist, in gewisser Weise vielleicht schon. Hier wachsen Müllberge in den Himmel, vor drei Jahren hat es wohl einmal hier gebrannt, da musste die Feuerwehr aus Bogotá kommen. Hinter dem magischen Garten liegt nur noch das gut belegte Gefängnis, vor allem wegen Drogen- oder Menschenschmuggel werden die meisten hier eingebuchtet. Zurück auf der Hauptstraße umrunden wir die Insel weiter. Die Straße bricht an vielen Stellen schon weg, da sie direkt am Meer konstruiert wurde. Das Örtchen San Luis beginnt, auch hier stehen einige Hotels, der schmale Strandstreifen ist von rotgebrannten Touristen überbevölkert. Wir biegen nochmals ab und ich sehe ein typisches Insulaner-Haus, mehrstöckig, bunt, Spitzdach, hölzern. Und auch die älteste Kirche der Karibik bekomme ich zu sehen.



Dann werde ich in meiner Unterkunft abgesetzt, unterhalte mich ein wenig mit Amalia, die mir zugleich unheimlich und doch sehr weise vorkommt. Mit all ihren Visionen und ihrem Wissen. Die nächsten Tage über fahre ich morgens mit raus aufs Meer, allerdings nur zum Schnorcheln. Viele bunte Fische, kleinere, größere, einzelne, in Schwärmen und auch einen Stachelrochen schwimmt an mir vorbei. Ich schnorchele an einer kleinen Insel entlang immer darauf bedacht nicht von Motorbooten oder Jetskis übergebrettert zu werden. Die zweite Station ist weiter draußen, außerhalb des Außenriffs, welches die Hälfte der Insel umrundet. Hier sind es vor allem die Formen der Korallen, die einen faszinieren, einige riesige pilzförmige Gebilde geben der Unterwasserwelt einen ganz besonderen Reiz, Elchkorallen sehen wirklich aus wie riesige Geweihe… Und die Wellen sind hier draußen ein wenig höher, ein schwappt direkt über mir zusammen, reißt mir beinahe die Maske hinfort, lässt mich verschlucken und plötzlich geht der Herzschlag schneller. Vielleicht sollte ich doch nicht so nah ans Riff, wo die Wellen zerschellen. Lieber wieder Richtung Boot.

Am Sonntagmorgen fahren wir raus zu Johnny Cay, eine weitere vorgelagerte Insel. Ich werde ausgesetzt, bewaffnet mit ABC-Ausrüstung und Kamera. Und das tolle ist, ich kann ein wenig Freitag spielen, denn ich bin ganz allein auf der Insel. Zu Fuß einmal rund herum. Ich finde meine Fußspuren wieder, der Wind weht durch die Palmenblätter, noch ist alles still. Niemand sonst hier, auch die ganzen Restaurants sind noch geschlossen, die Liegestühle einsam und verlassen.



Da erspähe ich am Horizont ein kleines Boot, die erste Ladung Angestellter kommt an, sieht mich etwas verwundert an, sagt aber nichts. Ich drehe weiter meine Runden, lass mich in den Sand fallen und genieße diesen Sonntagmorgen, noch immer in der Illusion mich alleine auf der Insel zu befinden. David, ein Insulaner, der hier arbeitet, joggt fleißig um das Inselchen bevor wir uns ein wenig unterhalten… Ein bisschen ins Wasser, dann treffe ich mich mit dem Tauchertrupp nach deren ersten Tauchgang und trinke einen alkoholfreien Kokos-Cocktail. Der Inhaber des kleinen Geschäfts ist ein eingesessener Insulaner, dunkelhäutig, Rastas, Zahnlücke, die bei seinem breiten Grinsen zum Vorschein kommt. Der Akzent ist auch nicht allzu leicht zu verstehen, aber das hat man mir eh schon vorhergesagt… Zum Abschied sagt er mir „Te quiero“ und schenkt mir eine Kokosnuss. Damit kann ich leben. Es sind bereits eine Menge Touristen angekommen, aber das stört mich kaum, ich begebe mich alleine ins Wasser und umrunde die Insel, Maske auf der Nase, Schnorchel im Mund und Flossen an den Füßen. Eine gute dreiviertel Stunde bin ich unterwegs, so klein ist es doch nicht und sehr vielfältig. An einigen stellen flach und felsig, an anderen lässt es sich den Ausblick auf den weißen Sand bis weit in die Ferne genießen. Es ist ein wenig wellig, so dass ich strampeln muss, um nicht ans Ufern geklatscht zu werden. Plötzlich taucht unter mir ein Stachelrochen auf, direkt unter mir, mein Schattenumriss ist so groß wie das Tier oder anders herum, da schwimmt mit einem Mal ein Stachelrochen meiner Größe unter mir, fast verschlucke ich mich. Ich beobachte ihn still, wie er sich immer wieder versucht mit seinen wellenartigen Bewegungen in den Sand zu vergraben. Ein schönes Schauspiel.

Auch am letzten Tag darf ich nochmals diesem Spektakel beiwohnen, allerdings eine kleinere Ausgabe und da ich so kurz vor dem Flug nicht mehr tauchen darf, verpasse ich die Delfine, die die anderen sehen. Man kann eben nicht alles haben. Als die Taucher zu zweiten Mal in die Tiefe verschwinden, bleibe ich im Boot bei Edwin, denn die Wellen werden immer höher, der Himmel zieht sich zu, das Inselende verschwindet in einem dichten Wolkengetümmel, es rauscht, der Regen prasselt hinab und hüllt die grüne Insel in einen grauen Schleier. Die Wellen sehen ganz seltsam aus, es spritzt und spritzt, auch das Boot füllt sich langsam, aber für den Fall der Fälle haben wir eine kleine Pumpe an Bord. Später erzählt mir Amalia, dass der Himmel geweint hat, das Begräbnis der beiden Toten des Brandes sind heute beerdigt worden. Irgendwie fasziniert es mich. Dieser Glaube, diese Visionen, dieses Anderssein. Man mag es kaum in Worte fassen. An diesem Abend erzählt sie mir, dass etwas mit der Insel passieren wird, dass sie bereits nicht mehr ist, was sie mal war und es wird noch viel, viel schlimmer kommen.
Am Montag gönne ich mir noch Krebs zum Mittagessen zwischen all den Fischern, ziehe nochmals durch die Straßen, sitze im Sand am Strand, schaue in die weite Ferne und lasse mich davontreiben. Mango taucht nochmals auf, mit mir macht er glücklicherweise keine Musik, aber ein paar andere Touristen überzeugt er mit ihm rumzuhampeln und ihm dafür danach dann ein wenig Geld zu geben. Nachdem er drei kleineren Gruppen seine improvisierten Musikinstrumente in die Hand gedrückt hat, kommt mir das Lied schon aus den Ohren. Eigentlich wollte ich nur glücklich unter meiner Palme verweilen und den letzten Nachmittag voll Sonne genießen bevor es wieder zurück ins graue Bogotá geht.
Sachen packen, Klimaanlage abstellen, Abschied von Amalia, auf zum Flughafen. Es ist etwa neun als ich ankomme, der Flug geht erst um Mitternacht. Ich treffe mich noch auf ein gemeinsames Abendessen mit Werner, ab auf den roten Flitzer. Bei Gesprächen über das Leben auf der Insel geht die Zeit vorüber. Zurück am Flughafen ist die Schlange zum Einchecken ewig lang. Zumindest unterhalte ich mich mit einem Pärchen, das vor mir in der Reihe steht. Noch sieht alles gut aus, der Flieger scheint pünktlich zu kommen, unglaublich, was die Kolumbianer alles mitschleppen, wie viel Gepäck aufgegeben wird. Im Wartesaal dann setze ich mich, höre Musik und hoffe auf mein Bett. Ein älterer Herr steuert auf mich zu, setzt sich neben mich, erzählt mir er habe mich bereits auf dem Hinflug gesehen, ich denke mir nichts weiter dabei, unterhalte mich ein wenig. Er ist Spanier mit einem kleinen Apartment am Strand, seit 15 Jahren geschieden, Sohn und Tochter von etwa 40 Jahren, er geht seit Jahren allein auf Reisen. Irgendwie nimmt das Gespräch eine seltsame Wendung und plötzlich lädt er mich zu sich nach Spanien ein und auch auf ein gemeinsames Mittagessen. Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ich lehne dennoch ab und muss noch nichtmal vorgeben müde zu sein, denn die Augen fallen mir schon so zu. Es ist bereits Mitternacht, es kam noch keine Durchsage, normalerweise sollten wir schon in der Luft sein. Aber das wird noch dauern. Gegen eins kommt eine unverständliche Durchsage, der Flieger würde um 2.15 landen. Na großartig. Auch andere Flieger haben Verspätung, wohl weil es so stark in Bogotá geregnet hat, dass der Flughafen eine zeitlang gesperrt werden musste. Der Flug nach Pereira wird angekündigt, vom Wartesaal 1 geht es in den Wartesaal 4. Die Stimme die da plötzlich durch die Lautsprecher dröhnt, ist hoch und schrill als ob das Ziel sei alle ertauben zu lassen. Und immer wieder, in Sekundenabständen kreischt es in unsere Köpfe. Die ersten Buh-Rufe werden laut. Doch nein, kein Erbarmen. Menschen beginnen zu laufen. Einer, und noch einer, und noch einer. Und dann wieder einer. Die Wartenden beginnen zu rufen, zu grölen, als ob wir schon bei der Fußballweltmeisterschaft angekommen wären. Es ist zu lustig. Und wieder einer, Anfeuerungsrufe. Und noch einer. Grölerei. Irgendwann kehrt wieder Ruhe ein. Letztendlich starten wir morgens um halb vier, kommen um halb sechs in Bogotá an, ich könnte nen Bus nehmen, aber ich bin viel zu müde, nehme mir ein Taxi, wir rauschen wortwörtlich durch die tiefen Pfützen, der erste morgendliche Stau hat sich bereits gebildet. Um halb sieben falle ich in mein Bett. Gute Nacht.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Solamente no sale nada

Schreibblockade


Der Bericht über meine Reise nach San Andrés steht noch aus, ebenso ein Kommentar zu den vergangenen Wahlen, das Hin und Her, will ich hierbleiben, freu ich mich auf Deutschland, was werde ich vermisse, wie verbringe ich die letzten drei Wochen... Fragen über Fragen und nichts klärt sich, oder eben nur sehr, sehr langsam. Vielleicht tickt da auch gerade in meinem Kopf eine kleine Bombe, die kurz vor der Entschärfung detonieren wird.
Ganz langsam geht es voran, aber eben nur ganz langsam. Ein wenig Geduld. Kolumbianische Langsamkeit gepaart mit Constanzischer Faulheit - so sieht's momentan gerad aus. Chaos. Reinstes Chaos - ohne jegliche Logik.

Donnerstag, 27. Mai 2010

Una semana sin voz

Reden ist Silber, Schweigen ist…

Die Partys haben kein Ende. Da gab es am Samstag eine Überraschungsfete im Süden für einen Freund. Während des gemeinsamen Wartens werden schlechte und noch schlechtere Witze erzählt (da fühlt man sich fast wie zu Hause), einige verstehe ich glücklicherweise nicht, dazu fehlen mir noch immer einige Wörter, ein wenig kultureller Hintergrund oder auch einfach das Interesse sie zu verstehen.
Nachdem die Zeit von schlechten Witzen totgeschlagen wurde, kam dann auch das Geburtstagskind, Luftballons, Konfetti, wie bei einem 15. Geburtstag, der hier riesig gefeiert wird, vor allem für die dann schon nicht mehr ganz so kleinen Mädels. Scheint fast wichtiger als der 18. Geburtstag. Aber Wilson hat schon beide dieser Zahlen hinter sich gelassen. Es wird gefeiert und getrunken bis der Morgen graut. Langsam schwindet meine Stimme dahin, und als es dann Muttertag Frühstück heißt, kommt kein einziger Ton zwischen meinen Stimmbändern hervor. Nichts, so sehr ich es auch versuche. Blöd, wenn das Telefon klingelt und man quasi nichts antworten kann.
Diese Woche verbringe ich in Gesellschaft. Ohne Stimme, aber mit neuer „Mitbewohnerin“, Franziska kommt am Montagabend an. Wieso, weshalb, warum es dazu kam… Am Freitagabend waren wir noch gemeinsam im Kino, „Contracorriente“, ein sehr guter kolumbianischer Film, am Samstagmittag dann haben wir zusammen gekocht. Ich machte mich auf den Weg in den Süden und Franziska sich auf den Heimweg. Fataler Fehler, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. Gegen acht klingelt mein Handy. Schlechte Nachrichten. Franziska ist überfallen worden, in dem Studentenwohnheim, in dem sie gewohnt hat. Und das nicht ohne, bewaffneter Raubüberfall. Plötzlich standen drei Männer in ihrem Zimmer, einer von ihnen scheinbar von Drogen vernebelt, alle fuchteln mit ihren Waffen herum, der Laptop auf dem Bett. Danach wird sie mit zwei Mitbewohnern ins Bad gesperrt. Glücklicherweise hat einer von ihnen sein Handy dabei, Polizei wird gerufen… Sicherlich passiert so etwas auch in anderen Ländern, wie schattig die Seiten sein können, wird einem aber immer erst durch solche Ereignisse bewusst. Nach zwei schlaflosen Nächten zieht Franzi dann bei uns ein. Normalerweise wäre sie bis Ende Mai geblieben, normalerweise. Zum Büro der Airfrance und ohne Probleme umbuchen, eine Woche bleibt uns. Die Gespräche sind immer noch recht einseitig, da meine Stimme einfach nicht zurückkommen will, ab und an kommt ein kurzes Krächzen aus meiner Kehle, aber so wirklich unterhaltsam ist das auch nicht. Trotz der Umstände ist es eine schöne Woche, eine Woche, in der ich viel Deutsch rede (und diesmal fehlen mir die Worte nicht, also im übertragenen Sinne schon), gemeinsames Kochen, gemeinsam essen, Vorfreude auf heimatähnliche Orte, eben eine Woche voller Zusammensein, wenig Einsamkeit. Ein Pizza-Abend zusammen mit Nina, es wird viel gelacht (in meinem Fall noch immer gekrächzt), ein bisschen Wein getrunken und eben viel „Mädchen-Zeugs“ beredet. Später gibt es ein paar Problemchen mit Bastian, er will plötzlich überzogen viel Geld, dafür dass Franzi ne Woche bei uns wohnt, das trübt die Stimmung ein wenig, aber letztendlich regeln wir das alles nach einem ewiglangen Gespräch.
Am Freitag gruselt’s mich im Kino, zusammen mit Kike sehe ich mir „Nightmare on Elm Street“ an, eine gute Neuverfilmung, aber alleine schlafen will man danach nicht, also pack ich Kike ein und die Wohnung wird noch ein bisschen voller. So eine Woche in Gesellschaft fliegt auch einfach so vorbei, es ist bereits Samstag, Franzi und ich gehen noch mal richtig gut essen, im WOK, eine Kette mit sehr, sehr gutem asiatischen Essen, es gibt herrlichen Lachs auf Sushi-Reis und Mango-Soße und ein Nasi Goreng mit Meeresfrüchten… Und Vorspeise und Nachspeise, Espresso (jaaaa, es gibt Espresso und nicht nur faden tinto) leisten wir uns auch, für studentische Verhältnisse ist es schon nicht ganz günstig, aber umgerechnet zahlt jeder nicht mehr als 15 Euro, aber man muss sich ja auch manchmal was gönnen. Abends geht’s dann noch mal zu Nina, wir laufen zu Fuß durch das nächtliche, sehr ruhige Bogotá, Abschied liegt in der Luft. Der Sonntagmorgen erstrahlt in gleißendem Sonnenschein, wir fahren Richtung Norden, treffen uns mit einer Freundin von Franzi und verbringen einen schönen Tag, schlendernd über Märkte, hier noch eine Kleinigkeit, wir probieren eine Koka-Limonade, lassen uns die Sonne auf die Nase scheinen und realisieren noch gar nicht wirklich, dass es die letzten Stunden für eine von uns sind. Gegen Nachmittag geht’s dann zum Flughafen…

Donnerstag, 13. Mai 2010

Olé, ola, ola verde…

Grau, grau, grau sind alle meine Kleider

Manchmal wird die Großstadt zur wirklichen Großstadt. Dann verschwinden die kleinen Nischen und Ecken, alles wird von einer riesigen grauen Wolke verschlungen (nein – keine Aschwolke, die ist euch Daheimgebliebenen vorbehalten). Hier ist es keine Asche, die sich auf alles und jeden niederlegt, sondern vielmehr der Smog. Nur selten haben die wenigen Sonnenstrahlen der letzten Tage die Kraft die dichte Wolkendecke zu durchdringen. Und wenn, dann auch nur für kurze Zeit.
Jedoch kommt ein wenig Farbe ins Spiel. Die grüne Welle. Keine neuen Parks oder Wiesen, die erbaut bzw. gepflanzt werden. Vielmehr eine politische Welle. Die Grünen in Kolumbien. Erst dachte ich, das sei ein Scherz. Aber nein, es hat sich eine neue Partei gegründet, die mittlerweile viele, viele Anhänger hat, insbesondere junge Menschen. Und was noch wichtiger ist: Die Partei hat eine Vision. Von einem ganz anderen Kolumbien. Die Moral der Menschen hier muss geändert werden. So wie Mockus, der Präsidentschaftskandidat der Grünen, es bereits zweimal in Bogotá getan hat. Mockus war zunächst unabhängig von jeglicher Partei, Direktor der Universidad Nacional de Colombia bis er, um einen Protest aufzulösen vor versammelter aufgebrachter Studentenschaft die Hosen runter gelassen hat (und das nicht nur im bildlichen Sinne gesprochen). Mit seinem ganz anderen Wahlkampf hat er es zum Bürgermeister der Hauptstadt geschafft, ist als Mähre verkleidet durch die Straßen gezogen, hat neue erfolgreiche Gesetze eingeführt und viel für die Hauptstadt getan. Jetzt hat er die Unterstützung einer neuen frischen Partei. Mit gestärktem Rückgrat trotzt er Angriffen der anderen Parteien, die alle gegen Mockus sind, da er nicht für den Uribismus steht. Sein Hauptgegner: Santos. Ehemaliger Verteidigungsminister, widerspricht sich gerne selbst, macht seine Gegner schlecht und erfährt trotz allem breite Unterstützung aus den Reihen der Bevölkerung. Und wenn nicht, dann wird sie eben gekauft oder erzwungen. So einfach ist das hier. Oft nur allzu offensichtlich, Korruption herrscht zwar überall auf der Welt, hier ist sie jedoch für jedermann sichtbar, wenn man sie denn sehen will.
Es ist spannend zu beobachten, was gerade so passiert. Mockus hat einen Großteil des Geldes, welches ihm und seiner Partei für den Wahlkampf zur Verfügung steht, in den Aufbau von Schulen investiert, macht Wahlkampf vor allem in jüngeren Medien. So ist täglich Neues auf Facebook von ihm zu lesen, er twittert fleißig, man hat plötzlich das Wahlprogramm in seinem Postfach. ZU Beginn dachte jeder noch, Eintagsfliege, hat so oder so keine Chancen gegen die vorhersehbaren Wahlen. Doch irgendwas passiert in den Köpfen, natürlich insbesondere in Bogotá und da vor allem in den Köpfen jüngerer Menschen, eben denjenigen, den der Zugang zum Internet gegeben ist. Es werden auch witzige Gruppen gegründet, wie z.B. „Prefiero el Parkinson de Mockus que la Gonorrea de Santos“ (zu deutsch: „Ich ziehe Mockus’ Parkinson der Gonorrhö von Santos vor“, zur Erklärung: vor einigen Wochen hat man bei Mockus das Anfangsstadium von Parkinson diagnostiziert, worauf jetzt die Partido de la U rumreitet und „gonorrea“ wird hier sehr gerne als Schimpfwort verwendet). Vielleicht ist es eine kleine Revolution, die da auf uns zurollt. In Form einer grünen Welle eben. Mittlerweile liegt Mockus in den Umfragen vor Santos, aber das hat in einem Land wie Kolumbien wenig zu bedeuten. Die Küstenregionen und natürlich auch die abgelegen ländlichen Gegenden sind alt eingesessen und werden ihre Stimmen nicht für solch einen Grünschnabel abgeben. So viel steht fest, es wird spannend.
Ich für meinen Teil würde mir ein wenig Wandel in diesem Land wünschen. Die Mentalität der Menschen, einwenig den Umgang miteinander, das Bildungswesen natürlich (Mockus sprach von einem Ausbildungssystem, das er sich von den Deutschen abschaut.) und vielleicht wird sogar ein Umweltbewusstsein geschaffen. Am 30.Mai wissen wir mehr, obwohl, wahrscheinlich wird es zu einer Stichwahl kommen, die wäre dann am 20.Juni. Jetzt flüchte ich mich erstmal zu den wirklichen Wellen, eine Woche San Andrés, Karibikinsel, weit, weit draußen im karibischen Meer. Lasse die Wellen des kristallklaren Wassers gegen meinen Körper schwappen und bin gespannt auf die letzte Woche Wahlkampf und, ganz klar, auf die Ergebnisse.



Kleiner Nachtrag: Interessantes Video über Mockus, seinen Wahlkampf zum Bürgermeister Bogotás und eben diese Zeit (ist allerdings auf Englisch/Spanisch)
http://www.megavideo.com/?v=0MKNIESG

Donnerstag, 6. Mai 2010

Un concierto bacano y un juego autóctono




Ein verrücktes Wochenende mehr

Kurze Zeit glaubte ich, dass es vorüber sei mit dem Regen, zumindest war dieses Wochenende wolken- und regenfrei. Aber nein, pünktlich zum Wochenbeginn kam all das Regenwasser hinunter geprasselt, welches uns am Wochenende erspart wurde. Meine Kleidung von vorgestern tropft noch quasi noch immer… Sechsmal duschen pro Tag dürfte recht ungesund sein. Einmal morgens, dann zum Schwimmen, danach die nächste Dusche auf dem Weg von der Uni zur Haltestelle (was in etwa 5 Minuten Fußweg sind), danach konnte ich meine Kleidung komplett auswringen, im Transmilenio etwas getrocknet, wieder raus, auf dem Weg zur anderen Uni wieder ein Regenguss, das Wasser steht in meinen Schuhen. Noch ist es warm, ein heißer Kaffee und Gespräche über Möglichkeiten den Master im Ausland zu verbringen (ein Kolumbianer in Deutschland und eine Deutsche in Kolumbien). Zwei Stunden später auf dem Nachhauseweg, der Regen hat noch nicht geendet und da Madame ja keinen Regenschirm besitzt (den sie so oder so nur verlieren würde, ständig) bedeutet das erneutes Durchweichen. Zuhause angekommen, vom Mitbewohner ausgelacht, Klamotten vom Körper gerissen und zähneklappernd unter die heiße Dusche, noch mal ne Erkältung muss nicht sein. Starker Wochenbeginn also, nach einem starken Wochenende. Das erste, das ich komplett gefeiert hab und unterwegs war, wenig Schlaf, viele Leute, auch das ein oder andere alkoholische Getränk und viel Musik.
Der Freitag stand ganz im Zeichen des Geburtstages einer guten Freundin, Luz, in deren Wohnung ich anfangs gewohnt habe. Hier fängt das Feiern ziemlich früh an, Kike und ich waren also um acht Uhr abends schon spät dran, die Bar überfüllt, beinahe wären wir nicht reingekommen. Die Musik dröhnt, die Massen tanzen, wir finden noch zwei Stühle und setzen uns mit an den Tisch. Das Bier wird gleich im Kasten geordert, da die Bedienung sonst bei dieser Fülle überfordert wäre. Es scheinen ziemlich populäre Lieder zu laufen, bei jedem neuen ersten Ton brechen die Kolumbianer um mich herum in Jubelgeschrei aus und alle singen fleißig mit. Ein bisschen wie Karneval, nur nicht ganz so schreckliche Lieder. Es wird kein Ententanz aufgeführt und auch Kinderlieder werden vor der Verrohung bewahrt. Dann Vallenato. Ein typischer „Tanz“, eigentlich geht es nur darum möglichst eng aneinander geschmiegt sich im Takt zu wiegen. Kike zieht mich auf die Tanzfläche… ZU späterer Stunde dann Musik wie Salsa und auch noch ein wenig na ja, aufreibender. Irgendwann wird sogar ein wenig Techno und House gespielt, ganz wie in den deutschen Diskos, nur leert sich hier die Tanzfläche eher. Wir bleiben und schwitzen und hüpfen und tanzen, mal ein bisschen europäisch. Gegen zwölf Uhr kommen zwei coole Jungs mit Goldkettchen auf die Bühne gesprungen. Aus Cali. Und bringen die Menge wieder zum Tanzen. Reggeaton. Ach, was werde ich es vermissen. Tanzen und weggehen ist hier einfach etwas anderes. Gegen drei Uhr nachts liegen wir völlig erschöpft im Bett. So sind wir also in den Mai getanzt.
Eine geöffnete Bäckerei finden wir am Samstagmorgen nicht. Nur einen Supermarkt, Hauptsache ein bisschen frisches Baguette. Ich habe es mittlerweile sogar geschafft den werten Herrn davon zu überzeugen, Frischkäse mit Marmelade aufs Brot zu essen. Schmeckt. Auch wenn er es nicht zugeben will.
Gegen Nachmittag breche ich auf, spaziere die einsamen Straßen entlang, hinauf, steile Straßen bis zum Viertel La Macarena. Dort suche ich eine Garage. Genau. Um mein Auto zu parken. Ach nein, ich habe ja gar keins. In einem kleinen Hinterhof befindet sich heute eine kleine Zurschaustellung von verschiedenen Designern, darunter auch eine Freundin. Von Kleidung über Schuhe und Schmuck bis hin zu Lampen und Pflanzen. Ein bunter kreativer Mix. Ich verliebe mich in ein paar Schuhe, sammle Anregung zur Verzierung von Räumen. Da gibt es Pflanzen, die aussehen wie Steine (und auch so heißen: piedras vivientes, zu deutsch: lebende Steine), sie fühlen sich ganz glatt an, stammen aus Afrika und faszinieren mich. Andere Pflanzen befinden sich in einem alten Telefon, dort wo früher einmal die Drehscheibe war oder in verformten Vinyl-Platten. Auch die Lampen, die von der Decke hängen, versprühen ein angenehmes Licht. Die Wand-Aufkleber von chispum sind hervorragend.

http://chispum.com/blog/


Wenn man doch nicht aufs Geld achten müsste.
Ein paar Freunde kommen spät, später als verabredet, aber sie kommen. In einer nahe gelegenen Pizzeria gehen wir essen. Die beste vegetarische Calzone meines Lebens und ich kann es kaum glauben, aber sie kostet nur 3,500 Pesos. Großartig. Dann stapfe ich alleine weiter durch die bereits dunklen Straßen Bogotás. Einsam und verlassen. Richtung Parque Nacional. Dort spielen an diesem Abend Juerga Latina. Rap aus Bogotá vermischt mit Latino-Klängen.



http://www.myspace.com/juergalatina

Ein guter Freund spielt Keyboard. Nur erstmal hinfinden. Die Adresse habe ich zwar, aber so ganz wohl in den wenig beleuchteten Straßen fühle ich mich nicht. Da blicke ich in zwei suchende Gesichter, ein Künstler-Pärchen, die ebenfalls jemanden aus der Band kennen, sucht genau wie ich das Haus Buena Vista (die angeblich beste Salsa-Bar Bogotás). Zusammen finden wir es, Yamile und Rodriguo sind nett und aufgeschlossen, wir kommen ins Gespräch, was ganz gut ist, denn wir sind bis jetzt die einzigen. Zehn Minuten später treffen die ersten Instrumente und Band-Mitglieder ein. Uns wurde gesagt um acht. Die Bar füllt sich nur spärlich, wir kriegen die Karte gereicht und verschlucken uns beinahe, recht happig die Preise. Wir bestellen erstmal nichts, warten und unterhalten uns. So vergeht die Zeit bis dann einige meiner Freunde auftauchen, zu denen ich mich geselle.



Das Konzert beginnt so in etwa gegen halb zwölf. Reichlich spät, dafür ist es aber nicht zu verachten. Auf der Tanzfläche befinden sich ein paar Mädels, die aus dem Kreischen gar nicht mehr rauskommen. Als das Konzert vorbei ist, überlegen wir, wohin es denn gehen könnte. Ein Auto, acht Personen. Passt. Im Schneckentempo geht’s zu unserer Wohnung. Und da wird leise weitergefeiert. Getanzt, getrunken, gegessen (selbst die, die das restliche Kaninchen erledigt haben, haben überlebt). Nachts kann man hier alles Mögliche über einen Nachtkurier bestellen, sei es nur eine Schachtel Zigaretten. So ist es draußen bereits wieder hell als die sechs letzten Personen sich im Wohnzimmer zum Schlafen verteilen. Die Vögel zwitschern schon lange wieder.
Nach zwei Stunden Schlaf und ein wenig Aufräumen, dem verschlafenen Blick meines Mitbewohners und ein wenig Koffein, fahren wir Richtung Süden. Die Verabredung zum tejo spielen steht nämlich noch aus. Eigentlich sollten wir uns alle um zwei bei Kike treffen. Als wir losgehen ist es fünf. Die Kolumbianer und die Zeit. Das ist so eine Sache.



Da Sonntagnachmittag ist, ist es gar nicht so einfach ein nicht besetztes Spielfeld zu finden. Wir sind viele, also teilen wir uns auf. Dem Glück ganz nah, finden wir einen Ort, doch als der Inhaber sieht, dass auch Frauen dabei sind, lässt er uns doch nicht spielen. Auf die Frage weshalb, weil halt. Abbringen lassen wir uns nicht. Fleißig geht die Sucherei weiter. Bis wir etwas finden. Tejo also. Man stelle sich eine riesige Halle vor, insbesondere männliches Publikum, viel Bier und explodierendes Schwarzpulver. Keine Angst, ist nur ein klein wenig gefährlich.
Da wir so viele sind, teilen wir uns auf, bekommen zwei Felder. Es gibt jeweils zwei Teams. Auf jeder Seite der Halle befinden sich rechteckige mit Lehm gefüllte angeschrägte Platten. In der Mitte eine runde Markierung, die von dreieckigen mit Schwarzpulver gefüllten Papierstücken verziert ist. Dann gibt es noch den tejo. Eine Art Puck, ziemlich schwer, gusseisern. Diesen gilt es so nah wie möglich aus einer beachtlichen Entfernung eben in die Mitte der Platte zu befördern. Und am besten das Schwarzpulver explodieren zu lassen. Dazu gibt es jede Menge Bier. Meine ersten Würfe gehen komplett daneben, habe schon Angst, dass ich jemanden versehentlich ermorde und doch noch in einem kolumbianischen Gefängnis lande. Aber es wird besser. Und besser. Die Koordination klappt, der Pegel steigt und wir spielen fröhlich. Dann. Ein Wunder. Ich treffe mitten in die Mitte. Glücksgeschrei. Luftsprünge. Einschlagen.



Wir werden etwas seltsam beäugt von dem restlichen doch eher älteren Publikum. Schlussendlich gewinnt mein Team sogar. Meine Kolumbianisierung schreitet voran. Ein ziemlich lustiges Wochenende. Ein paar kommen noch auf mich zu.